Eine neue Kirche für Eisenbahner und Textilarbeiter im Süden der Stadt 

Die Klosterkirche St. Anton – Teil 1 

Die Klosterkirche St. Anton in einer Darstellung nach Schildhauer
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Die Klosterkirche St. Anton in einer Darstellung nach Schildhauer

Kempten – Bei der Klosterkirche St. Anton in Kempten stehen nicht zum ersten Mal Dachsanierungsarbeiten an. Im Rahmen einer Festigkeitsprüfung 2018/19 stellten Fachleute verschiedene Fäulnisschäden am Dachgebälk sowie Risse im Mauerwerk fest. Um die Mängel dauerhaft zu beseitigen, entstehen erhebliche Kosten, die mit 150.000 Euro kalkuliert werden. Obwohl sich daran die Diözese Augsburg mit 90.000 Euro beteiligt und aus einer Kirchenrücklage 30.000 Euro kommen, bleibt ein Fehlbetrag von 30.000 Euro. Um diesen Rest finanzieren zu können, hofft die katholische Pfarrkirchenstiftung St. Anton auf Spenderinnen und Spender. Diese anstehenden Baumaßnahmen bieten die Gelegenheit, auf die über 100-jährige Geschichte dieses Kirchenbaus in Kempten zurückzublicken.

Das 16. Jahrhundert brachte auch für das damalige Kempten epochale Veränderungen mit sich. Im Jahre 1525 gelang es der Reichsstadt Kempten unter ihrem Bürgermeister Gordian Seuter durch den sogenannten großen Kauf, dem damaligen Fürstabt Sebastian von Breitenstein gegen eine Summe von 30.000 Gulden ihre Eigenständigkeit abzukaufen, und sie durfte sich ab da „Freie Reichsstadt Kempten“ nennen. In dieser Zeit kam es aber auch zu einer Glaubensspaltung, bei der die Bürgerschaft Kemptens sich dem evangelischen Glauben zuwandte und in der St. Mang-Kirche ihre religiöse Heimat hatte. Die Bewohner des Stiftsgebietes und der Stiftssiedlung, die sich unmittelbar vor den Toren und Mauern der „Freien Reichsstadt Kempten“ befand, blieben unter ihren Fürstäbten katholisch. Durch die schlimmen Heimsuchungen des 30-jährigen Krieges wurde die religiöse Heimat der katholischen Bewohner der Stiftssiedlung, das Kloster mit der Leutekirche St. Lorenz auf‘m Berg und das Marienmünster, völlig zerstört. Nach dem Neubau der Kirche St. Lorenz und der Residenz durch den Fürstabt  Roman Giel von Gielsberg und seine Nachfolger blieb die Lorenzkirche über Jahrhunderte das einzige katholische Gottes- haus für die Bewohner der Stiftssiedlung, die sich ab 1728 Stiftsstadt nennen durfte. 

Klosterkirche St. Anton

Nach der Säkularisation ab 1802/1803, als nach der offiziellen Vereinigung im Jahre 1818 durch obrigkeitliche Anordnungen die Grenzen zwischen beiden benachbarten Städten, der Stiftsstadt Kempten und der „Freien Reichsstadt Kempten“, fielen, entstand aus den bisherigen Doppelstädten eine einzige Stadt. Ihre Bewohnerzahl betrug ungefähr 6000 Menschen, wovon ca. 2900 in der Neustadt und ungefähr 3150 in der Altstadt lebten. Ab 1818 verlor die Stadt ihre ländlichen Bezirke, die in zwei Ruralgemeinden aufgingen. Diese umschlossen östlich der Iller St. Mang, Lenzfried und Leubas mit der Klosterkirche St. Mang in Lenzfried und der kleineren Kirche in Ursulasried und auf der westlichen Illerseite die Gemeindeteile St. Lorenz mit Neuhausen, Hirschdorf und Mariaberg mit der zuständigen Wallfahrtskirche Heiligkreuz.

Bis zum Jahre 1840 änderte sich sowohl die räumliche Ausdehnung des vereinigten Kemptens als auch dessen Bewohnerzahl kaum und betrug 6708 Einwohner.

Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, mit Einsetzen der Industrialisierung, stieg die Einwohnerzahl rapide an und es wuchs auch die Ausdehnung der Stadt. Besonders die Spinn- und Weberei in Kempten und Kottern benötigte immer mehr Mitarbeiter. Ebenso brachten der Bau und der Betrieb der Eisenbahn und des Bahnhofes in Kempten (beim heutigen Forum) ab den 1850er Jahren eine erhebliche Zunahme an Arbeitsplätzen in der Stadt. In der Folge mussten Wohnungen für die Beschäftigten auch in Kottern, der Rosenau, in der Nähe des Bahnhofes und im Haubenschloß gebaut werden. Betrug doch die Einwohnerzahl Kemptens um 1855 bereits 9424, und stieg 1875 auf 12.683, 1895 auf 17.352 und betrug 1905 immer- hin schon 20.663 Menschen. Die katholische Kirchengemeinde St. Lorenz umfasste im Jahr 1854 an die 8000 Seelen, ihre Zahl stieg bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts einschließlich ihrer Filialen auf schon 20.000 Menschen.

Der Wunsch nach weiteren katholischen Kirchen im Stadtgebiet

Kein Wunder also, dass anfangs des 20. Jahrhunderts bei den damals streng gläubigen Katholiken der Stadt der Wunsch nach zwei weiteren Pfarrkirchen in der Nähe ihres Wohnortes aufkam. Im Südwesten der Stadt entstand besonders bei den Eisenbahnerfamilien, die um die Schellenbergstraße wohnten sowie bei den Bewohnern von Haslach, das damals noch zur Ruralgemeinde St. Lorenz gehörte, die Idee einer eigenen Kirche, die man auch bei schlechten Wetterbedingungen zu Fuß schneller und sicherer erreichen konnte. Daher trat im Jahre 1903 der damalige Augsburger Bischof Maximilian von Lingg an das katholische Pfarramt St. Lorenz mit dem Vorschlag heran, für die Katholiken in Kempten eine zweite Pfarrkirche im Süden der Stadt zu errichten. (Dieser Bischof Lingg ist der Namens geber der heutigen Linggstraße am Stadtpark.)

Dieser Vorschlag läutete die Geburts- stunde von gleich zwei Kirchenbauvereinen in Kempten ein, die sich im Januar 1904 formierten. Der erste davon, der sogenannte Südverein, setzte sich zum Ziel, im Südwesten der Stadt, im Haubenschloßgebiet eine Kirche zu errichten. Auf Initiative des Gärtners Bonifaz Haneberg, der seinen Be- trieb neben dem Haslacher Hof (Immenstädter Straße) hatte, trafen sich am 8. Januar 1904 im Hasengarten (heute Parktheater) ungefähr 50 Männer, um die Gründung dieses Kirchenbauvereines Kempten-Süd in die Wege zu leiten.

Schon am 28. Februar 1904 gab es eine konstituierende Sitzung zur Gründung des Bauvereins, an der rund 100 Männer teilnahmen, mehr als die Hälfte davon stammte aus der Eisenbahnerkolonie. Hier kam es zur offiziellen Gründung des „Bauvereins einer katholischen Kirche im Süden der Stadt“, dem sogleich 55 Teilnehmer als Mitglieder beitraten. Der Mitgliedsbeitrag betrug pro Jahr 2,00 Reichsmark, mit dem Hinweis, dass derjenige, der ein Jahr lang den Beitrag nicht zahlte, die Mitgliedschaft verlor. Zu ihrem Vorstand wählten sie Ignaz Wiest, Dampfsägewerksbesitzer in der Wiesstraße. 

Satzung des Bauvereins einer katholischen Kirche im Süden der Stadt von 1904.

Die Ziele des Bauvereins Süd bestanden zunächst darin, einmal Geld zu sammeln und dann einen Bauplatz für den geplanten Kirchenbau zu finden.

Dann gab es noch den Kirchenbauverein Kempten Ost, der im Ostteil der Stadt, im Bereich der Burgstraße, den Bau einer neuen Kirche anstrebte. Hier ging die Initiative vom Schlossermeister Johann Abt in der Burgstraße aus.

Die Tatsache, dass es nun zwei konkurrierende Kirchenbauvereine gab, war verantwortlich für Verzögerungen des Bauvorhabens und sorgte auch für Irritationen im Stadtrat, wer von bei- den Vereinen beim Kirchenbau Priorität haben sollte.

Die Frage nach dem Bauplatz

Daher sollte es noch längere Zeit dauern, bis es beim Südverein zur Planumsetzung kam. Für einen Standort im Süden kamen damals mehrere Baugrundstücke in Frage. So auch ein Areal von Remig Haser, der den Verkauf des Geländes aber an die Bedingung knüpfte, dass die Seelsorge von Angehörigen des Kapuzinerordens ausgeübt werde. 1908 schließlich folgte man dem Vorschlag des Redakteurs Franz Josef Meier, der sich für einen Platz zwischen Immenstädter Straße, der damaligen Bismarckstraße (heute Maler-Lochbihler-Straße) und der Völkstraße aussprach, weil er ziemlich zentral in der neuen Siedlung, knapp an der Stadtgrenze zu St. Lorenz lag. Am 7. August 1908 kam es zum Kaufvertrag zwischen den beteiligten Parteien. Verkäuferin dieses Baugrundstücks mit einer Größe von knapp sechs Hektar war Anna Kunz, die das Areal auch im Namen „der vormaligen nun im Handelsregister gelöschten Firma Alfred Kunz & Cie“ für 25.000 Reichsmark, zahlbar in mehreren Teilbeträgen, veräußerte. Als Käufer trat der Verein „zum Baue einer katholischen Kirche im Süden der Stadt Kempten“ auf, vertreten durch Ignaz Wiest, Dampfsägewerksbesitzer, und Christian Nassal, Bahnhofsportier, beide wohnhaft in Kempten.

Der Kaufvertrag für den Verein.

Wegen des Bauplatzes kam es zu erneuten Diskussionen im Stadtrat, der einen anderen Platz favorisierte. Auch der damalige Bürgermeister Adolf Horchler stand den Plänen für eine Kirche im Süden mit Ablehnung gegenüber und favorisierte den Kirchenbau im Osten der Stadt. Die Bewohner der Eisenbahnerkolonie machten aber klar, dass sie den erworbenen Bauplatz behalten wollten.

Fortsetzung in einer der nächsten Ausgaben.

Dr. Willi Vachenauer

Kemptener Stadtgeschichte: Das Weidachschlössle

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