Wenn arglose Gutgläubigkeit einen Helden formt

Eine Geschichte ohne "Happy End"

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In Personalunion schlüpfte Wolfgang Seidenberg in die unterschiedlichen Figuren in Reinhold Massags „Die Judenbank“

Kempten – Erkrankung des Hauptdarstellers kurz vor dem Aufführungstermin, Umbesetzung, Verschiebung – rund ist es erst Mal nicht gelaufen, das Stück „Die Judenbank“ auf die Bühne des THEATERINKEMPTEN (TIK) zu bringen. Vergangenen Freitagabend war es dann aber so weit und die künst- lerische Leiterin des TIK, Silvia Armbruster, konnte mit ihrer Inszenierung doch noch Premiere feiern.

Vorausgegangen waren drei intensive Probenwochen. Die Rolle – oder besser gesagt Rollen – des in Personalunion acht Figuren ausfüllenden Ein-Mann-Stückes übernahm Wolfgang Seidenberg, Lebensgefährte Armbrusters und erfahrener Bühnen- wie Fernsehdarsteller. Vor allem angesichts der äußerst kurzen Vorlaufzeit zeigte er eine beeindruckende Darbietung, die den sehr unterschiedlichen Charakteren der zu verkörpernden Personen differenziert Leben einhauchte.

Geschrieben hat das 1937 in einem Ort im Allgäu angesiedelte tragikomische Stück der Allgäuer Schauspieler und Volksautor Reinhold Massag. Uraufgeführt anno 1995 in Memmingen verbrachte „Die Judenbank“ erst einige Jahre im Dornröschenschlaf, bevor es seit 2005 einen kleinen Eroberungszug auch ins Ausland antreten konnte.

Dominikus Schmeinta heißt der Held der Geschichte. Ein ehemaliger Bauer, schwer gezeichnet von seiner fortgeschrittenen Myoparese – „lateinisch macht so eine Krankheit gleich viel mehr her“, der seit 20 Jahren auf der immer gleichen, auf „seiner“ Bank sitzt. Bis sie eines Tages aus heiterem Himmel „Nur für Juden“ reserviert ist. Eine „Fehlbe- schilderung“, wie Schmeinta findet, zumal es in diesem ganzen Ottersdorf nicht einen einzigen Juden gibt. Schmeinta möchte die ihm heilige Ordnung wieder herstellen und damit auch sein „Sitzrecht“ auf dieser Bank. Denn „eine Bank, auf die sich keiner setzen kann, hat ihre banklichen Zwecke verfehlt“. Also schreibt er einen Brief an den „Führer des ganzen Deutschen Volkes“, dass er Jude werden will, um wieder auf seiner Bank sitzen zu können. Und auch die Frage, was denn ein Jude überhaupt sei, beschäftigt ihn: Eine Religion und eine Rasse – einmal also eine freiwillige Entscheidung und einmal wird man hineingeboren. Um es kurz zu machen: Die Dinge nehmen ihren Lauf und am Ende bezahlt Schmeinta für seine Bank erst mit der Freiheit – Jude will er werden? Für den SS-Mann, der seinen Fall bearbeitet, ein klarer Fall für die Nervenheilanstalt – und schließlich mit dem Leben – auf eine Ausflugsfahrt hat der Führer die Anstaltsbewohner eingeladen, was Schmeinta zu deuten weiß.

Ernst, Tragik und Humor reichen sich die Hände und überlassen letztendlich dem Zuschauer, wie tief er sich in die Auseinandersetzung mit den oftmals grotesken Auswüchsen der Nazi-Zeit einlassen will. Seidenberg wechselt dabei leichtfüßig zwischen den Personen, die das Kleinstadtleben in der NS-Zeit spiegeln. Da ist zum Beispiel Lena, die die Naive mimt und ihren Mann, den einzigen Sozialisten im Ort, den NS-Schergen ans Messer liefert. Und da ist ihr Geliebter, der linientreue Nazi Roman, der für dessen Reise ins KZ Dachau sorgt. Da ist auch Romans Sohn Hansi, der so ganz das Gegenteil seines Vaters ist und ihm wie auch seiner streng katholischen und nicht sehen wollenden Mutter Cilly, nicht allzuviel abgewinnen kann. Aber vor allem ist da Dominikus Schmeinta, dieser leicht verwahrlost wirkende Krüppel in gestreiften Hosen und mit Bauchansatz, der ohne Arg ein aus seiner Sicht ganz legitimes, im Grunde doch unbedeutend-harmloses Ansinnen vertritt; der mit seiner Naivität und Gutgläubigkeit, mit seinem Gerechtigkeitssinn und seiner Sturheit unbeabsichtigt zum Widersacher einer Ideologie wird, die kein Ausscheren duldet. Im aufrechten Kampf für seine Überzeugung entlarvt er ohne Aufhebens das Konstrukt des Nazi-Regimes und der Menschen „von nebenan“, die es getragen haben.

Das - abgesehen von wenigen Effekthaschereien, wie dem plakativen Hinweis auf das Thema Religion durch Einspielung sakraler Musik und der Projektion eines großen silbernen Kreuzes aus Licht – minimalistische Bühnenbild hielt sich dezent im Hintergrund. Es gewährte dem allzeit präsenten Seidenberg großzügig Raum während er die unterschiedlichen Figuren in wilden Dialekt-Pingpongs facettenreich monologisierte. Einziger Wermutstropfen: obwohl „Die Judenbank“ im Allgäu spielt, wartete man vergeblich auf den heimischen Dialekt. Zum Schluss gab es langen und kräftigen Applaus von einem schwer beeindruckten Publikum.

Christine Tröger

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