"Die Nestwärme ist abgekühlt"

Die Zahl der vom Kemptener Jugendamt in Obhut genommenen Kinder ist in diesem Jahr erneut gestiegen. Musste das Jugendamt 2009 noch 26 Kinder unter seinen Schutz nehmen, werden es heuer voraussichtlich 30 sein, berichtete Jugendamtsleiter Matthias Haugg am Donnerstagabend im Haupt- und Finanzausschuss. In Zukunft rechnen die Sozialexperten der Stadtverwaltung mit weiter steigenden Zahlen: „Es stellt sich die Frage, inwieweit es uns gelingt, diese Tendenz aufzufangen“, meinte dazu Benedikt Mayer, Leiter des Referats für Jugend, Schule und Soziales.

Kemptener Eltern sind der Erziehung ihrer Kinder offenbar zunehmend nicht mehr gewachsen: Mussten im vergangenen Jahr 26 Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen werden, werden es heuer voraussichtlich 30 sein. Insgesamt wird das Jugendamt in diesem Jahr wahrscheinlich 110 mal über mögliche Gefahren für ein Kind alarmiert. Im vergangenen Jahr gab es lediglich 80 Meldungen. Gründe für den besorgniserregenden Trend gibt es offenbar mehrere. Zum einen die Überforderung der Eltern, zum anderen der allgemeine gesellschaftliche Wandel und das Verschwinden der klassischen Rollenverteilung. Erschwert werde die Situation in vielen Familien außerdem durch Scheidungen oder finanzielle Probleme. Auf der anderen Seite reagiere die Öffentlichkeit mittlerweile aber sehr viel sensibler auf das Thema, sodass auch mehr Problemfälle ans Licht kommen. „Viele Eltern sind schlicht überfordert und wissen gar nicht, was sie tun sollen“, schilderte Stadtrat Johann Lederle (CSU) seine Sicht. Für die Zukunft gehen Haugg und Mayer von weiter steigenden Zahlen aus. Für Thomas Hartmann von den Grünen handelt es sich dabei aber um keine „Naturgesetzlichkeit“. „Das ist der Ausfluss der Entwicklung in der Gesellschaft und der Kluft zwischen arm und reich“, sagte er. Zudem stelle sich die Frage, wie hoch die Dunkelziffer ist. Unverständnis für Hartmanns Äußerung zeigte Ob Dr. Ulrich Netzer (CSU). „Es ist sehr verkürzt, das Thema auf arm und reich zu beschränken“, sagte der Rathauschef. „Da spielen viele Faktoren eine Rolle.“ Bürgermeister Josef Mayr (CSU) vertrat ebenfalls die Ansicht, dass die finanzielle Situation der betroffenen Familien nicht wirklich ausschlaggebend sei. „Wenn das Geld knapp wird, heißt das ja nicht, dass die Nestwärme nachlässt – im Gegenteil“, so der Bürgermeister. „Aber die Nestwärme ist insgesamt in dein letzten Jahren um einige Grad abgekühlt.“ Aufgaben, die früher Netzwerke wie die Familie oder Großfamilie wahrgenommen hätten, müssten mittlerweile eben von der öffentlichen Hand geleistet werden. „Heute müssen wir diese Netzwerke von Früher künstlich nachbilden“, sagte er. Sein Fraktionskollege Harald Platz nahm hingegen die Sportvereine in die Pflicht. Hier könne schon viel früh für das Kindeswohl getan werden, lobte Platz. Insgesamt hat das Jugendamt für 2011 einen Geldbedarf in Höhe von rund neun Millionen Euro. Dem stehen Einnahmen (Zuschüsse) von etwa 1,1 Millionen Euro gegenüber. Mit 8,7 Millionen Euro fließt der Löwenanteil der Ausgaben in dieJugendhilfen, während der Bedarf des Sozialdienstes bei lediglich 369 900 Euro liegt. In diesem Jahr liegen die Ausgaben des Kemptener Jugendamtes bei rund 8,8 Millionen Euro. Dem stehen Zuschüsse in Höhe von einer Million Euro gegenüber.

Meistgelesen

Erlebnistag im Grünen Zentrum
Erlebnistag im Grünen Zentrum
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit Teil 2
Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit Teil 2
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet

Kommentare