Neue Caritas-Fachstelle für TäterInnenarbeit hilft

Auch Täter wünschen sich ein Leben ohne Gewalt

Mann mit Haarbüschel einer Frau
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Häusliche Gewalt findet in allen gesellschaftlichen Gruppen statt, unabhängig vom Beruf oder Einkommen des Täters.

Kempten/Oberallgäu – Der Autor Christian Baron, Redakteur der überregionalen Wochenzeitung „der Freitag“, hat im vergangenen Jahr einen vielbesprochenen Roman veröffentlicht, in dem er von seiner Kindheit in seiner von Erwerbsarmut und häuslicher Gewalt geprägten Familie erzählt. In seinem literarischen Bericht „Ein Mann seiner Klasse“ erinnert er sich ebenso schonungslos wie liebevoll an seinen trinkenden, prügelnden Vater. Mit dem Abstand vieler Jahre schreibt Baron über den mit 43 Jahren Verstorbenen: „Unser Vater war ein Mann seiner Klasse. Ein Mann, der kaum eine Wahl hatte, weil er wegen seines gewalttätigen Vaters und einer ihn nicht auffangenden Gesellschaft zu dem werden musste, der er nun einmal war. Das entschuldigt nichts, aber erklärt alles. Und es gilt ebenso für mich.“

Andrea Springborn ist überzeugt, dass Täter wie Baron Senior eine Wahl haben, und will mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass Männer, die gegenüber ihrer Partnerin oder ehemaligen Gefährtin gewalttätig sind, rechtzeitig aufgefangen werden. Und zwar unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund, denn häusliche Gewalt findet in allen gesellschaftlichen Gruppen statt, unabhängig vom Beruf oder Einkommen des Täters. Springborn bietet in der neu eingerichteten Fachstelle für TäterInnenarbeit in Kempten soziale Tranings an, in denen ihre Klienten lernen sollen, Konflikte friedlich zu lösen. Denn nur wenn es den Tätern gelingt, auf Gewalt zu verzichten, werden ihre Partnerinnen oder Exfreundinnen und ihre stets mitbetroffenen Kinder auf Dauer sicher und geschützt leben können. Die Anlaufstelle gehört zum Caritasverband und ist für die gesamte Region Schwaben-Süd zuständig, während sich Springborns Kollege, mit dem die Kunsttherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie zusammenarbeitet, in Augsburg um Schwaben-Nord kümmert. Insgesamt gibt es in den bayerischen Bezirken zwölf Fachstellen.

Andrea Springborn bietet TäterInnen, die entschlossen sind, mit der Gewalt Schluss zu machen, eine Perspektive.

Täterarbeit ist Opferschutz

Das neue Hilfsangebot gründet auf der sogenannten Istanbul-Konvention des Europa-Rates, einem völkerrechtlichen Vertrag, den die Bundesrepublik 2018 unterzeichnet hat und der vorsieht, dass der Staat aktiv gegen häusliche Gewalt vorgeht und vorbeugenden Maßnahmen ergreift, um Frauen und Kindern wirksamer zu schützen, als dies bisher gelungen ist. Erst vor wenigen Wochen hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey alarmierende Zahlen vorgelegt: Nach einer Auswertung des Bundeskriminalamtes gab es 2019 „mehr als 141.000 Opfer häuslicher Gewalt – 81 Prozent davon Frauen. Zudem vermuten Experten eine Dunkelziffer von etwa 80 Prozent. „An fast jedem dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet“, berichtete Giffey schockiert.

Die Gewaltspirale durchbrechen

Bevor es zu einer solchen Eskalation kommt, will das Trainingsprogramm der Caritas-Fachstelle den Tätern dabei helfen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass sie selbstbestimmt und reflektiert handeln können und im Streit oder bei Meinungsverschiedenheiten nicht gezwungen sind, mit Gewalt zu reagieren. „Gewalt auszuüben ist eine Entscheidung“, stellt Springborn klar. In Einzelgesprächen, bei Gruppentreffen mit anderen gewalttätigen Männern und durch gemeinsame Übungen soll den Tätern klar werden, dass sie die oft seit ihrer Kindheit eingeübten Verhaltensmuster aufbrechen und verändern können. Indem sie detailliert den Ablauf ihrer Gewalttaten schildern und dabei auch ihre Gefühle und körperlichen Empfindungen wie in Zeitlupe nachvollziehen und beschreiben, können sie zu einem neuen Selbstverständnis finden. Die Konfrontation mit ihren Taten lässt sie spüren, dass sie ihren Gefühlsausbrüchen nicht ausgeliefert sind, sondern Strategien entwickeln können, um Konflikte rechtzeitig zu entschärfen. „Für viele Männer ist es neu, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken: ‚Wie geht das bei mir ab?‘ Oft können sie zum ersten Mal im Körper lokalisieren: ‚Ich bin angespannt‘“, erzählt Springborn.

Sie ist sich sicher: „Die Gruppe bewirkt etwas. Mit häuslicher Gewalt kann man nirgendwo punkten“, sie ist sehr schambehaftet und isoliert die Betroffenen in einem „engen, kleinen Kreis, weder Täter noch Opfer können raus“. In den insgesamt 20 bis 25 Gruppensitzungen, die einmal wöchentlich stattfinden, können die Männer mit anderen Gewalttätern über ihre Erfahrungen sprechen, „ins Spüren kommen“ und üben, sich in Frauen und Kinder einzufühlen. Sie sprechen über ihre Wünsche an eine Partnerschaft, über ihre Vorstellungen von Männlichkeit, über eigene Gewalterfahrungen und ihre Vaterrolle. Ein weiterer wichtiger Baustein des Trainings ist die „Gewaltbilanz“: Die Gruppenteilnehmer fragen sich einerseits, welchen Vorteil sie davon haben, wenn sie ihren Willen mit Gewalt durchsetzen, und andererseits, welche nachteiligen Folgen ihre „kurze Entladung“ für sie selbst, ihre Partnerin und ihre Kinder hat. „Gewalt hat viele Gesichter“, betont Springborn. Sie äußert sich nicht nur körperlich in Schlägen, Tritten und Schubsern, sondern auch psychisch, sozial, ökonomisch oder sexualisiert. Gewalttäter würdigen ihre Opfer mit Worten herab, isolieren sie von Freunden und Familie, stalken sie, verweigern ihnen ein eigenes Bankkonto oder nötigen sie zum scheinbar einvernehmlichen ‚Versöhnungssex‘.

Selbstverantwortung und Gewaltverzicht

Das Trainingsprogramm wendet sich sowohl an Täter, die im Rahmen eines Strafverfahrens von der Staatsanwaltschaft zur Teilnahme verpflichtet wurden, als auch an gewalttätige Männer, die sich selbst bei der Fachstelle melden, etwa weil sie die drohende Trennung von ihrer Partnerin verhindern wollen oder sich wünschen, dass ihre Kinder in einem friedlichen Zuhause aufwachsen. In bis zu sechs vorbereitenden Gesprächen versucht Springborn ihr Gegenüber kennenzulernen, seine Motivation zu ergründen und herauszufinden, ob ihr Klient die Teilnahmebedingungen erfüllen kann und will: Denn das Programm ist keine Psychotherapie; um aufgenommen zu werden, muss der Täter die 100-prozentige Verantwortung für seine Taten übernehmen und eine Gewaltverzichtserklärung unterschreiben. Gemeinsam mit Springborn erarbeitet er außerdem einen auf ihn und seine Lebenssituation abgestimmten Notfallplan mit konkreten Handlungsanweisungen und Entscheidungshilfen.

Eine solche Vereinbarung kann zum Beispiel beinhalten, dass der Täter, wenn es daheim zum Streit kommt und er einen Gewaltausbruch befürchten muss, sofort die Wohnung verlässt und versucht, sich beim Sport abzureagieren. Zudem entbindet der Klient die Therapeutin gegenüber bestimmten Institutionen und gegenüber seiner Partnerin von ihrer Schweigepflicht. Für den Erfolg des Programms ist es wichtig, dass Springborn mit Gerichten und Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendamt, Opferschutzeinrichtungen und anderen Beteiligten eng zusammenarbeiten kann. Diese Vernetzung dient auch dem Schutz von Frau und Kindern, falls der Täter rückfällig werden sollte. „Im Moment klappere ich nach und nach alle Stellen ab, die als Kooperationspartner oder Vermittler in Frage kommen“, erzählt sie. Auch beim erst kürzlich ins Leben gerufenen „Runden Tisch gegen häusliche Gewalt Kempten“ hat sie sich bereits vorgestellt (der Kreisbote berichtete).

Gewalttätige Frauen

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass es auch weibliche Täterinnen gibt, die gegenüber ihren Partnern gewalttätig sind. Diese Gewaltformen sind bisher jedoch weniger gut erforscht. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit häusliche Gewalt e. V. arbeitet an einem Leitfaden für das soziale Training mit Täterinnen. Springborn plant, für veränderungsbereite Frauen Einzelgespräche anzubieten. „Ein schönes, fernes Ziel“ ist für sie auch die Gründung einer Selbsthilfegruppe. Ein solches Angebot könnten jenen Männern, die das Training erfolgreich absolviert haben, helfen, die positiven Veränderungen in ihrem Verhalten beizubehalten. Da etwa 80 Prozent der Täter Väter sind, ist die stärkste Motivation oft die Erkenntnis, dass es ihnen gelingen kann, die in ihren Familien oft seit Generationen üblichen zerstörerischen Verhaltensmuster nicht an ihre Kinder weiterzugeben, und ihnen so ein gewaltfreies, glücklicheres Leben zu ermöglichen.

Antonia Knapp

Kontaktdaten: Fachstelle Schwaben Süd TäterInnenarbeit bei Häuslicher Gewalt FTHG Caritasverband Kempten-Oberallgäu e.V., Landwehrstr. 1, 87435 Kempten Tel. 0831/960 880 290, Fax. 0831/960 880 20, Mobil: 0172 73 54 635 Email: andrea.springborn@caritas-kempten.de www.caritas-oberallgaeu.de.

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