Das Deutsche Gehörlosen-Theater aus München macht einen Tourneehalt im Allgäu

Fesselndes Theater ohne große Worte

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Kempten – Am vergangenen Samstag war das Deutsche Gehörlosen-Theater aus München zu Gast im großen Saal des Kemptener Stadttheaters. Mitgebracht hatte es seine neueste Theaterproduktion, Carlo Goldonis Klassiker der Commedia dell‘ Arte „Der Diener zweier Herren“.

Zehn gehörlose Schauspieler unter der Regie der hörenden Griechin Zoe Xanthopoulou machten in ihrer Sprache, der deutschen Gebärdensprache, aus Goldonis durch alle Zeiten unterhaltsamen Lust- und Verwirrspiel einen visuellen Gaumenschmaus, der einem Hörenden das Fehlen von Worten vergessen ließ. Für das ausschließlich gehörlose Publikum im Kemptener Stadttheater war dies sowieso kein Thema. Man bekam auch als Hörender mit, dass das Stück bei ihm gut ankam, indem es Unterhaltung im urprünglichen Sinne der Commedia dell‘Arte bot. Lachen, Weinen, Liebe, Trauer auf der Bühne erzeugte beim Publikum den Unterhaltungseffekt, der schon im siebzehnten Jahrhundert auf Jahrmarktsbühnen von Berufsschauspielern dargeboten wurde.

Die Modernisierung der damaligen Theatertradition Italiens durch Carlo Goldoni weg vom Typen- und Maskenhaften der Figuren, die meist stegreifartig ihre Texte improvisierten hin zu mehr individualisierten Rollen mit genau vorgegebenen Texten wurde in dieser Inszenierung deutlich sichtbar. Truffaldino war nicht nur der Typus des Harlekin, sondern ein konkreter Charakter, den die Natur mit Bauernschläue als Mittel gegen seinen allgegenwärtigen Hunger ausgestattet hatte. Aber auch die anderen Charaktere fanden Platz, um individuelle Züge in ihren Rollen herausarbeiten zu können. Besonders augenscheinlich wurde dies durch die Besonderheit des Gehörlosentheaters im Unterschied zu einem „hörenden“ Theater.

Dem üblichen Rollenspiel wird die Gebärdensprache hinzugefügt, beides verschmilzt im Spielen und erzeugt einen äußerst starken Körperausdruck der Darsteller, der schon fast ins Expressive reicht. Unterstützt wurde dies bei dieser Aufführung durch sehr stilvoll und aufwändig angefertigte Kostüme und Perücken, die auf geschickte Weise sowohl das Klischeehafte als auch das Individuelle der Charaktere in sich trugen. Ein besonderer Regiekniff bestand darin, dass die Kostüme und Perücken zu Beginn des Stücks noch gar nicht getragen wurden. Erst im Fortgang tauchten hier ein Kostümteil mehr auf und da eine Perücke, wo zuvor der Kopf nur mit einem Haarschutz bedeckt war, was eine kontinuierliche Steigerung der Intensität bis zum großen Finale erzeugte, als dann endlich Silvio seine Rosaura, Beatrice ihren Florindo und Truffaldino seine Blandina fand.

Das Deutsche Gehörlosen Theater e.V. mit Sitz in München ist das größte Theater innerhalb der Gemeinde der deutschen Gehörlosen. Mit Hilfe von staatlichen Zuschüssen, Förder- und Sponsorengeldern und Spenden werden durch eine professionelle Organisation unter der Leitung der ehrenamtlichen ersten Vorsitzenden Elisabeth Kaufmann Produktionen auf die Beine gestellt, die den Vergleich mit Theatern aus der „hörenden“ Welt nicht scheuen müssen. Das aktuelle Stück wird im Rahmen einer Tournee vorgestellt, die bis nach Köln und Dresden führt. Leider war in Kempten der Besucherraum nur zur Hälfte gefüllt. Kaufmann hätte sich auch hier so viele Zuschauer wie bei der Premiere in München gewünscht. Dort war das Stück ausverkauft. Verdient hätte das auch die Aufführung in Kempten allemal.

Jürgen Kus

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