Schüler trifft Landwirt

Im Dialog: "Es ist eine erfüllende Arbeit mit vielen Chancen", sagen die Studierenden der Landwirtschaft

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Ein gelungener Dialog zwischen Studenten der Landwirtschaftsschule und Schülerinnen und Schülern des Hildegardis-Gymnasiums

Kempten – Was heißt es, Landwirt zu sein? Wie sieht es wirklich in der Landwirtschaft aus? Warum machen wir diesen Job? Um den Schülerinnen und Schülern der zehnten Klassen des Hildegardis-Gymnasiums solche Fragen zu beantworten und den Erzeuger-Verbraucher-Dialog lebendig zu machen, luden die Studenten der Landwirtschaftsschule die Gymnasiasten ins Grüne Zentrum Kempten ein.

Dass es – vor allem für junge Menschen – gar nicht so einfach ist, im Dialog zu stehen, war gleich bei der Ansprache von Student und Moderator Alexander Schön spürbar. Das Willkommensbild an der Wand zeigte einen (ur)alten Heukarren hinter einem Zugochsen sowie daneben einen modernen Milchvieh-Laufstall. Zu der Frage, was die verschiedenen Fotos über die Landwirtschaft aussagen, wollte sich kein Schüler äußern.

Als sich die Landwirtschaftsstudenten aus Memmingen über Kempten bis Nesselwang vorstellten, fiel die Ausgewogenheit zwischen biologischen und konventionellen Höfen auf. Biologisch wirtschaften acht, konventionell neun Schüler. Die durchschnittliche Betriebsgröße beträgt 40 bis 50 Kühe mit 40 Hektar Fläche. Nach einem Berufsgrundschuljahr, zwei Ausbildungsjahren auf einem Fremdbetrieb sowie einem weiteren Praxisjahr, das auch im Ausland absolviert werden kann, studieren die angehenden staatlich geprüften Wirtschafter für Landbau drei Semester an der Kemptener Landwirtschaftsschule. Eine einjährige Meisterarbeit folgt im Anschluss. 

Heumilch oder Melkroboter

In mehreren Impulsvorträgen erläuterten die Studenten die generellen Unterschiede zwischen biologischen und konventionellen Milchviehbetrieben und berichteten den Schülern über ihren Arbeitsalltag im Verlauf des Jahres – von Stall- und Melkzeiten, über Zaunreparaturen und Bodenbearbeitung im Frühjahr bis zur sommerlichen Heuernte sowie den Büro- und Waldarbeiten im Herbst und Winter. Deutlich wurde dabei, dass ein Melkroboter nicht angeschafft wird, um die Arbeit mit den Kühen zu umgehen. „Ich hoffe, dass ich unseren Betrieb damit allein weiterführen kann, wenn meine Eltern nicht mehr mithelfen können“, sagte Michael Frehner.

Biolandwirt in spe Michael Lechleiter erzählte über die Nischenprodukte bzw. typischen Spezialisierungen der biologischen Betriebe wie Heumilch, Hofladen und Urlaub auf dem Bauernhof. „Wir haben durch diese Ausrichtung etwas weniger Konkurrenz und eine leichtere Planung als die konventionellen Höfe.“

Der zweite Vortrag behandelte die Frage, ob die Landwirtschaft Landidylle oder Wirtschaftsbetrieb ist? Maximilian Keck führte einige Zahlen auf, um die Zustände zu beschreiben: Die Betriebsgrößen nehmen zu, während die Anzahl der Betriebe stetig zurückgeht. Vor 100 Jahren gab die (Kriegs-)Bevölkerung 55 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, 2017 waren es noch 14 Prozent. Im Jahr 2009 wurden 67 Prozent der Betriebskosten über die Produktpreise gedeckt, letztes Jahr waren dies 77 Prozent und damit kein großer Unterschied. Einen Zusammenhang machte Keck deutlich: „Die Bevölkerung wächst, die Landwirtschaft muss effizienter werden und deswegen wachsen die Betriebe.“ Das habe Automatisierung und eine Produktion von großen Mengen zu günstigeren Preisen zur Folge. 

C02 und Massentierhaltung

In der anschließenden Fragerunde wollte eine Schülerin wissen, ob die Studenten ihre Landwirtschaft als schlecht für die Umwelt ansehen. Moderator Schön räumte ein, dass es über Gülle durchaus Emissionen gebe. Die Betriebe würden über das Grünland aber auch viel CO2 binden. Alle Betriebe der Studenten würden an Projekten zum Insekten- und Artenschutz in Zusammenarbeit mit den Forstämtern teilnehmen. Kreisbäuerin Monika Mayer bestätigte dazu: „70 Prozent der Bauern in unserer Region sind im Vertragsnaturschutz aktiv.“

Ein eifriger Fragesteller unter den Gymnasiasten akzeptierte, dass die Landwirte auch Pestizide einsetzen müssten und glaubte, dass sie dies gewissenhaft tun. Bürgermeister Josef Mayr schaltete sich ebenfalls ein, um an die Schüler zu appellieren, ihren eigenen Garten zu Hause bienenfreundlich zu gestalten. Von einem Studenten wurden sie außerdem aufgefordert, den Schulbus zu nehmen und sich nicht mit dem Porsche zur Schule fahren zu lassen.

Nach einer Frage zur Konkurrenz der regionalen Betriebe zur Massentierhaltung war es Student Markus Lang ein großes Anliegen, mit dem oftmals falschen Denken über die Haltungsart aufzuräumen. „Massentierhaltung ist eine Sache der Betrachtung. Wenn es den Tieren gut geht, spielt es keine Rolle, wie viele es sind.“ Schwarze Schafe gebe es wie überall auch in der Landwirtschaft. Das könnten genauso gut auch Betriebe mit weniger Tieren sein.

Lieber zurück zur Landwirtschaft: Das ist das Credo zweier Studenten zum Thema der Übernahme des elterlichen Betriebs. Nach einer Uhrmacherlehre bzw. einer Ausbildung als Mechaniker kehrten sie zur Landwirtschaft zurück. „Es ist eine erfüllende Arbeit mit der Natur und Tieren, in der es viele Chancen gibt, etwas zu bewegen und zu verändern“, sagte Zweitmoderator Ferdinand Brams.

Wenn es um die aktuell ständig unsichere Rentabilität der Höfe geht, würden sich die Studenten innerhalb der Klasse immer wieder einmal fragen, warum sie das alles machen. Bei der Sache hält sie ihr Engagement, ihre Begeisterung und ihr Mut. Alexander Schön sprach für seine Klasse: „Wir suchen nach Möglichkeiten, dass es vorwärts geht.“

Annette Mayr

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