"Die Gewalt ist gleich geblieben"

Mit dem Thema „häusliche Gewalt gegen Frauen“ setzt sich eine 11. Klasse der Kemptener FOS beim Ausstellungsbesuch von „Blick dahinter“ auseinander. Foto: Tröger

Das Tabu bezüglich häuslicher Gewalt gegen Frauen sei zwar „ein Stück weit aufgebrochen“, begrüßte Amelia Ulbrich vom Kemptener Interventionsmodell (KIM) eine 11. Klasse der Kemptener Fachoberschule in der aktuellen Ausstellung „Blick dahinter“. Dennoch würden im Schnitt sieben Jahre verstreichen, bevor ein Opfer Hilfe suche. Allerdings, schränkte sie auf eine positive Veränderung hinweisend ein: „Jüngeren Frauen fällt es leichter“. Mit speziellen Führungen für Schulklassen, soll auch die jüngere Generation für das anhaltend aktuelle Thema sensibilisiert werden.

Zum Kemptener Frauenhaus hatten die Besucher nur eine vage Vorstellung. Ulbrich erklärte, dass die „Adresse anonym“ sei, da es sich um eine „Schutzeinrichtung“ handle, die fünf Plätze für Frauen mit ihren Kindern biete. Hilfesuchende Frauen könnten entweder telefonisch Kontakt aufnehmen oder im Büro in der Gerberstraße vorbeikommen. Die Entscheidung im Frauenhaus Schutz zu suchen bringe „große Veränderungen“ mit sich und sei natürlich viel mit Ängsten verbunden, wie: „es ist ein sozialer Abstieg“. „Wir merken aber, dass sich die Frauen schon nach wenigen Tagen im Frauenhaus positiv verändern“. Häusliche Gewalt „ist eine besondere Form der Gewalt“, klärte Ulbrich die Schülerinnen und Schüler auf, „weil sie in einem eigentlich geschützten Rahmen stattfindet“ und deshalb seitens der Opfer auch mit sehr viel „Scham behaftet“ sei. Dennoch fänden es die Frauen, die es geschafft hätten darüber zu reden, sehr hilfreich. Es kann jeden treffen Entgegen der verbreiteten Annahme, häusliche Gewalt sei vor allem ein Problem der unteren sozialen Schichten, „haben wir im Frauenhaus auch solche, die „seit 30 Jahren verheiratet sind“ und/oder „aus sozial hohen Schichten kommen“, wies Ulbrich auf die Bandbreite der Betroffenen hin. Relativ problemlos meisterte die Schülergruppe die Zuordnung von Fallbeispielen. Zur Disposition standen: sexuelle-, körperliche-, seelische-, ökonomische Gewalt, Warnzeichen sowie keine Gewalt. Wie ausgeprägt Kinder die gewaltgeladene Atmosphäre zwischen ihren Eltern wahrnehmen, verdeutlichte ein Kurzfilm: Ein psychisch-kontrollier- ender Dialog zwischen einem Ehepaar – den ihre kleine Tochter im oberen Stockwerk mit Puppen nachspielte beziehungsweise in der vorgelebten Tonalität weiterführte. Vor allem körperliche Gewalt „wird meist von Männern ausgeübt“, betonte Ulbrich. Im Verlauf werde die „Spirale immer enger“ und das Selbstwertgefühl der Frauen immer weniger – ein Teufelskreis, der es für die in der Regel wirtschaftlich abhängigen Frauen immer schwerer mache, den Partner zu verlassen. „Gehen auch welche nach dem Frauenhaus wieder zurück?“, wollte eine Schülerin wissen? „Sehr häufig“, bekannte Ulbrich, „aber gestärkt“. Eigentlich ließen sich doch nur Frauen mit zu wenig Selbstbewusstsein „unterjochen“ merkte ein Schüler an. „Wir haben auch studierte und finanziell unabhängige Frauen“, die sich jahrelang unterschiedlicher Art von Gewalt aussetzten, konterte Ulbrich. Problematisch sah sie, „dass es sehr schleichend anfängt“. Im Durchschnitt würden pro Jahr 40 bis 50 Frauen, bei unterschiedlicher Aufenthaltsdauer, Schutz im Frauenhaus suchen. „Das Frauenhaus besteht seit 25 Jahren, die Gewalt ist gleich geblieben“, konstatierte sie. Anmeldungen für Schulklassen per E-Mail unter Jugendarbeit@kempten.de oder bei Renata Traut telefonisch unter 0831/25 25 632. Die Ausstellung läuft noch bis 2. März in der Kemptener Stadtbibliothek, Dienstag mit Freitag von 9 bis 18 Uhr.

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