Raus aus der Schuldenfalle

Ziel: Frühzeitig helfen

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Susanne Greiner, Leiterin der Schuldnerberatungsstelle der Diakonie Kempten-Allgäu.

Kempten – „Ich will in die Insolvenz gehen….“ Dass dieser „Gang“ keinesfalls vergleichbar ist mit einem Weg zum Friseur oder Arzt, machte vor kurzem der Aufklärungsvortrag der Schuldnerberatung der Diakonie Kempten Allgäu deutlich. „Viele haben einfach eine völlig falsche Vorstellung von den Zugangsvoraussetzungen und Konsequenzen des Verbraucherinsolvenzverfahrens. Ja, manche haben schon allein nach dem ersten Gespräch mit uns gedacht: Jetzt bin ich in der Insolvenz“, begründete Sozialpädagogin Susanne Greiner, Leiterin der Schuldnerberatungsstelle, den Schritt in die Öffentlichkeit. „Wir möchten informieren mit dem Ziel, dass Menschen mit finanziellen Problemen frühzeitig zu uns kommen.“

„Wer in die Insolvenz geht, ist kein Bittsteller, sondern ein Anspruchsberechtigter“, klärte Schuldnerberater Dieter Streit gleich zu Beginn des Vortrags auf. Dennoch: Dass das Thema Insolvenz, „Pleite sein“, „Schulden haben“ immer noch sehr schambesetzt ist, zeigte der nur kleine Besucherkreis beim jüngsten Vortrag.

Durchblick verloren

Voraussetzung, so informierte Referent Dieter Streit, ist die drohende oder bereits tatsächliche Zahlungsunfähigkeit. Als Beispiel nannte er einen 48-jährigen Frührentner, dem 38 Gläubiger im Nacken saßen. Zum Schluss hatte dieser komplett den Durchblick verloren. Psychisch am Ende wandte er sich an Streit. Dieser sprach zunächst die einzelnen Gläubiger an und konnte tatsächlich mit 27 von ihnen eine Einigung erzielen. Mit Hilfe des  Gerichts konnte dann die Zustimmung der restlichen Gläubiger ersetzt werden. Dadurch konnte in diesem Fall ein Insolvenzverfahren vermieden werden. Der positive Nebeneffekt: Einzelvollstreckungsmaßnahmen (zum Bei- spiel Lohnpfändung oder Kontopfändung) wurden mittels Gerichtsbeschluss ausgesetzt. 

„Wir sind dank der Unterstützung der Stadt Kempten gut besetzt. Wartezeiten von mehreren Wochen gibt es nicht mehr“, klärt Greiner ein Vorurteil auf. „Wir arbeiten zeitnah und vor allem kostenfrei.“

Bei dem Frührentner ging es um Schulden von rund 35 000 Euro. „Es kommt aber immer ganz individuell auf den Menschen und seine Lebenssituation an, ab wann und ob überhaupt eine Insolvenz in Frage kommt“, informierte Susanne Greiner. In der Regel wird in einer eingehenden Schuldnerberatung vorab mit dem Schuldner geprüft, welche Schritte zur Stabilisierung und Klärung der Gesamtsituation notwendig und realistisch gangbar sind. Damit wird im Vorfeld abgeklärt, ob eine Regulierung ohne das Insolvenz-verfahren möglich ist. „Wenn es sich aber als der richtige Weg erweist, unterstützen wir bei der Vorbereitung und Durchführung des außergerichtlichen Einigungsversuchs  und wenn dieser scheitert, bei der Stellung des Antrags. Nach Verfahrenseröffnung ist die eigentliche Arbeit für uns abgeschlossen, doch stehen wir für Fragen weiterhin zur Verfügung.“

Immer mehr junge Leute

Ursachen für die hohe Überschuldung sind neben Trennung, Arbeitslosigkeit und Krankheit auch Fehlverhalten durch Käufe im Internet oder Ausuferungen im Bereich der Telekommunikation. „Es kommen immer mehr junge Leute zu uns – selbst in den Schulen werden wir schon nach der Privatinsolvenz gefragt“, so Greiner. „Für diese ist die Überschuldung kein Stigma – ganz im Gegensatz zur älteren Generation. Die schämen sich und bleiben eher im ’Hintergrund’. Sie zahlen von ihrer kleinen unpfändbaren Rente lieber jeden Monat zehn Euro auf das Angebot eines Gläubigervertreters, auch wenn es 100 Jahre dauert, bis die Forderung dann erledigt ist. Monika Rohlmann

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