"Der Platz pulsiert"

„Schlag ins Gesicht“, „Frechheit gegen jeden Ladenbesitzer“, „von oben herab“. Ein Schreiben von CSU-Fraktionschef Erwin Hagenmaier, das die Qualität der Geschäftswelt am Hildegardplatz in Zweifel zieht, sorgt für Unverständnis unter den Geschäftsleuten vor Ort. Auf einer Veranstaltung mit den Service-Clubs hatte Hagenmaier das Papier unter der Überschrift „Gedanken zum Thema Tiefgarage Hildegardplatz“ als Tischvorlage verteilt. Unter anderem ist dort zu lesen: „Bereits heute ist der Hildegardplatz keine bevorzugte Einkaufslage mehr.“ Dieser Entwicklung müsse Einhalt geboten werden.

Etwa 50 Exemplare des selbst verfassten internen Papiers hat Hagenmaier nach eigenen Angaben bei einer Infoveranstaltung der Initiative „Pro Hildegardplatz“ mit den Kemptener Service-Clubs verteilt. In dem Schreiben – das auch dem KREISBOTEN vorliegt – legt der CSU-Fraktionsvorsitzende dar, warum aus seiner Sicht eine Tiefgarage unter dem Hildegardplatz notwendig ist. Brisanz erhält das Manuskript vor allem durch den letzten Absatz, in dem Hagenmaier auf die aktuelle Situation eingeht. „Bereits heute ist der Hildegardplatz keine bevorzugte Einkaufslage mehr“, schreibt Hagenmaier. „Statt einstmals erstklassiger Geschäfte sieht man heute Büroflächen am Platz. Dieser Entwicklung muss Einhalt geboten werden“, so der CSU-Stadtrat weiter. Werde die Tiefgarage tatsächlich umgesetzt, „werden auch die Hauseigentümer wieder investieren und entsprechend gute Geschäfte sich dort ansiedeln“, schließt er seine Analyse und verweist auf das Mühlbachquartier/Gerberstraße. Niedrige Mieten? „Wenn sich dort, wo einst das beste Schuhgeschäft Kemptens war, jetzt Büroflächen vermieten lassen, deutet das darauf hin, dass die Mieten nicht allzu hoch sind“, konkretisierte Hagenmaier gegenüber dem KREISBOTEN. „Und das ist ein Indiz, dass es mit der Einkaufslage nicht ganz so toll ist.“ Zum Glück habe man bislang aber noch keinen Leerstand am Hildegardplatz. Den zu verhindern, gelinge nur mit einer vernünftigen Umgestaltung des Platzes inklusive Tiefgarage. „Die Chancen auf hohe Mieten habe ich nicht, wenn das Umfeld nicht passt“, betonte Hagenmaier. Deshalb stehe nun vor allem die Stadt in der Pflicht. „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen und den Platz herrichten“, betonte er. Dann würden auch die Hausbesitzer nachziehen und wieder in die Gebäude investieren. Als einen weiteren Grund für eine Tiefgarage führt Hagenmaier in „Gedanken zum Thema Tiefgarage Hildegardplatz“ darüber hinaus die Situation des Kornhauses an. Wenn wegen der fehlenden Parkplätze niemand mehr ins Kornhaus gehe, „dann werden künftig deutlich weniger Veranstalter das Haus buchen. Dies kann nicht im Sinne der Stadt sein.“ Ralf Oberbauer, Sprecher der Tiefgaragen-Gegner und selbst Ladeninhaber am Hildegardplatz, reagierte mit Unverständnis auf Hagenmaiers Thesen. „Das ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden Ladenbesitzers hier in der Umgebung“, sagte er. Die meisten Läden rund um den Platz seien „hochwertige Geschäfte mit einer langen Tradition“. „Wir haben hier keinen Leerstand – im Gegensatz zur Gerberstraße“, spielte Oberbauer auf Hagenmaiers Vergleich an. Und neue Geschäfte an den Platz zu locken, sei aufgrund des Zustands der Häuser und der hohen Auflage mehr als schwierig. „Man muss froh sein, dass die Geschäfte hier so noch funktionieren“, sagte er. Mario Farina von Cusina Toscana bezeichnete Hagenmaiers Schreiben „von oben herab“. Er verstehe nicht, was der CSU-Fraktionschef wolle. „Der Platz pulsiert doch“, so Farina. Auf Unverständnis stoßen Hagenmaiers Äußerungen auch bei Juwelier Gebhard Möslang. „Mit einer Tiefgarage ändert sich hier doch auch nichts“, meinte er. „Mehr als eine halbe Stunde parkt hier kein Mensch“, sagte er. Außerdem habe er ernsthafte Bedenken, dass die alten Gebäude die Arbeiten an einer Tiefgarage unbeschadet überstehen. „Das stimmt überhaupt nicht – wir haben eine super Geschäftslage und unser Laden läuft hervorragend“, widersprach auch Renate Wittgen vom Feinkostladen „Gesund und Fein“ Hagenmaier. „95 Prozent unserer Kunden wollen keine Tiefgarage – bei zehn Minuten Einkaufen fährt doch keiner in eine Tiefgarage“, erklärte sie. Auch Herbert Schrankenmüller, Inhaber der Buchhandlung Pröbster und eigentlich für eine Tiefgarage, kann Hagenmaiers Äußerungen so nicht ganz zustimmen. „Momentan haben wir noch Fachgeschäfte hier und wir betrachten uns auch als ein Fachgeschäft“, sagte er. Werde keine Tiefgarage gebaut, werde sich das wohl ändern. „Wenn keine Tiefgarage kommt, bin ich weg.“

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