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Stadtgeschichte Kempten: Die Harmoniegesellschaft

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Von: Christine Tröger

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Salzstraße 22 Kempten
Die Adresse Salzstraße 22, das damals sogenannte „Grießerische Haus“ – heutiger Sitz des Finanzamtes –, war mit dem dahinter liegenden Floratempel und Park lange Zeit Heimat der „Harmoniegesellschaft“. © Repro/Quelle: Stadtarchiv Kempten

Kempten – Neues über die Harmoniegesellschaft in Kempten bringt ein Dachbodenfund.

In Wikipedia heißt es unter dem Schlagwort „Harmonie“: „Als Harmonie wird ein denkmalgeschütztes Bauwerk mit der Anschrift Salzstraße 22 in Kempten (Allgäu) bezeichnet, welches von 1821 bis 1928 der Sitz der Gesellschaft „Harmonie“ war. Es ist ein dreigeschossiges Doppelhaus mit einem Mansarddach. Die nördliche Hälfte wurde 1736 erbaut, die südliche erst 1761 im Auftrag des Fürstabts Honorius Roth von Schreckenstein (reg. 1760–1785). Die Fassaden wurden im Jahr 1786 erneuert. Einige Räumlichkeiten haben Stuckaturen aus dem mittleren 18. Jahrhundert.

Nordöstlich der Harmonie steht der Flora-Tempel, der am ursprünglichen Standort weiter nördlich das Zentrum der Gartenanlagen der Harmonie bildete.“ Damit deckt Wikipedia allerdings nur einen Wimpernschlag der fast 150jährigen Geschichte der als Lesegesellschaft gegründeten „Harmonie“ in Kempten ab. Einen umfassenden Einblick bietet ein jüngst bei der Auflösung der Firma Kremser-Planen in der Eberhard-Straße entdecktes, recht umfangreiches Konvolut an diversen Unterlagen, die Ullrich und Maria Kremser – Ullrich Kremsers Großonkel Wilhelm Kremser (1880 – 1949) war einer der letzten Harmonie-Vorstände – nun dem Stadtarchiv übergeben haben. Noch vor der offiziellen Übergabe konnte sich der Kreisbote mit dem Dachbodenfund befassen. 

Die Harmoniegesellschaft in Kempten

Es ist eine Geschichte von Bildung und Kultur in unterschiedlichen Facetten, von Bällen, Schlittenfahrten (im Jahr 1826 wurden gar 40 teilnehmende Schlitten mit 61 Herren ohne „Frauenzimmer“ vermerkt), Billard- und Kegelvergnügen, gemeinsamen Floßfahrten ... und diversen Krisen. Immerhin dauerte es 146 Jahre und fünf Tage nach der Gründung, bis die Harmoniegesellschaft in Kempten endgültig aufgelöst wurde. Bis dahin hat sie eine bewegte Geschichte vorzuweisen. Von 1805 bis 1874 „firmierte“ die Harmonie als Gesellschaft; 1874 erwarb sie die Rechte eines anerkannten Vereins und wurde als „Lesegesellschaft Harmonie e.V.“ im Jahr 1900 im Vereinsregister des Amtsgerichts Kempten im ersten Registerbuch, Band I, unter lfd. Nr. 3, eingetragen, wie die Behörde auf Nachfrage erklärte. Aus dem Register gelöscht wurde der Verein mit Eintragung vom 8.6.1951 und am 31. Juli 1969 bestätigte das Amtsgericht die Aufhebung eines im Grundbuch eingetragenen Vorkaufsrechts für die Gesellschaft. Kemptens Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck sieht in dem übergebenen Material eine Ergänzung (u.a. großformatige Listen der Vorstände von 1805 bis 1905; Rechnungen und Belege von 1865 bis 1916; Protokollbücher mit Generalversammlungen und Vorstandssitzungen der Jahre 1873 bis 1925; der Pachtvertrag mit dem Allgäuer Brauhaus aus dem Jahr 1912; ein Bücherverzeichnis aus dem Jahr 1925) bereits vorhandener Unterlagen zur „Harmonie“.

Es bereichert die Aussagekraft „nicht nur hinsichtlich der Funktion dieses Zusammenschlusses, sondern auch mit Blickpunkt auf die gesellschaftliche Bedeutung für Kempten“. Sogar Frauen hatten Zugang, wenngleich sie bei der Gründung wohl unberücksichtigt geblieben waren. Dennoch war den Gründern offenbar die Teilnahme „gebildeter Frauenzimmer“ – ein damals üblicher Ausdruck für Damen – sehr erwünscht. Wie eingangs zur Festschrift zum 100jährigen Jubiläum „Gesellschaft Harmonie in Kempten 1805 – 1905“ vermerkt: „Am 11. Februar 1805 erließen der Landrichter Henne, der Stadtrichter Holl und der Landkommissär von Preuß eine Einladung an 90 Herren zur Gründung einer Lesegesellschaft“, in der das Angenehme mit dem Nützlichen vereint werden könnte. Am 3. Juni 1805 war die erste Plenarversammlung. Man legte nachdrücklich Wert auf hohe Kultur und so hieß es in den Statuten vom 18. August 1805 zum Zweck „durch vereinte Kräfte die vorzüglichsten Zeitungen anzuschaffen und zu benützen, verbunden mit einem anständigen und geistvollen Umgang“. Faktisch konnte jeder „Gebildete in den beyden Städten Kemptens domizilirende Mensch“ Mitglied werden, ohne Rücksicht auf Stand oder Rang. Die Forderung „gebildet“ enthalten im Übrigen alle Statuten bis zum Jahr 1904. Ab da war die Aufnahme nurmehr von der Ballotage (geheime Abstimmung mit weißen und schwarzen Kugeln) abhängig und der Verein nannte sich fortan ausdrücklich „Kempten Neustädtische Lesegesellschaft“.

„Harmonie“ für das Bildungsbürgertum

Böck zufolge handelt es sich bei der „Harmonie“ um eine Vereinigung des „Bildungsbürgertums“, bestehend aus überwiegend Führungskräften aus Verwaltung und Militär, wobei allerdings die „gesellschaftlich-vergnügliche Komponente mit Freizeitgestaltung“ – insbesondere nach der Umwandlung der 1805 gegründeten Lesegesellschaft in die „Harmonie“ im Jahr 1816 den Bildungscharakter überwog. 1817 ging die Ära Kemptens als Kreishauptstadt zu Ende , wodurch der Gesellschaft zahlreiche Beamte, genau 20 von insgesamt 62 Mitgliedern, verloren gingen.

Schwankende Mitgliederzahlen waren in der bewegten Geschichte der Harmonie auch immer wieder ein Hauptgrund, warum die Suche nach neuen Räumlichkeiten nötig wurde. Vor allem aber habe die Lesegesellschaft/Harmonie – neben den gleichwohl anders gearteten, aber teilweise personengleichen Zusammenschlüssen Müßiggängelzunft und Freimaurerloge – einen weiteren Treffpunkt des politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Austausches und Diskurses geboten, der wohl in der Regel, aber in Summe nicht ausschließlich der „gehobenen Gesellschaft“ vorbehalten war, fasst der Stadtarchivar zusammen. Seit Ende des 18. Jahrhunderts „liegen hier auch Ansätze, die über die alte Polarität von ‚Stift’ und ‚Stadt’ hinausweisen, mochte es auch noch lange mit dem Zusammenwachsen Kemptens, mit Integration und Identität dauern“. 

Diverse Unterhaltungsangebote

Als fixer Treffpunkt für die Gesellschaft waren drei aneinanderstoßende Zimmer im Gasthof zum Straußen, dem späteren „Hotel Post“ – heute befindet sich in dem Gebäude in der Poststraße 7 u.a. die Geschäftsstelle des Kreisbote Kempten – ausersehen. Eines der Zimmer war für die Lesenden bestimmt (weshalb dort „gehörige Stille“ beachtet werden sollte), die anderen beiden – in einem befand sich bereits ein Billard – waren zur Unterhaltung und zu erlaubten Spielen bestimmt. Auch Musik war erwünscht und im ersten Jahr deshalb gleich die Anschaffung eines Flügels beschlossen, der aus freiwilligen Beiträgen finanziert wurde. Unter den Anschaffungen für das Lesezimmer finden sich so unter vielen anderen anspruchsvolle Titel wie „Thaers Annalen des Ackerbaus“, „Europäische Annalen“, „Häberlins Staatsarchiv“, Fremdsprachliches, „Geographische Ephemeriden“, „Journal des Luxus und der Moden“, „Hartlebens Justiz und Polizeifama“, „Der Freimütige von Kotzebue“, „Nationalzeitung der Deutschen“, Hufelands Journal der Heilkunde“, dazu diverse Literatur- und Tageszeitungen. Über ein einseitiges Sortiment konnten die Mitglieder nicht klagen.

Abfolge von Aufstiegen und Niedergängen

Allerdings, wie in der „Geschichte der Gesellschaft Harmonie in Kempten 1805 – 1905“ nachzulesen ist, war das Bildungsbedürfnis wohl nicht bei allen Mitgliedern gleichermaßen ausgeprägt und so fielen von den 83 Gründungsmitgliedern alsbald „fast die Hälfte ab“, so dass im dritten Jahr nur noch 42 übrig geblieben waren. Die Folge: sinkende Mitgliedsbeiträge. So musste man sich, um Kosten zu sparen, auf ein einziges Zimmer im Straußen beschränken.

Das Deckblatt der Statuten der Harmoniegesellschaft in Kempten anno 1832.
Statuten der Harmoniegesellschaft in Kempten anno 1832. © Repro: Tröger

Rettung brachte der Umstand, dass Kempten 1808 Regierungshauptstadt des Illerkreises wurde und damit eine große Anzahl höherer Beamter in die Stadt kam; 15 des Kreiskommissariates traten der Lesegesellschaft auch bei und Generalkommissair von Merz übernahm auf Bitten hin die Präsidentschaft. Es konnten also wieder mehr Zimmer angemietet werden. Erwähnung findet in der gut 30seitigen A5-Festschrift auch die „allgemeine Begeisterung für den Freiheitskampf gegen Napoleon“, die die Lesegesellschaft befallen hatte.

Allerdings folgte nach dem Aufschwung auch wieder ein diesmal „sehr bedenklicher Niedergang“ und die Mitgliederzahl schmolz u.a. aufgrund der schlechten Wirtschaftssituation im Jahr 1815 auf nur mehr 32 Köpfe zusammen. Nicht nur für den Lesestoff musste daraufhin ein „vorsichtiges Budget“ aufgestellt werden. Auch der Wirt zum Straußen namens Boda legte der Gesellschaft den Umzug in ein anderes Lokal nahe. Aber kaum war der Frieden geschlossen, kam mit dem neu gewählten Vorstand, Kreisrat Baron Josef Johann von Tautphoeus, erneut die Wende und die Mitgliederzahl schoss binnen weniger Wochen auf 62 – darunter 23 Offiziere. Bereits im folgenden Jahr, 1816, verzeichnete die Liste der Mitglieder insgesamt 56 Offiziere und rangmäßig gleichgestellte Militärbeamte.

Offenbar war man aber zu der Erkenntnis gelangt, „daß die Lesegelegenheit allein kein hinreichender Kitt für eine größere Gesellschaft ist“ und so wurde aus der „Neustadt Kempten‘sche Lesegesellschaft“ 1816 eine „Harmonie“. Damit einher gehen nun auch „gesellige Veranstaltungen in größerem Umfang“, immer montags ein „fröhliches Mahl“ im Lokal der Gesellschaft bei Gastwirt Boda. Mit dem Wunsch die Öffnungszeiten von einem Abend pro Woche auf ganztägig an sieben Tagen die Woche auszuweiten sowie endlich ein Billard anzuschaffen, stieß Boda allerdings an räumliche Grenzen. So bot er der Gesellschaft seinen Neubau im Hofgarten mit vier beheizbaren Zimmern an, die im Herbst bezogen wurden. Durchreisende Virtuosen sorgten gelegentlich für musikalische Unterhaltung und pro Monat eine Abteilung für Militärmusik und 1817 wurde ein größerer Maskenball im Goldenen Adler in der Neustadt abgehalten, der nicht der einzige bleiben sollte. 

Das ehemalige „Hotel Post“ in der Poststraße 7 in Kempten um das Jahr 1920.
Das ehemalige „Hotel Post“ in der Poststraße 7 um das Jahr 1920. Auch in diesem Gebäude belegte die „Harmonie“ eine Zeit lang mehrere Zimmer. © Repro/Quelle: Tröger

Und dann: Mitten in der Blüte des geselligen Lebens und guter Finanzen, wurde beides durch eine neue Kreiseinteilung „arg verkümmert“. Durch den Wegzug vieler höherer Beamter inklusive des Barons Tautphoeus verlor die Harmonie auf einen Schlag 20 Mitglieder.

Um wieder einen zentraler gelegenen Versammlungsort zu haben, bezog die Harmonie fünf Zimmer im Landhaus, mit Zugang auch zum Saal. Die gewünschte Kegelbahn versprach Harmonie-Mitglied und inzwischen „Post“-Wirt Boda in die Hand zu nehmen. 1818 wird die Bayerische Verfassung eingeführt. Bereits nach einem Jahr erhöhte der Landhauswirt den Mietpreis von 150 auf 175 Gulden. Ob es mit ein Grund für einen erneuten Umzug war? Jedenfalls bezog die Gesellschaft am 10. Oktober 1821 nach längerer Suche das geradezu oppulente Grießerische Haus (Salzstraße 22), in dem zwei Etagen mit sechs beheizbaren Zimmern, zwei Küchen, einem gewölbten Keller, einem Garten und manches mehr für 110 fl. (Florentiner respektive Gulden). 

Auszug aus den Statuten des Jahres 1832 der Harmoniegesellschaft in Kempten.
Auszug aus den Statuten des Jahres 1832. © Repro: Tröger
Auszug aus den Statuten des Jahres 1832 der Harmoniegesellschaft in Kempten.
Auszug aus den Statuten des Jahres 1832. © Repro: Tröger

Dieses von Martin Schnitzer 1744 erbaute Haus war u.a. längere Zeit im Besitz des Kemptener Stifts gewesen und wurde am 30. Juni 1824 versteigert. Da aber „das nötige Geld nicht flüssig“ war, wie es in der Festschrift heißt, nahm die Harmonie vom Erwerb Abstand. So ergriff der Leinwandhändler Ziegerer seine Chance – Beginn eines über Jahrzehnte andauernden Mietverhältnisses zwischen dem neuen Hausbesitzer und der Harmonie. Dass hier eine Sommerkegelbahn im Garten angelegt oder der bisherige Gemüsegarten in einen „Lustgarten“ verwandelt wurde, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kultur weiterhin ihren Platz hatte. So waren von den vier ausgesucht möblierten Zimmern je eines für Musik, für Lektüre, für gesellige Unterhaltung (Billard) und als Bibliothek eingerichtet. 

Schiller: ja – Goethe: nein 

Die Vereins-Bibliothek lag 30 Jahre lang in der Hand von Anton Geist, seines Zeichens Oberlehrer an der Gewerbeschule. Als Lesestoff beliebt waren bei den Mitgliedern Wieland, Walther Scott und Bulwer. Schiller war vorhanden, Goethe dagegen nicht. Äußerst beliebt waren Bücher zu aktuellen Themen, wie z.B. 1832 die Geschichte von Kaspar Hauser oder die Beschreibung Algiers, das seinerzeit im Begriff war, Frankreich zu erobern. Um den „hier gänzlich erloschenen Musiksinn wieder etwas zu beleben“, gaben u.a. zehn Herren der Gesellschaft, die zusammen ein kleines Orchester gegründet hatten, immer wieder Konzerte. Zur Kostendeckung wurden auch „harmoniefähige“ Nichtmitglieder gegen Eintrittsgeld willkommen geheißen. 

Der Flora-Tempel hinter dem
Der Flora-Tempel hinter dem Finanzamt im Jahr 1987... © Repro: Tröger
Flora Tempel Kempten nach der Neugestaltung
1989.
... und nach der Neugestaltung 1989. © Repro: Tröger

1827 schließlich setzte der Kassenstand dem musikalischen Reigen ein Ende. Das Offizierskorps spielte nur noch bei den Mittagessen zu Ehren der Geburtstage des Königs und der Königin auf. Für die Jahre 1816 bis 1844 bescheinigt die Festschrift der Harmonie einen „recht konservativen Sinn“. Dann, „in der Mitte der 40er Jahre begannen die Geister unruhiger zu werden“. So ermöglichten die ab 1844 neuen Statuen nun auch die Aufnahme von außerordentlichen Mitgliedern – die genaue Definition dieser verursachte aber wohl Probleme. 1844 bildete sich (allerdings nur für recht kurze Zeit) eine „Casinogesellschaft“.

Obwohl die „Preßpolizei“ 1845 wegen des „Frankfurter teutsche Journal“ bei der Gesellschaft vorstellig wurde und jede Nummer davon „einer geschärften Nachzensur unterstellt wurde“, hält die Jubiläumsschrift fest, dass „die Harmonie indessen damals nicht vom demokratischen Geiste ergriffen war“. Die Ereignisse durch die Deutsche Revolution in den Jahren 1848/49 hatten offenbar nur geringen Einfluss auf die Harmonie, deren Mitglieder sich kaum an den auch in Kempten lebhaften Demonstrationen oder der „Katzenmusik“ beteiligt hatten, die der durchreisenden Gräfin von Landsfeld (die Geliebte des Bayerischen Königs Ludwig I., die besser bekannt ist unter ihrem ursprünglichen Namen Lola Montez) galten. Durch die 1852 eröffnete Bahnstrecke Kaufbeuren – Kempten kam ab 1854 auch eine veränderte und bis mindestens 1905 gültige Tageseinteilung, so dass Versammlungen erst ab 20 Uhr statt wie bisher um 17, 18 oder 19 Uhr begannen.

Fortsetzung mit dem Jahr 1855

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