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Der Russland-Ukraine-Krieg klingt auch im sechsten Meisterkonzert mit »Arpeggione« an

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Von: Cordula Meffert

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Mit dem Vater Prof. Irakli Gogibedaschwili am Dirigentenpult, brilliert Tochter Elisso als Soloviolinistin zusammen mit dem Hohenemser Kammerorchester Arpeggione.
Mit Robert Bokor am Dirigentenpult, brilliert Elisso Gogibedaschwili als Soloviolinistin zusammen mit dem Hohenemser Kammerorchester Arpeggione. © Cordula Meffert

Kempten – Spätestens seit der Amtsenthebung des Münchner Chefdirigenten Valery Gergiev ist der Ukraine-Krieg in der Kultur angekommen. Und auch bei der Einführung zum Meisterkonzert im Kemptener Stadttheater am 8. März wird er thematisiert.

Denn Professor Irakli Gogibedaschwili, Gründer des Hohenemser Kammerorchesters Arpeggione, das den Abend musikalisch gestalten wird, stammt aus Georgien. Das tagesaktuelle Geschehen, so der Bratschist und Musiklehrer, lasse in ihm die Schrecken des Georgien-Krieges wiederaufleben.

„Musik darf niemals Krieg oder Gewalt repräsentieren.“

Im Gespräch mit Dr. Franz Tröger, Programmkoordinator der Meisterkonzerte, und Ulrike Rottenburger, mitverantwortlich für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Theater, zeigt sich Gogibedaschwili sichtlich bestürzt über die „Absurdität des Krieges“. Und er stimmt seinem russischen Musikerkollegen ­Daniel Raiskin zu, der das nächste Meisterkonzert am 28. März in Kempten dirigieren wird und über Tröger ausrichten lässt: „Musik darf niemals Krieg oder Gewalt repräsentieren.“

Gogibedaschwili betont, dass gerade die bunte Mischung internationaler Künstler, die Vielfalt an Traditionen und Ansichten dem Arpeggione seine besondere Energie und Komplexität verleihe. Unabhängig vom Herkunftsland komme man zusammen, um zu musizieren. Der Erfolg gibt ihm Recht: Das Kammerorchester hat in den 32 Jahren seines Bestehens bereits über 1.000 Konzerte weltweit gegeben. Sein Repertoire reicht von klassisch bis zeitgenössisch, und ein Anliegen des Orchesters ist es auch, nicht so oft gespielte Kompositionen zur Aufführung zu bringen.

Auf die Frage, wie die drei für den Musikabend ausgewählten Stücke zusammenpassen, schmunzelt Prof. Gogibedaschwili: „Das muss das Publikum beurteilen.“ Doch schnell kristallisiert sich im weiteren Gesprächsverlauf eine Verbindung heraus, die man im Konzert bestätigt findet.

Der Abend beginnt mit dem Sextett aus Richard Strauss‘ Oper „Capriccio“, die 1942 in München uraufgeführt wurde. Wohl selten war eine Oper im Kontext der historischen Ereignisse weltfremder als dieses letzte Bühnenwerk von Strauss, das sein (ambivalentes) Beharren auf der Autonomie der Kunst in Zeiten des Weltkrieges zeigt. Die Oper befasst sich inhaltlich mit dem semantischen Streitfall der Musikgeschichte, ob Wort oder Musik der Vorrang gebührt.

Das Sextett wurde losgelöst von der Oper, als eigenständiges Stück veröffentlicht, und das Kammerorchester unter der Leitung von Robert Bokor präsentiert die „aus der Zeit gefallene“ Komposition gefühlvoll, sanft und mit präziser Harmonie.

Charakterlich verwandt zeigt sich das zweite Stück des Abends: das „Siegfried-Idyll“ von Richard Wagner, auch dies ein eher ruhiges, süßes Stück, das dem Publikum ein Abtauchen in friedvollere Zeiten erlaubt. Wagner selbst bezeichnete es einmal als seine „liebste Komposition“. Als Morgenständchen für seine Frau Cosima zum ersten Mal aufgeführt, ist es ein sehr persönliches Werk, in dessen Entstehung private Erlebnisse und Stimmungen eingeflossen sind. Auch hier zeigt sich das Orchester virtuos im Zusammenspiel, transportiert meisterhaft die idyllischen Klangfarben des Stückes.

Nach der Pause: Beethoven. „Göttlich“ hat ­Gogibedaschwili in der Einführung das Violinkonzert in D-Dur genannt, das mit etwa 50 Minuten Spieldauer eines der längsten Violinkonzerte der Musikgeschichte ist. Gogibedaschwilis Tochter Elisso übernimmt den Solopart. Die vielfach ausgezeichnete, erst 22jährige Musikerin gab bereits im Alter von zehn Jahren ihr Orchesterdebüt und war mit 19 die jüngste Stipendiatin des Richard-Wagner-Verbandes Vorarlberg.

Das Konzert, obgleich anspruchsvoll zu spielen, verzichtet auf jede Virtuosität, es wurde daher zunächst selten aufgeführt und von zeitgenössischen „Kennern“ Beethovens vernichtend kritisiert. Heute zählt das Werk jedoch zu den beliebtesten und meist gespielten Violinkonzerten und zeichnet sich formal durch eine ideale Balance von Orchester und Soloinstrument aus.

Elisso Gogibedaschwili zeigt eine starke Bühnenpräsenz, sie wirkt in jedem Moment hochkonzentriert und zieht das Publikum vom ersten Ton an in ihren Bann. Der jungen Künstlerin gelingt mit ihrer Violine von Andrea Guarneri aus dem 17. Jahrhundert eine wunderbare Intonation, auch in höchsten Lagen. Die Musik scheint durch sie hindurchzufließen – sie spielt mit technischer Brillanz ohne das Gefühl zu vernachlässigen und meistert die romantischen Züge des Konzerts mit ihrer sehnsuchtsvollen Stimmung ebenso bravourös wie das energische Finale.

Hochemotionales Finale

Beethovens Komposition transportiert eine beglückende Grundstimmung, der Gesamteindruck trägt trotz Ansätzen zu kämpferischen Passagen lyrische Züge. Und hier liegt wohl auch die Antwort zur Eingangsfrage, wie die drei Stücke des Abends zusammenpassen: Die Kompositionen verbinden sich stimmig zu einem Kontrapunkt zur Gewalt und Brutalität des Krieges, erlauben dem Publikum in eine „erlösende Ruhe“ einzutauchen.

Applaus und Bravo-Rufe für das Orchester und die junge Solistin, bevor es zur Zugabe hochemotional wird. „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Dieses Zitat von Victor Hugo schickt Elisso Gogibedaschwili der Zugabe voraus – als Zeichen der Solidarität wird die „Melodie“ des ukrainischen Komponisten Myroslaw Skoryk gespielt. Diese Komposition, obgleich jüngeren Datums, ist in der Ukraine so bekannt, dass sie häufig für eine alte Volksweise gehalten wird. Ein anrührendes, nachdenkliches Stück, wunderschön dargeboten, das sicherlich einige Zuschörerinnen und Zuhörer vor dem Hintergrund der Kriegsereignisse zu Tränen rührte. Ein bewegender Abschluss eines äußerst gelungenen Abends.

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