Die ländliche sowie klösterliche Prägung ist bis heute erhalten geblieben

Der Stadtteil Lenzfried und seine Geschichte

Blick auf Lenzfried vom Steinbruch in Hinterholz aus gesehen.
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Blick auf Lenzfried vom Steinbruch in Hinterholz aus gesehen.
  • VonDr. Willi Vachenauer
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Lenzfried ist heute ein beliebter Ortsteil der Stadt Kempten und als Wohngebiet sehr attraktiv. Zurzeit entstehen an der Lenzfrieder Straße am Ortsausgang 14 Wohneinheiten und im Gelände der ehemaligen Realschule der „Armen Schulschwestern“ am Gerhardinger Weg sind 59 Wohnungen mit 106 Tiefgaragen geplant. Lenzfried hatte nach Auskunft der Stadtverwaltung zum Stichtag 31.12.2020 insgesamt 2.596 Einwohner mit Hauptwohnsitz, darunter befanden sich 280 Ausländer und 770 Einwohner mit Migrationshintergrund. Auf einer Ortsteilfläche von 152,47 Hektar stehen insgesamt 878 Gebäude, davon sind 521 Wohngebäude

Völlig anders zeigten sich die Verhältnisse nach einer Häuserstatistik um 1819. Seinerzeit hatte das überwiegend landwirtschaftlich orientierte Dorf Lenzfried 16 Wohnstätten mit insgesamt 101 Einwohnern. Wie Lenzfried um diese Zeit aussah, kann man auf einem Plan um 1828 erkennen. Im Jahre 1900 gab es dann schon 22 Anwesen mit 300 Bewohnern. Damals hatte das dünn besiedelte Lenzfried eine Fläche von 134,42 Hektar. Der Ort bestand aus einfachen Bauernhäusern, einem „Schloß-Gut“, einem größeren Bauerngut, einer Wirtschaft, dem sogenannten „Wirts-Gut“ und einer Mühle zum Kornmahlen, das „Mühl-Gut“. 

Ortsplan von Lenzfried um 1828.

Im Jahr 1954 bekamen die Wege und Straßen in Lenzfried eigene Namen und die Häuser erhielten neue Hausnummern. Als es am 1. Juli 1972 im Zuge einer Gebietsreform zur Eingemeindung der bisherigen Gemeinden St. Lorenz und St. Mang nach Kempten kam, bedeutete dies das Ende der Selbstständigkeit von Lenzfried, deren letzter Bürgermeister Ludwig Jaud das Amt von 1960 bis 1972 innehatte.

Ortsschild von Lenzfried.

Der Name des Stadtteils Lenzfried hat mit „Lenz“, also Frühling und „fried“ wie friedlich oder Frieden nichts zu tun. Vielmehr leitet sich Lenzfried ab vom Begriff „Lentfrits“, der im Zusammenhang steht mit einem gewissen Lantfrit, also einer Person, die ein bäuerliches Anwesen besitzt und dieses eingefriedet, d.h. umzäunt hat (Lant = Grund und Boden, frit = Umfriedung). Schon um 1170 taucht dieses „Lentfrits“ auf, als ein „Landfrit“, ein ritterlicher Dienstmann des Klosters Ottobeuren in Leubas eine Burg erbaute, um das Leubastal kontrollieren zu können. Es ist daher nicht auszuschließen, dass dieser „Landfrit“ bereits als möglicher Gründer des heutigen Lenzfrieds gesehen werden kann. Im Laufe der Zeit entwickelte sich durch Lese- und Schreibfehler oder Sprachveränderungen aus „Lantfrit“ das Wort „Lentfrits“ oder „Lentfrids“. Von diesem „Lentfrids“ hören wir dann um 1330, als von einem Hof „ze dem Lentfrids“ die Rede ist. Um 1394 und 1451 ist dann ein Meierhof, also eine Art Verwaltungshof eines Grundherrn zu „Lentfrids“ genannt. Diesen Hof hat Hans Wilhelm von Laubenberg zu Wagegg anno 1559 an das Stift Kempten getauscht. Schon 1520 und dann 1640 tauchen in den Quellen die Begriffe „Lempfrids“ und „Lempfriz“ auf. Zwischenzeitlich gibt es sogar die Bezeichnung „Lenzfrid“, die fast mit der heutigen Schreibweise Lenzfried identisch ist. Es wäre möglich, dass die aktuelle Schreibweise Lenzfried (mit „ie“ geschrieben) auf klösterlichen Einfluss zurückzuführen ist.

Bürgermeister Ludwig Jaud. Das Bild findet sich im Pfarrsaal in Lenzfried.

Klösterlicher Einfluss in Lenzfried

Lenzfried ist von kirchlichen Institutionen, zuerst von Franziskanermönchen, dann von den Schwestern des Franziskanerordens und später, im 19. Jahrhundert von den „Armen Schulschwestern“ entscheidend geprägt worden. So kamen im Jahre 1458 auf Betreiben des damaligen Pfarrers an der St.-Mang-Kirche, Leonhard Märklin, der auf seinen Reisen im „Welschen Land“ die fruchtbare Arbeit der Franziskanermönche erlebt hatte, fünf Franziskanerpatres nach Kempten. Zunächst fanden die Mönche Unterkunft im Hause des alten Konraders und dann in der Herberge der frommen Bürgersfrau Barbara Thomanin. Während in der Stadt Kempten der Franziskanerpater Martin Vela wirkte, gingen seine Mitbrüder in der Umgebung ihrer seelsorgerischen Tätigkeit nach. Wegen ihres freundlichen und aufopferungsvollen Verhaltens eroberten die Mönche sehr schnell die Herzen der Menschen. Daher beschloss der Kemptener Rat, ihnen die Kapelle St. Ursula im Ried (Ursulasried) zu übergeben einschließlich eines Grundstücks für den Bau eines kleinen Klosters. Aber dazu sollte es nicht kommen. Denn als Pfarrer Märklin, der längere Zeit aus Kempten verreist war, nach seiner Rückkehr feststellte, dass die Franziskaner bei den Menschen sehr beliebt waren, kamen Eifersucht und Missgunst bei ihm auf und er hintertrieb mit allen Mitteln dieses Vorhaben. Durch Intrigen gelang es ihm, sowohl die Obrigkeit der Reichsstadt als auch den Fürstabt Gerwig II. von Sulmentingen gegen die Mönche aufzuwiegeln. Obwohl Märklin bei einem Hochwasser, das Teile der Stadt überflutete, sein Leben verlor, blieb die ablehnende Haltung gegenüber den Mönchen bestehen. Daher gaben die Patres ihren Plan auf, im Kemptener Raum ein Kloster zu gründen. Erst nachdem sich der Leiter des Franziskanerordens, unterstützt von Papst Pius II und vom Augsburger Bischof Peter von Schaumberg erfolgreich für die Mönche einsetzten, änderte sich die Lage.

Historische Ansicht von Lenzfried.

Daraufhin erwarben Unterstützer der Franziskaner, dazu zählte auch der Kaplan von St. Mang Ulrich Rist, in Lenzfried das Gut des Landwirts Johannes Rot(t), für den Bau eines kleinen Klosters. Schon zum Fest der Apostel Peter und Paul, also am 29. Juni 1461, zogen die Mönche nach Lenzfried und begannen eigenhändig mit dem Bau ihres kleinen Klosters, das von einer Mauer umgeben, vier Zellen und ein kleines Oratorium haben sollte. Da es immer noch Ressentiments seitens der Stadtobrigkeit und des Fürstabtes gab, ging der Bau aber nur langsam voran. Kaum ein Stiftsbewohner traute sich aus Angst vor Nachteilen, die Klosterbrüder zu unterstützen. Daher wollten die Mönche wieder aus Kempten wegziehen. Der Intervention von Kaplan Rist war es nun zu verdanken, dass wenigstens zwei Patres in Lenzfried blieben und dass das Kloster unter bischöflichen Schutz gestellt wurde. Damit konnten weitere Mönche nach Lenzfried kommen und am 12. Mai 1463 erfolgte die Grundsteinlegung für ein nun größeres Kloster. Schon am 4. Dezember 1466 wurde die neue Klosterkirche samt ihres zugehörigen Klosterfriedhofs dem Heiligen Bernhard von Siena geweiht, daher auch der Name Franziskanerkloster St. Bernhardin.

Die Franziskanermönche übernahmen nun die Seelsorge für die zur Stadtpfarrei St. Mang gehörenden Gemeinden. Dies ging bis zur Reformation, als sich die Bürgerschaft der Stadt Kempten mit ihrer Kirche St. Mang dem reformierten Glauben zuwandten. Die Lenzfrieder Franziskaner gingen nun daran, mit dem im Jahre 1523 aus Nürnberg vertriebenen Pater Johannes Winzler den alten Glauben zu verteidigen. Obwohl Winzler aufgrund des Bauernkrieges aus Lenzfried fliehen musste, durften die Mönche bleiben und wurden wegen ihres segensreichen Wirkens von Übergriffen seitens der Bauern verschont. Den Fürstabt Sebastian von Breitenstein aber vertrieben die Bauern aus seinem Kloster. Zunächst floh er nach Liebenthann und musste dann sogar in der Reichsstadt Kempten um Aufnahme bitten. Da in Glaubensfragen damals große Unsicherheit herrschte, bekamen die Lenzfrieder Franziskaner 1546 ein Messeverbot auferlegt und zogen sich daher 1548 aus Lenzfried zurück und gaben ihre Gebäude auf.

Die grauen Schwestern

Kloster konnten dann die aus der Stadt Kempten vertriebenen katholischen Ordensfrauen einziehen. Diese „grauen Schwestern“, so genannt wegen ihrer grauen Kleidung, hatten bis dahin in der Reichsstadt Kempten in ihrem Kloster an der Stadtmauer gelebt, am sogenannten Neustätter-, Toten- oder Waisentor (heutige Suttschule) nach der Regel des dritten Ordens des heiligen Franz von Assisi und hießen deswegen auch Terziarinnen.

Da die Schwestern dem katholischen Glauben treu blieben, stellte sie der Rat der evangelischen Freien Reichsstadt Kempten vor die Wahl, evangelisch zu werden und zu heiraten oder die Stadt zu verlassen. Da sie sich diesen Forderungen verweigerten, mussten sie Kempten verlassen. Der Fürstabt Wolfgang von Grüntenstein gab ihnen zunächst eine Zuflucht in Hirschdorf und später dann im Schloss Schwabelsberg.

Als die Schwestern im Jahre 1548 ins ehemalige Männerkloster nach Lenzfried zogen, erhielten sie mit Georg Megglin einen Kaplan und Beichtvater zugewiesen, für den man eine eigene Wohnung einrichtete. Nun widmeten sich die Frauen aufopferungsvoll der Pflege alter und kranker Menschen. Damit erfüllten sie eine wichtige soziale Aufgabe, derer die Menschen dringendst bedurften und dies besonders nach den harten Zeiten des 30-jährigen Krieges, der die Glaubensgegensätze auf oft brutalste Weise kumulieren ließ. Georg Megglin bekam 1619 die Seelsorge über die katholischen Bewohner des rechten Illerufers, die vormals zu St. Mang gehört hatten. Seitdem feierten die Lenzfrieder Pfarrer in ihrer Kirche für die Katholiken rechts der Iller an den Sonnund Feiertagen die Gottesdienste. 1642 erhob der Augsburger Bischof Heinrich V. von Knöringen die Lenzfrieder Klosterkirche, die dem Heiligen Magnus geweiht war, zur Pfarrkirche und das Haus der Klosterfrauen und des Beichtvaters erklärte man zum Pfarrhof der neuernannten Pfarrei St. Magnus in Lenzfried.

Gruftanlage unter der Pfarrkirche zu Lenzfried.

Die Franziskanermönche kommen zurück

Da der Franziskanerorden seinen Anspruch auf das Lenzfrieder Kloster nie aufgegeben hatte, forderte Pater Johannes Meyr, der Provinzial des Franziskanerordens das Kloster zurück. Um die Besitzansprüche zu wahren, sandte er im Jahr 1643 zwei Franziskanerpatres nach Lenzfried. Im Jahr 1649 konnten die Mönche unter der Leitung eines Guardians (Klostervorstehers) einen eigenen Convent (eigenständiges Männerkloster), mit mindestens zwölf Ordensgeistlichen einrichten. Die Mönche lebten einige Zeit gemeinsam mit den Frauen des Franziskanerinnen-Ordens in diesem kleinen Kloster und dies, obwohl die kleine Mauer, die als Trennung zwar geplant war, nie errichtet wurde. Die Franziskanerpatres erwarben sich als Seelsorger der Katholiken rechts der Iller in den Gemeinden Leubas, Betzigau, Durach und Ursulasried, aber auch als Betreuer von Kranken und an der Pest erkrankten Menschen sowie bei der Pflege von Verwundeten hohes Ansehen. Dieser gute Ruf veranlasste sogar die Obrigkeit der evangelischen „Freien Reichsstadt Kempten“, den katholischen Patres die seelische Betreuung von katholischen Schwerverbrechern zu übertragen, die im protestantischen Kempten auf die Vollstreckung ihrer Todesstrafe durch den städtischen Scharfrichter warteten. (Vgl. dazu den Beitrag im Kreisboten „Hinrichtungsstätten in Kempten Teil 3“ vom 18. November 2020, zu finden auch unter www.kreisbote. de). 1669 brach im Kloster ein Brand aus, bei dem das Brauhaus den Flammen zum Opfer fiel. Im Jahre 1678 überließ der Lenzfrieder Wundarzt und Barbier H.G. Geiser den Mönchen seine Hofstatt, die hinter dem Brauhaus der Mönche lag und ein Wohltäter namens Miller stiftete dem Kloster 130 Gulden, mit dem die Mönche eine weitere Hofstatt erwarben. 1683 konnten die Franziskanermönche dank vieler Spenden und zahlreicher Helfer ihr baufälliges Kloster gründlich restaurieren. Nachdem der einstige Klosterfriedhof, auf dem bis dahin nur Klosterangehörige ihre letzte Ruhe gefunden hatten, zum Gemeindefriedhof der Pfarrei bestimmt wurde, legten die Mönche im Jahr 1699 für ihre Verstorbenen unter der Klosterkirche eine Gruft an.

Das St.-Anna-Kloster am Neustätter Tor.

Ein eigenes Frauenkloster wird gebaut

Zwischen 1647 und 1649 erlaubte der Fürstabt den Lenzfrieder Klosterschwestern, neben dem Franziskanerkloster ein eigenes Frauenkloster einschließlich einer kleinen Kapelle einzurichten. Weil sie ihre neue Klosteranlage – wahrscheinlich in Anlehnung an die Kemptener Zeit – unter den Schutz der heiligen Mutter Anna (die heilige Anna ist die Mutter Marias) stellten, war damit das neue St.-AnnaKloster mit der zugehörigen St.-Anna-Kapelle in Lenzfried geboren. Diese St.-Anna-Kapelle wurde 1733 erneuert. Als ihre Hauptkirche behielten die Nonnen jedoch die Lenzfrieder Pfarrkirche, in der sie einen eigenen Chor einrichten durften. Diesen konnten sie über einen auf Pfeilern stehenden überdachten Steg direkt von ihrem Kloster aus erreichen, der noch auf einem Ölbild zu sehen ist. In den folgenden Jahren erwarben sie angrenzende Äcker, Felder und Gärten, sowie den Steinbruch in Eggen.

Das Kloster Lenzfried mit überdachtem Gang auf Steinsäulen als Verbindung zur Pfarrkirche.

Im Jahre 1677 kauften sie von der „Freien Reichsstadt Kempten“ in Lenzfried ein landwirtschaftliches Gut, das den Schwestern zum Lebensunterhalt diente. Der Frauenorden, der wegen seines Engagements, also ihres Fleißes, ihrer Bescheidenheit und ihrer Frömmigkeit in der Umgebung sehr beliebt war, zählte um 1659 schon 20 Schwestern.

Lenzfrieder Franziskanermönche in Heiligkreuz

Die Lenzfrieder Franziskaner standen mit Heiligkreuz in enger Verbindung. Am 13. November 1715 beschloss Fürstabt Rupert von Bodman, in Schwabelsberg eine „Filial-Seelsorge-Stelle“ einzurichten. Die Gründe lagen in der Weitläufigkeit des nördlichen Teils der Pfarrei St. Lorenz und weil immer mehr Wallfahrer ins nahe gelegene Heiligkreuz pilgerten, das sich 1692 wegen des sogenannten Blutwunders zum Wallfahrtsort entwickelte. Um all diese Menschen seelsorgerisch betreuen zu können, aber auch um die Pfarrer, die schon in Heiligkreuz wirkten, zu unterstützen, ließ der Abt auf ausdrücklichen Wunsch der Franziskanermönche drei Patres und einen Laienbruder vom Franziskaner Kloster Lenzfried nach Schwabelsberg abstellen. Damit die Kirchenleute eine Unterkunft hatten, musste für sie im „alten Schloss Schwabelsberg“ einige Räume hergerichtet werden.

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