Kotterner Straße: Anwohner beklagen Schadstoffe

Dicke Luft

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Wegen der Sperrung der nördlichen Bahnhofstraße kommt es derzeit in der Kotterner Straße zu einem erhöhten Verkehrsaufkommen. Ein Anwohner hat nun die Nase voll und will sich wehren.

Kempten – „Man kann im Sommer kein Fenster mehr aufmachen!“ Hermann Jehle stinkt es.  Der Bewohner der Alpenrosenstraße blickt aus seinem Wohnzimmerfenster runter auf die Kotterner Straße, wo nach seiner Wahrnehmung nach der Verkehr und damit die Schadstoffbehandlung seit Jahren zunehmen.

Daher sieht er die Stadtverwaltung in der Pflicht zu handeln. Dort macht man sich bereits Gedanken. 

 Mit dem Bau von Forum Allgäu und bigBOX sei die Anzahl der Autos in der Kotterner Straße bereits vor Jahren kontinuierlich gestiegen, erinnert sich Jehle. Seit aber die nördliche Bahnhofstraße für den Autoverkehr gesperrt wurde und die Busse um das „große Loch” herumfahren müssen, „ist das natürlich noch schlimmer geworden“, sagt er. Eine weitere Verschärfung befürchtet er, wenn erst einmal das bigBOX-Hotel in Betrieb geht. „Wir ersticken durch diese Maßnahmen“, sorgt er sich und fordert eine Beschränkung des Verkehrs in der Kotterner- und Bahnhofstraße. Noch mehr ärgert den Rentner allerdings, dass er sich mit seinen Sorgen um die Schadstoffbelastung von der Stadtverwaltung nicht ernst genommen fühlt. Dabei ist er sich sicher: „Die Grenzwerte wurden überschritten. Die Werte sind manipuliert.“ Konkret wirft er Bauverwaltung und Umweltamt vor, die Schadstoffbelastungen in der Kotterner Straße – vor allem Feinstaub und Stickoxid – nicht richtig gemessen zu haben. „Im kühlen Oktober kann ich das nicht messen“, ist er sich sich sicher, denn bei warmem Wetter seien die Werte höher. 

Tatsächlich waren Bauverwaltung und Umweltamt im vergangenen Oktober vor Ort, um die Schadstoffbelastungen im Vorfeld der Straßensperrung durch ein Ingenieur-Büro untersuchen zu lassen. „Wir haben das sehr, sehr ernst genommen“, erinnerte sich Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann. Ein Schadstoffgutachten habe dabei ergeben, dass „die Grenzwerte nicht überschritten werden.“ So stellte er es schließlich auch in der entscheidenden Verkehrsausschusssitzung am 22. Oktober dar. Allerdings, das ergaben Recherchen des Kreisboten, hat die Verwaltung gar nicht die Schadstoffbelastung gemessen, sondern lediglich auf Basis eines Modells berechnen lassen. Wiedemann und Ulrike Westermaier, im Umweltamt zuständig für den technischen Umweltschutz, bestätigten das auf Anfrage. Allerdings handelt es sich dabei um keine ungewöhnliche Vorgehensweise. Im Gegenteil: Das Landesamt für Umwelt (LfU) schlug der Stadt vor, keine Messung, sondern eine Berechnung vorzunehmen, da diese weniger aufwändig sei. Eine Messung müsste über einen längeren Zeitraum erfolgen. Nur bei dem Verdacht einer Grenzwertüberschreitung oder „durch eine hohe Betroffenheit, die beispielsweise durch eine Bürgerinitiative zum Ausdruck kommt“ seien Messungen gerechtfertigt, teilte das LfU der Stadt mit. Die daher vorgenommene Immissionsberechnung berücksichtigt unter anderem Parameter wie die Anzahl der Autos, das Wetter oder die Art der Bebauung (Höhe der Gebäude), erläuterte Westermaier. 

An der Richtigkeit der Berechnungen zweifelt sie nicht. Im Gegenteil: „Die Ergebnisse der Berechnungen sind höher als bei einer Messung.“ Heißt: Die Werte des Modells sind meist schlechter als die tatsächlichen. Im Gegensatz zu Hermann Jehle kommt die Expertin zu dem Schluss, dass gerade die Feinstaubbelastung in den kalten Jahreszeiten wegen der anderen Luftbeschaffenheit höher ist als im Sommer. 

Verständnis beim BUND 

Selbst der Bund Naturschutz (BUND) kann am Vorgehen der Stadtverwaltung nicht Verwerfliches erkennen. „Exakte Werte für die Kotterner Straße sind nur durch eine Messung vor Ort feststellbar – dies gilt dann allerdings für 99,9 Prozent der Fläche Kemptens”, so Michael Schropp vom BUND. „Und so stellt sich dann die Frage, wieviele Messstellen in Kempten notwendig, sinnvoll und bezahlbar sind.” Das Problem ist aus seiner Sicht ein ganz anderes: „29 Prozent der Energie wird im Verkehr verbraucht – weder die Stadt Kempten, noch eza! oder das Klimaschutz-Management der Stadt lassen erkennen, dass sie an dieser Stellschraube drehen wollen”, kritisiert er. Stattdessen werde die Nordspange gebaut oder die Halde-Nord versiegelt: „So wird das Klima nicht geschützt. Ud so wird auch die Feinstaubbelastung nicht weniger.” Und Hermann Jehle? Der will trotzdem nicht aufgeben. Hilft alles nichts, will er Unterschriften sammeln, sich an den ADAC oder die höchste bayerische Umweltbehörde wenden, kündigt er an. 

So weit will es die Bauvrerwaltung aber am liebsten nicht kommen lassen. Durch mobile Geschwindigkeitsmessanlagen könnte der Verkehr in der Kotterner Straße etwas abgebremst werden, glaubt Tiefbauamtsleiter Wiedemann. Darüber hinaus hofft er, dass der Verkehr um das „große Loch” für den Schwerlastverkehr bald wieder frei gegeben wird. Dann müssten zumindest die Busse nicht mehr durch die Kotterner Straße.

Matthias Matz

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