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Dietmannsried ist unsere zweite Heimat

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Von: Sabine Stodal

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Ahmad (von links), Ali, Abdullah und Nesrin sind glücklich, in Dietmannsried eine neue Heimat gefunden zu haben.
Ahmad (von links), Ali, Abdullah und Nesrin sind glücklich, in Dietmannsried eine neue Heimat gefunden zu haben. © Stodal

Dietmannsried – Sechs Jahre ist es nun her, seit sich Ahmad A., seine Frau Nesrin und ihre beiden Söhne, der damals vierjährige Ali und der neunjährige Abdullah als erste syrische Asylbewerberfamilie in einer eigenen Wohnung in Dietmannsried niederließen. 

Sie stammen aus der damals schwer umkämpften Großstadt Aleppo. Der Kreisbote berichtete in dieser Anfangszeit über ihre Geschichte, ihre Erlebnisse in ihrer bürgerkriegsgeschüttelten Heimat und ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft hierzulande. Wir haben uns gefragt, wie es ihnen heute geht und die Familie erneut besucht.

Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können, denn gerade waren gute Nachrichten ins Haus geflattert: „Wir haben die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen und freuen uns wahnsinnig!“

Ein Rückblick

Es war das Jahr 2013, als Ahmad A. unter Lebensgefahr aus seiner Heimatstadt Aleppo flüchten und seine gesamte Familie zurücklassen musste. Ein Jahr lang schlug sich der diplomierte Programmierer, der im Personalmanagement eines großen Konzerns gearbeitet hatte, in Syrien durch, ehe er sich in die Türkei retten konnte. Schließlich landete der damals 36-Jährige im Januar 2014 im Auffanglager in München. Im August desselben Jahres wurde er in die erste dezentrale Flüchtlingsunterkunft der Marktgemeinde Dietmannsried verlegt. Binnen kurzem erhielt er seine Aufenthaltserlaubnis und fand mit viel Glück eine Wohnung, in die er seine Frau und die beiden kleinen Söhne nachholen konnte. „Wir haben unsere Heimat verloren und alles Hab und Gut, aber wir sind wieder zusammen und dürfen hier in Frieden leben – dafür sind wir unendlich dankbar“, sagten Ahmad und Nesrin damals. „Wir hoffen, dass wir den Menschen hier in Deutschland für all das Gute, was sie für uns getan haben, irgendwann etwas zurückgeben zu können.“

Schon damals, in ihren schwierigen Anfangszeiten, war die freundliche und aufgeschlossene Art der Familie geradezu herzerwärmend. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Gäste werden herzlich begrüßt und mit Kaffee und einem von Nesrins köstlichen selbstgebackenen Kuchen verwöhnt. Mittlerweile haben sich alle Vier gut in der Marktgemeinde eingelebt, die sie liebevoll „ihre zweite Heimat“ nennen. Sie sind ins Dorfleben integriert, die Jungs, inzwischen 11 und 16 Jahre alt, sind in Vereinen aktiv, Nesrin – sie war in Syrien studierte Mathematiklehrerin – hat die Ausbildung als Erzieherin abgeschlossen und arbeitet in der gemeindlichen Kindertagesstätte, Ahmad hat seine Umschulung als Programmierer für Anwendungsentwicklung abgeschlossen und eine Anstellung in Kempten gefunden.

„Es war uns von Anfang an sehr wichtig, dass wir alle schnell Deutsch lernen, um uns mit den Menschen hier richtig austauschen und wieder berufstätig sein zu können und auch, um wieder das Gefühl zu bekommen, festen Boden unter den Füßen zu haben“, betonen Ahmad und Nesrin. Wobei der Weg in den Beruf steinig war.

Nesrin wurde aufgrund ihrer Koch- und Backkünste, die schnell die Runde gemacht hatten, zunächst gefragt, ob sie im kirchlichen Kindergarten St. Blasius in Dietmannsried mitarbeiten wolle. „Ich kochte zweimal wöchentlich für die Kinder. Das hat mir Spaß gemacht, denn ich hatte endlich Kontakt zu mehr Menschen und habe auch Einiges über die deutsche Kultur und Bräuche gelernt“, sagt sie lächelnd. Nach mehreren erfolgreich absolvierten Sprachkursen habe sie überlegt, ob eine Bäckerlehre etwas für sie sein könnte „oder ob ich den C1-Sprachkurs anhängen sollte, um nochmal zu studieren.“

Letztlich entschied sie sich, es mit der Ausbildung zur Erzieherin zu versuchen. „Mein syrisches Studium wurde, genau wie bei Ahmad, hierzulande leider nicht anerkannt, aber zumindest mein Abitur, sodass die Ausbildung zur Erzieherin von den üblichen fünf Jahren auf drei Jahre verkürzt wurde.“ Die ersten Monate an der Fachakademie in Kempten seien „schrecklich“ gewesen, gibt sie rückblickend zu. „Ich habe kaum etwas verstanden. Aber es war mir peinlich, das zuzugeben. Ich war kurz davor, zu verzweifeln.“

Hilfe kam aus der Nachbarschaft. Ein älteres Ehepaar nahm die gesamte Familie liebevoll unter ihre Fittiche. „Die beiden sind unsere Engel. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft“, sagt Nesrin mit einem glücklichen Strahlen. „Sie unterstützten uns alle unermüdlich beim Lernen der Sprache und Schrift und sie halfen mir, meine Ausbildungsinhalte zu verstehen. Und nachdem ich mich getraut hatte, den Lehrern meine Schwierigkeiten zu beichten, reagierten auch sie unglaublich hilfsbereit. Von da an ging es bergauf.“ Nesrin bestand die Abschlussprüfung und absolvierte das anschließende Berufspraktikum im gemeindlichen Kindergarten in Dietmannsried. Dort bot man ihre Vollzeitanstellung an, die sie freudig annahm. Aber zurück zu besagten Nachbarn …

Deren Zuwendung ging weit über die Sprach-Nachhilfe hinaus. „Sie hatten keine Scheu vor uns und nahmen uns einfach mit offenen Armen in ihrer Familie auf. Durch sie erleben wir ein Gefühl der Zugehörigkeit, was wunderschön ist“, erzählen Nesrin und Ahmad gerührt. „Sie kamen uns schon in unserer Anfangszeit oft besuchen oder luden uns zu ihren Familienfeiern ein und an unserem ersten Weihnachten in Deutschland fragten sie ganz vorsichtig, ob sie uns einladen dürften, oder ob wir als Muslime ein Problem damit hätten.“ Letzteres war nicht der Fall. „Wir sind sehr aufgeschlossen und möchten unseren Kindern auch die christliche Religion mitgeben. Wir respektieren die deutsche Kultur sehr. Unsere eigene ist auch schön, aber sehr viel begrenzter, vor allem was die Rolle und die Freiheiten der Frauen angeht“, ist sich das Ehepaar einig und ergänzt: „Dietmannsried ist wirklich unsere Heimat geworden.“

Seit Kurzem ist dies auch endlich offiziell. Die Familie hat die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, „ein unbeschreibliches Gefühl“, wie sie sagen. Für Nesrin bedeutet der deutsche Pass noch viel mehr: „Ich hoffe, ich kann bald nach Ägypten reisen, um meine Zwillingsschwester zu treffen, die dort lebt. Wir haben uns seit neun Jahren nicht gesehen!“

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