"Die Speckgürtel wachsen, die Mitten verschwinden"

Angeregte Diskussion über Flächenfraß, Neubaugebiete und Bausünden im Allgäu

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Diskutierten über Baukultur im Allgäu: (v.l.) Prof. Christian Wagner, Peter Brückner, Architekt BDA; Betzigaus Bürgermeister Roland Helfrich, der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz sowie der baukulturell interessierte Musiker Matthias Schriefl.

Betzigau – Am Anfang waren ein Krapfen und ein Donut. Für Moderator Thommi Stottrop (Bayerischer Rundfunk) Metaphern für „das Dilemma“, um das es am Donnerstagabend vergangene Woche in Betzigau gehen sollte.

Während also ein Krapfen gleichmäßig um einen Kern herum aufgebaut ist, fehlt dem Donut die Mitte. Und genau um diesen sogenannten „Donut-Effekt“ ging es Stottrop. „Die Speckgürtel wachsen, die Mitten verschwinden“ und „jeder Ort begrüßt seine Gäste heute mit einem Gewerbegebiet“. Flächenfraß, seelenlose Bauten, tote Ortskerne – Themen, die rund 200 Interessierte in den „Hirsch“-Saal lockten.

Der Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion zum Thema „Örtliche Identität oder globales Allerlei?“ drehten sich also um die bauliche Entwicklung im Allgäu und dass es in Betzigau stattfand, war nicht ohne Grund. Die Initiatoren Architekturforum Allgäu, Bund Deutscher Architekten und Treffpunkt Architektur Schwaben der Bayerischen Architektenkammer hatten das geplante Neubaugebiet im zu Betzigau gehörenden Dorf Leiterberg, wo 35 Gebäude entstehen sollen, zum Anlass genommen. 

Es sollte zwar nur exemplarisch dafür stehen, dass bei solchen Vorhaben die Qualität des Bauens und ein sorgsamer Umgang mit der Fläche im Vordergrund stehen sollte. Es rückte aber doch immer wieder direkt in den Fokus der Vertreter von Politik – der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz sowie Betzigaus Bürgermeister Roland Helfrich – und Architektur – Prof. Christian Wagner aus dem Schweizer Chur und der Architekt BDA Peter Brückner aus dem Oberpfälzischen Tirschenreuth. 

Da der schwäbische Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl krankheitsbedingt nicht teilnehmen konnte, stand der Musiker Matthias Schriefl aus Maria Rain zwar ein wenig solitär, aber nicht weniger provokant in seiner betont heimatverbundenen Rolle als Bewahrer. „Qualifiziert“ hatte er sich für die Runde wohl aufgrund seines youtube-Videos, in dem er Bausünden im Oberallgäu dokumentiert und, wie er erzählte, dabei festgestellt habe „dass es echt brutal viel ist“; z.B. wachse Nesselwang schon mit Geschwend zusammen und auch fast schon mit Pfronten. „Wir haben bald eine Stadt Allgäu“, was er nicht als wünschenswert erachtete. Ebenso wenig konnte er die „wirklich vielen hässlichen Dörfer im Allgäu“ mit seiner Auffassung, „wir sind alle nur Mieter auf Erden“ vereinbaren, oder dass es ganze Neubaugebiete für Ferien-Zweitwohnungen mit meist zugezogenen Rollläden gebe.

Vor allem für die auch zahlreichen Nicht-Baufachleute im Publikum gab es aber erst einmal einen 15-minütigen Schnellkurs „Architektur für Anfänger“, in denen Wagner die Wirkung durch bestimmte Anordnungen von Räumen zwischen Gebäuden erläuterte und mit Blick auf Leiterberg auch auf die Unterschiede von Straßendörfern (wie Leiterberg) und Haufendörfern einging. Im Grundsatz gehe es um das Wie, sah er prinzipiell den Anspruch „postkartenwürdig“ zu bauen als Prämisse. Vielleicht dürfe da auch mal eine Parzelle „nicht quadratisch sein“, wobei die geltenden Bauvorschriften ein Hemmschuh seien und der Bauqualität oftmals im Wege stünden.

Auf dem Podium trafen zwei Standpunkte aufeinander, die sich im Wunsch vielleicht sogar einigermaßen nah, in der Wirklichkeit aber doch recht fern sind. Mahnten die Architekten Wagner und Brückner Nachverdichtung innerhalb der Orte vor Flächenfraß am Ortsrand an, gab die politische Seite zu verstehen, dass man da aus verschiedenen Gründen sehr schnell an Grenzen stoße. Im Grunde brauche sicher nicht jedes Dorf ein Gewerbegebiet. Aber, so Klotz, „sagen Sie als Bürgermeister Ihrem Handwerker oder Kleingewerbetreibenden“, er solle mit seinem Betrieb in die Nachbargemeinde gehen. Er sah sogar „eine verpflichtende Aufgabe der Gemeinde“ darin, „bedarfsgerecht“ für Wohnraum und Gewerbeflächen zu sorgen, räumte aber ein, dass sie Gemeinden sich fachlich beraten lassen müssten. Als positiven Aspekte merkte Helferich beispielsweise „kurze Wege“ zwischen Wohnen und Arbeiten an.

Als „falsch“ bezeichnete Klotz die offiziellen Zahlen zum Flächenfraß, weil auch Ausgleichsflächen oder Sportflächen wie zum Beispiel Golfplätze mit eingerechnet seien – „so dramatisch ist der Verbrauch nicht, wie dargestellt“. Auch für Betzigau betrage der tatsächliche Flächenverbrauch nur etwa ein Viertel von den veröffentlichten Zahlen, korrigierte Helfrich. Bei Volksbegehren „sollten Eigeninteressen nicht zu Allgemeininteressen gemacht werden“, gab er zu beachten. So sei es nicht in Ordnung, wenn Menschen, die selbst „ein Haus bauen konnten, es anderen verweigern wollen“.

„Es muss wirklich weh tun, damit etwas passiert“, tat Wagner seine Erfahrungen kund. Natürlich sei Bauen auf freier Fläche „viel einfacher als im Kontext“ bereits bebauten Gebietes. Im Falle Leiterbergs sei es seines Erachtens jedenfalls sinnvoll, zu hinterfragen, ob es der richtige Ort für ein Neubaugebiet ist, oder doch eher Betzigau, wo es längst solch eine Entwicklung gebe.

„Weil wir keinen brauchen“, lautete die mit Buhrufen quittierte Antwort des Landrats auf die Frage, warum es seit Jahren keinen Kreisbaumeiters mehr im Landkreis gebe. Die Aufgaben würden aber von einem Architekten im Landratsamt erledigt, wiegelte er ab.

Wie denn Dorfcharakter und -identität in einem Neubau erhalten werden könnten, lautete eine Publikumsfrage. Letztlich gehe es immer ums Geld, bedauerte Wagner, machte aber mit einem Beispiel aus dem Schweizer Flims auch Mut. Dort habe er erlebt, dass Gäste nach über 20 Jahren plötzlich mit der Begründung nicht mehr gekommen seien, „es sieht ja aus wie überall, nur ist es woanders billiger“. Das habe schließlich auch die „Politik aufgeschreckt“ und die Bedeutung von Identität bewusst gemacht.

Es brauche Mut, „neue Wege zu gehen“, meinte Brückner. Aber wenn sich „Qualität an einem Ort niederlässt“, könnten auch gute Synergieeffekte entstehen und „ein Umdenken stattfinden“. Helfrich hatte keine Sorge, dass durch Weiterentwicklung ein „architektonisches Allerlei“ entstehen werde. Wichtig für Klotz war dabei, miteinander zu reden und „auch die Argumente der anderen zu verstehen“.

Christine Tröger

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