Fang den Hut – und seine Geschichte!

Deutsches Hutmuseum Lindenberg zeigt interventionelle Sonderausstellung „hutARTig“

Hut im Ausstellungsraum im Lindenberger Hutmuseum.
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Im Lindenberger Hutmuseum gibt es Werke von Olaf Probst und Thomas Breitenfeld zu sehen.

Lindenberg – Schon allein das Gebäude, in dem das Deutsche Hutmuseum Lindenberg (DHML) seit einigen Jahren beheimatet ist, erzählt mit seiner besonderen historischen Architektur von der einst weltweit erfolgreichen Hutfabrikation im Westallgäu.

Wenn der Museumsbesucher die Spindeltreppe in dem hellen, viergeschossigen Fabrikbau aus den 20er Jahren in den ersten Stock hinaufgestiegen ist, stößt er dort in einem großen, immer noch loftartigen Raum auf einen riesigen, aus cremeweißen Bauschaumwürsten geformten Hut des Künstlers Olaf Probst. Ein Blick nach links verrät ihm, wem die Kopfbedeckung gehört: Von einer Säule blickt ihn das Porträtfoto des ungewohnt barhäuptigen Joseph Beuys an. Hier, wo der legendäre, ikonische Hutträger unter dem Titel „Beware of Beuys!“ die Gäste der Sonderausstellung hutARTig empfängt, zeigen sieben KünstlerInnen ihre sehr unterschiedlichen Werke mit Bezug zum Hut und seiner Geschichte. Einige unter ihnen sowie elf weitere BeiträgerInnen haben ihre Skulpturen, Bilder, Video- und Lichtinstallationen, Objekte und textilen Kunstwerke in die Dauerausstellung im zweiten und dritten Stockwerk eingefügt oder stellen im Treppenhaus aus: sie kommentieren, ergänzen und reflektieren die wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, modischen und stilgeschichtlichen Entwicklungen, von denen die Dauerausstellung berichtet.

Neben dem übergroßen Homburger des Filzliebhabers Beuys findet sich auf der ersten Ebene unter anderem eine skurrile, erstaunlich lebendig wirkende Plastik aus ungewöhnlichem Material: der Bildhauer Thomas Breitenfeld hat aus Eichen- und Douglasienholz drei stachelige Gebilde geschaffen, die sich wie zahnstocherbewehrte Lamellenwürmer aus drei altmodischen Hutschachteln emporwinden. „Distanzzone“ nennt er seine ebenso anziehend wie bedrohlich wirkende, raumgreifende Arbeit. Betritt der Besucher im zweiten Obergeschoss der ehemaligen Strohhutfabrik Ottmar Reich die Dauerausstellung, blickt er auf eine Leinwand, auf der ein puppenhaft geschminktes ‚Schwarzwaldmädel‘ zum Ticken einer Kuckucksuhr im Kreis tanzt, während eine über ihm rotierende Maschine nach und nach die roten Wollknäuel auf ihrem Trachtenhut abwickelt und auflöst. In einem Ausstellungsbereich, der anschaulich und detailreich darstellt, wie die Lindenberger über zwei Jahrhunderte hinweg die Herstellung und den Vertrieb von Hüten und Hutgarnituren bewerkstelligten und wie ihr einst aus der Not geborenes Gewerbe ihren Arbeitsalltag, ihr Familienleben, ihre Biographien und ihr Selbstverständnis prägte, zerstört die Performancekünstlerin Nezaket Ekici in ihrem Video „Bollenhut“, bekleidet mit dem billigen Imitat einer traditionellen Tracht, das vielfach verkitschte Wahrzeichen einer ganzen Region. Während die Zeit tickend verrinnt, lässt eine Maschine die roten Bollen verschwinden, ähnlich wie Industrialisierung, Globalisierung und der kulturelle Wandel das traditionelle Handwerk und das soziale Gefüge im Westallgäu verändert haben.

Gewandelt hat sich auch die Rolle der Frau: Begegnet der Besucher im zweiten Stock fleißigen Borten- und Strohhutflechterinnen, einfallsreichen Putzmacherinnen und der Parodie eines ledigen Fräuleins aus dem Schwarzwald, erwartet ihn in der dritten Etage der Helm der Athene: eine von der Künstlerin Stefanie Unruh mit silbernen Stecknadeln gespickte Badekappe, die im Licht der Vitrine seltsam kostbar aussieht. Hier, im letzten der drei Ausstellungsräume, zeigen Schaukästen und lebensgroße Fotografien die Geschichte des Hutes von den Kleiderordnungen des Mittelalters bis zu den modischen Kapriolen der 1960er Jahre. Athene, Friedensgöttin und Meisterin der klugen Kriegführung gibt sich ähnlich unnahbar wie ihre Nachbarinnen im Schaukasten, die biedermeierlichen Schutenträgerinnen. Während aber die Damen ab etwa 1815 dank ihrer scheuklappenähnlichen Hauben Gefahr liefen, ein herannahendes Pferdefuhrwerk zu übersehen und es sich damals ohnehin schickte, als Hausfrau und Mutter daheim zu bleiben, versinnbildlicht die Kappe der Weisheitsgöttin Unabhängigkeit und Urteilsvermögen.Zwischen Zylindern, Pickelhauben und wagenradgroßen Damenhüten entdeckt der Betrachter in fast allen Vitrinen der Hutsammlung barhäuptige, knödelige Filzköpfe. Anders als die an ihren Kopfbedeckungen erkennbaren Bürgersleute, Sommerfrischler oder Matrosen lassen sich diese Charakterköpfe in keine gesellschaftliche Hierarchie einordnen. Dennoch fordert der Titel der Installation: „All heads need hats“ – „Alle Köpfe brauchen Hüte“.

Die Künstlerin Anna Frydman hat ihre textilen Typen mit sparsamen, aber ausdrucksstarken Gesichtszügen versehen und erinnert mit ihrem Werkstoff an die Zeit nach 1918 als die Strohhutfabrikation in eine tiefe Krise geriet und deshalb ihre Produktpalette um den aus Tierhaar gefertigten Filzhut erweiterte. Vom Verlust der eigenen Identität, vom Ausschluss aus der Gesellschaft, vom Ausgeliefertsein erzählt die Intervention der Künstlerin Esther Glück. Sie nutzt den „Huttornado“, eine große Dauerinstallation in der Raummitte: Im Sog der stählernen Spirale schweben weiße Damenund Herrenhüte wie in einem Zeitstrudel. Zwischen die Kopfbedeckungen hat die Bühnenplastikerin an unsichtbaren Fäden „Caps to the future“ gehängt: Kappen aus Laub, das sie auf dem jüdischen Friedhof in Auschwitz gesammelt hat. Diese feinsinnige, poetische Erinnerungsarbeit sowie 21 weitere Kunstwerke sind bis 28. März 2021 im DHML zu sehen. Geöffnet ist das Museum, Dienstag bis Sonntag, 9.30 bis 17 Uhr, weitere Informationen sowie die aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen unter www. deutsches-hutmuseum.de.

Antonia Knapp

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