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Der Reichelsberg in Kempten – Teil I

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Von: Dr. Willi Vachenauer

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Blick von der Lorenzkirche zum Reichelsberg in den 1920er Jahren. © Archiv Singer

Kempten – Im Westen der Stadt Kempten, nicht weit vom heutigen Kemptener Klinikum entfernt, befinden sich an der Rottenkolberstraße Nr. 8 die von 1982 bis 1983 renovierten Gebäude des ehemaligen Ökonomieguts Reichelsberg. 

Heute sind an diesem Gebäude zwei Gedenktafeln angebracht, auf denen die Geschichte des Gutes kurz beschrieben ist.

Es ist noch nicht so lange her, da gab es auf dem Reichelsberg nur Felder und an den teils steilen Abhängen zur Rottach hin waren Wälder. Am westlichen Gipfelpunkt, auf einer Höhe von ungefähr 710 Metern, befand sich ein einsamer Bauernhof, das später so genannte Gut Reichelsberg. Wie man aus älteren Flurkarten ersehen kann, veränderte sich der ländliche Charakter auf dem Reichelsberg bis in die 1950er Jahre kaum. Dann aber entwickelte sich aus den ehemaligen Feldern des Gutes bis heute ein bedeutender Teil Kemptens, der nicht nur ein beliebtes Wohngebiet ist. Vor allem aber – und das darf man ohne Übertreibung feststellen – gilt er als bedeutendstes Gesundheitszentrum der Stadt Kempten, mit dem großen Kempter Klinikum und mehreren größeren medizinischen Einrichtungen.

zwei Gedenktafeln am heutigen Wohnhaus
Diese zwei Gedenktafeln am heutigen Wohnhaus ... © Archiv Singer
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... erinnern an das ehemalige Ökonomiegut Reichelsberg. © Archiv Singer

Der Reichelsberg als einstiges herrschaftliches Gut

Nach Erklärungen, die man in alten Wörterbüchern findet, kann der Begriff „Reichel“ mit Herrschaft, Herrscher, Macht, reich oder mächtig übersetzt werden. Diese Beschreibung lässt den Schluss zu, dass der Hof auf dem Reichelsberg einst ein herrschaftliches Gut gewesen ist. Nach einer alten Wegbeschreibung aus den 1920er Jahren ist der Fußweg von der Stadt zum Reichelsberg wie folgt bezeichnet: „Geht man von der katholischen Pfarrkirche am Kornhaus vorüber, durch die Blumenstraße (heutige Wartenseestraße), dann nördlich den Stiftskellerweg, bis zum Ökonomiegebäude der Englischen Fräulein hin und wendet sich dann dem nach Westen führenden Fußweg zu, so gelangt man auf eine Anhöhe, den Reichelsberg. Sobald man auf dem Höhepunkt angekommen ist, sieht man das stattliche Ökonomiegut Reichelsberg vor sich liegen.

Bei dem einstigen Wohnhaus des Anwesens handelte es sich um ein Allgäuer Bauernhaus mit Fachwerk und den damals üblichen Inschriften. Über dem Eingang stand: „Gott behüte dieses Haus und die da gehen ein und aus.“

Auf der Ostseite des Wohngebäudes befand sich im Obergeschoss ein Balkon, der heute nicht mehr vorhanden ist. Unterhalb davon, über den Fenstern im Erdgeschoss, waren zu beiden Seiten folgende Sprüche angeschrieben, die auch in der heutigen Zeit zum Nachdenken anregen können.

Auf der rechten Seite stand: „Einem Jeden Recht zu thun, Wird sich niemand understun!“ Auf der linken Seite konnte man lesen: „Der soll kommen in die Welt, der thut was jedermann gefällt!“ Auf einer alten Postkarte, auf der das Wohnhaus abgebildet ist, kann man noch ansatzweise die beiden Anschriften erkennen.

Der gesamte Gebäudekomplex bestand im 19. Jahrhundert aus dem Wohnhaus, Stallungen für Kühe und Pferde, Stadel, Remise, Schuppen, Hühnerstall, Hühnerhof, einem Hofraum und dem dazugehörigen Brunnen. Den großen Hofraum, als Zentrum des Gutes, umschlossen im Norden das Wohnhaus, im Westen den Pferde- und Rinderstall und im Süden den Ökonomiestadel. Auf dem Dach des Stalles befand sich schon damals ein kleiner Glockenturm, der auch heute noch zu sehen ist.

Im Kuhstall konnten 40 Kühe untergebracht werden und der Pferdestall bot Platz für mehr als vier Pferde. Westlich vom Gebäude befand sich ein Garten, der sogenannte „Würzgarten“, auf dem verschiedene Kräuter und Gemüse für den Eigenbedarf angebaut wurden. Daneben stand ein zugehöriges Sommerhaus. Nicht weit davon entfernt war der obere Baumgarten, der mit seinen verschiedenen Obstbäumen ebenfalls der Versorgung des Hauses diente.

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Das Gut auf dem Reichelsberg nach einer Stadtansicht von 1559. © Stadtarchiv

Die Anfänge des Reichelsbergs liegen im Dunkeln

Wer das Anwesen auf dem Reichelsberg ursprünglich erbaut hat, ist heute nicht mehr bekannt. Aber schon im Jahre 1384 ist in alten Quellen von ihm die Rede. So leistete am Dienstag nach Gallus (Gallustag ist der 16. Oktober) im Jahre 1384 ein Heinz Probst auf dem Reichelsberg Bürgschaft bei einer Urfehde gegen die Stadt. Eine Urfehde konnte seinerzeit als durch einen Eid beschworene Streit- und als Hafturfehde auftreten. Dabei galt, wer den Schwur brach, beging einen Meineid und musste mit entsprechender Strafe rechnen. Bei einer Streiturfehde verpflichteten sich die Streitparteien durch einen Schwur, eine begonnene oder angedrohte Fehde zu beenden. Eine Hafturfehde trat dagegen im Strafrecht auf. Hier musste sich der zu einer körperlichen Strafe Verurteilte per Eid verpflichten, dass er sich wegen der erlittenen Strafe an niemanden rächen werde und er sich zukünftig der Stadt nicht mehr als vier Meilen nähert. Falls der Verurteilte den Eid brach, konnte ihm der Scharfrichter entweder den Schwurfinger oder sogar die ganze Schwurhand abhauen.

1451 tritt dann in den Quellen das Stift Kempten als Eigentümer dieses Bauerngutes auf und die nachfolgenden Besitzer hatten damit bis in die Zeit der Säkularisation den Status von stiftischen Lehensnehmern. (Heute würde man sie als eine Art Pächter bezeichnen, die für die Nutzung des Landes bestimmte Abgaben in Form von landwirtschaftlichen Produkten oder auch in Geld zu entrichten hatten).

Danach müssen sich die Besitzverhältnisse auf dem Reichelsberg in teilweise nicht immer klar erkennbaren Prozessen geändert haben. Wie dies im Einzelnen erfolgt ist, lässt sich aus den vorhandenen Quellen aber nicht ermitteln.

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Gebäude des ehemaligen Gutes auf dem Reichelsberg heute. © Vachenauer

So veräußerte im Jahre 1477, am Samstag vor Kandate (vor dem vierten Sonntag nach Ostern), die Witwe des Hänni Probst, die sich Älla (Elisabeth) nannte und auf dem Reichelsberg der Pfarrei St. Lorenz wohnte, an den Koch des Abtes Johann von Werdnau mit Namen Klaus Häfelin, um insgesamt 290 Pfund Heller, gewisse Rechte am Langacker und an der Roßweid.

Am 15. November des Jahres 1479 erwarb ein Klaus Häfelin auf dem Reichelsberg von Konrad Tanner, beheimatet zur Tanne in der Pfarrei Altusried, den dritten Teil von dem Gut auf dem Reichelsberg als Lehen des Gotteshauses Kempten (Stift Kempten).

In einer Vollmacht, den Stiftkemptische Untertanen nach Ende des Bauernaufstandes im Jahre 1525 und zum Abschluss des Memminger Vertrages im Jahre 1526 formulierten und der sie zu Verhandlungen mit dem Fürstabt Sebastian von Breitenstein legitimierte, ist die Witwe des Hans Kuißlin I., als Bewohnerin des Gutes auf dem Reichelsberg genannt.

Allerdings sah seinerzeit das Gut auf dem Reichelsberg noch anders aus, wie man auf einer alten Stadtansicht aus dem Jahre 1559 von einem unbekannten Meister sehen kann.

Später gelangte das Gut Reichelsberg in den Besitz von Baltasar Pettenbeck, Stift-Kemptischer Oberholzwart und seiner Frau Maria Margarete Hoheneck. Denn am 14. September 1588 veräußerten die beiden das Gut auf dem Reichelsberg als stiftisches Lehen an Hans Kuißlin II.,Vogt zu Liebenthann und an seine Frau Anna Hoheneck. Die Frauen Anna Hoheneck und Maria Margarete waren Töchter einer gewissen Agnes Mayr. Diese wohnte hinterm Stift Kempten und soll die Geliebte des Fürstabts Albert von Hoheneck (1584 - 1587) gewesen sein. Agnes Mayr hatte angeblich vom Fürstabt noch zwei andere Töchter, nämlich Beatrix und Barbara, die sich ebenfalls Hoheneck nannten. Über den Lebenswandel des Fürstabts Albert von Hoheneck ist in alten Kemptener Geschichtsbüchern zu lesen, dass sich die Bürger der Freien Reichsstadt Kempten über den Fürsten und seinen Lebenswandel manch Anstößiges zu erzählen wussten. So sagte man ihm nach, dass er schon lange vor seiner Wahl zum Abt am 27. Juni 1584 im Konkubinat gelebt hat und daher auch Vater von vier Kindern, einem Sohn und drei Töchtern, gewesen ist, auch habe er nach seiner Wahl zum Fürstabt nicht daran gedacht, seinen Lebenswandel zu ändern. Bezeichnend dafür kann die folgende Anekdote gesehen werden. Als der Fürstabt seinen Hofnarren gefragt hat, was denn die Leute über ihn denken, habe der Narr geantwortet, die Leute sagen, er sei der größte Hurenbock weit und breit.

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Fürstabt Albert von Hohenegg. © Stadtarchiv

Bald nachdem er zum Abt gewählt wurde, starb seine Konkubine Beatrix. Daraufhin legte er sich die Witwe des Holzwartes zu und ließ für sie ein Haus erbauen. Aber schon zwei Jahre später verstarb auch diese Frau. Um die Zukunft seiner Kinder zu sichern, ließ sich dieser Fürstabt am 1. April 1587 von Kaiser Rudolph II das sogenannte Palatinat mit allen dazugehörigen Freiheiten und Rechten verleihen. Insbesondere bekam er damit die Gewalt, an des Kaisers statt, Manns- und Frauenspersonen, die außerehelich geboren waren zu legitimieren. Dazu gehörte auch das Recht, dass er ehelichen Leuten nach seinem Gutdünken Wappen mit Schild und Helm verleihen konnte. Deswegen sah man seinerzeit auf dem Reichelsberg im südwestlichen Eckzimmer des Wohnhauses, in einer Nische über der Tür den rotbraunen Stierkopf des Hoheneckschen Wappen aufgemalt.

Balthasar Pettenbeck verließ nach dem Kauf das Gut auf dem Reichelsberg und übersiedelte nach Murnau, wo er Gerichtsschreiber wurde. Das Gut überließ er seinem Sohn, der ebenfalls den Vornamen Balthasar trug. Dieser Balthasar Pettenbeck Junior, war ein studierter Mann und Doktor der Rechte. In dieser Eigenschaft übernahm er auch den Rechtsbeistand für seine Mutter, Maria Margarethe Hoheneck, und deren Brüder Hans Reinhart, Hans Adam und den Schwestern Barbara und Maria. In deren Namen verkaufte er im Jahre 1617 das vordere Haus am Reichelsberg um 300 Gulden, samt dem Mannsstuhl in der Klosterkirche St. Lorenz an Johann Kuißlin, Stift kemptischer Kastenvogt und an dessen Frau Anna Hoheneck. Johann Kuißlin hatte zwei Söhne, Albert und Friedrich. Albert trat im Kloster Ottobeuren als Benediktiner ein, wurde dann an die Akademie nach Salzburg berufen und um das Jahr 1624 zum Abt und Prälaten von St. Peter erwählt. Er sei ein durch Gelehrsamkeit ausgezeichneter Mann gewesen. Sein Bruder Friedrich war seit 1650 Stiftkemptischer Kastenvogt. Dieses vordere Haus am Reichelsberg dürfte im 30-jährigen Krieg zerstört worden sein.

Die Erben des Friedrich Kuißlin verkauften in den Jahren 1670 und 1672 das Gut auf dem Reichelsberg an das Stift Kempten. Es verblieb nun 130 Jahre in dessen Besitz.

Bei der Säkularisation (Auflösung vieler kirchlichen Einrichtungen und die Verstaatlichung ihres Besitzes) zur Zeit des Fürstabts Castolus Reichlin von Meldegg im Jahre 1802/03 ging das Gut Reichelsberg gleich allen übrigen Besitzungen an das kurfürstliche Bayern über.

Um an Geld zu kommen, ließ Bayern im Jahre 1805 das Anwesen auf dem Reichelsberg versteigern. Dabei ging das Gut für 9.181 Gulden an den kurpfälzisch-bayerischen Hauptmann der Infanterie, Franz von Stack, einen gebürtigen Lothringer. Im Jahre 1831 veräußerte Franz von Stack den Reichelsberg an den Bauern Nicolaus Böck.

Der nächste Teil der Serie erscheint demnächst.

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