"Fast heilsame Überreaktion"

Zur Diskussion über Straßennamen: Interview mit Historiker Dr. Dieter Weber

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Kempten – Das Kriegsende liegt bereits 75 Jahre zurück, viele Zeitzeugen sind verstorben.

Doch die historische Aufarbeitung ist keineswegs abgeschlossen. Immer wieder, in Kempten, wie auch in anderen Regionen Deutschlands, muss die Quellenlage aufgrund neuer Erkenntnisse neu beurteilt werden: Weil nun Fragen gestellt werden, die zuvor nicht laut formuliert oder nicht gehört wurden. Am Donnerstag wird sich der Stadtrat mit der Knussertstraße und einem kürzlich erschienenen Gutachten zur Person Dr. Richard Knusserts beschäftigen (der Kreisbote berichtete) und die Causa möglicherweise neu bewerten. Warum eine solche Neubewertung Kemptener Persönlichkeiten notwendig ist, erklärt Dr. Dieter Weber, Historiker und Archivar i.R., der von 1996 bis 2016 im Kemptener Stadtarchiv und Allgäu-Museum tätig war.

Herr Dr. Weber, worin sehen Sie Ursachen und Hintergründe für die Verwerfungen bei Straßennamensgebungen, die in den Nachkriegsjahrzehnten erfolgten?
Dr. Weber: „Ich muss an dieser Stelle mit Selbstkritik aufwarten, denn es ist ja nicht neu, was in den letzten Wochen über Straßennamensträger zur Sprache kam. Wir Regionalhistoriker wussten das bereits seit langem, müssen uns aber eingestehen, die bekannten Tatsachen nicht schon längst so in die Öffentlichkeit gebracht zu haben, wie es notwendig gewesen wäre. Wir hatten dazu nicht die Kraft und nicht das erforderliche Durchsetzungsvermögen. Die Politik und die Medien haben uns schlicht nicht wahrgenommen oder wahrnehmen wollen. Das muss uns Warnung und Ansporn sein, für richtig Erkanntes hartnäckiger gegen Widerstände einzutreten. Erst die Stimmen aus dem Volk aber vor allem die – ich möchte sagen – fast heilsame Überreaktion auf die Positionierung der auswärtigen Historikerin Dr. Martina Steber über Alt-OB Otto Merkt führten zu der breiteren Diskussion über Straßennamen in Kempten. Die Tatsache, dass wir uns 75 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus Hitlerscher Prägung mit Straßennamen beschäftigen müssen, deren Träger im „Dritten Reich“ an prononcierter Stelle wirkten, offenbart, welche Maßstäbe für Straßennamensgebungen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten galten. Mit Vergangenheitsbewältigung hatte das nichts zu tun. Das damalige Geschehen war meist eher bestimmt durch den Einfluss derer, die selbst in das Naziregime verstrickt waren oder die kein Interesse an einer Aufarbeitung hatten, die den Namen verdient. Ausblendung und sogar Unterschlagung von Fakten war Methodik.“ 

Wie sollte die Aufarbeitung des Straßennamensproblems erfolgen?
Dr. Weber : „Der Kemptener Oberbürgermeister teilte mit, eine Historikerkommission einsetzen zu wollen. Wichtig ist, dass sie Zeit und alle notwendigen Quellen zur Verfügung hat und für die Öffentlichkeit transparent arbeitet. Durch eine intensive Aktenauswertung müssen dann Entscheidungen vorbereitet werden, die der Geschichte auch in Zukunft standhalten. Es wäre fatal, wenn in 20 Jahren erneut Straßennamen in Frage gestellt würden. Jetzt muss – wie in anderen Städten bereits geschehen – Klarheit geschaffen werden. Denn in den Nachkriegsjahrzehnten wurde in vielen Fällen über NS-Belastung verschämt hinweggesehen. Aufgrund der längst bekannten Fakten bin ich davon überzeugt, dass unbedingt alle Straßennamen von Persönlichkeiten, deren Namensgebung nach 1950 erfolgte, nach NS-Belastung überprüft werden müssen, aber ohne dass alle von vornherein pauschal und grundsätzlich infrage zu stellen sind. Denn etwa der Ákos-Weg – warum nur Ákos und -Weg ? – hat seine Berechtigung, war der bedeutende Architekt und Künstler Andor Ákos doch 1940 das erste Kemptener NS-Opfer mit jüdischer Identität. Ihm wurde ausgerechnet von Alt-Nazis eine NSDAP-Mitgliedschaft unterstellt – was ich widerlegen konnte – und zudem in infamer Weise über ihn Lügen verbreitet. Man wollte dem in den Tod Getriebenen nachträglich auch noch die Ehre nehmen. Ein Beispiel für den Zeitgeist nach 1945, der noch bis in die 1990er Jahre andauerte.“ 

Welche nachvollziehbaren Maßstäbe sollten zur Straßennamensvergabe angelegt und jetzt im regionalen Rahmen ausgearbeitet werden?
Dr. Weber: „Bei Persönlichkeiten, die im „Dritten Reich“ wirkten, sollte heute an solche gedacht werden, die ihr Leben für ein anderes, besseres Deutschland einsetzten oder sogar dieses opferten bzw. die durch ihr antinazistisches Eintreten Ehre für Deutschland einlegten. Das sollte ein zu beachtender und vorrangiger Maßstab sein. Zugleich sollte für Alternativvorschläge, die Persönlichkeiten mit antinazistischer oder Widerstandscharakter betreffen, gelten, dass vorrangig solche zu unterbreiten sind, deren Viten bereits durch die Forschung entscheidungsreif gemacht wurden. Dabei sollte man Persönlichkeiten aller geistigen und politischen Richtungen im Auge haben, also auch aus der Arbeiterschaft, denn die gibt es auch. Diese fanden aus den bekannten Gründen bisher kaum oder gar keine Berücksichtigung. Allerdings sollte man dabei die „besondere“ Art der Vergangenheitsbewältigung vermeiden, die in Kempten am Beispiel der Carl bzw. Karl-Diem-Straße zu beobachten war. Viele gar belustigende Reaktionen aus vielen Teilen Deutschlands waren leider über diese Falsch- und Verlogenheit zu verzeichnen, als man sich dazu durchrang, hier einem Arbeitervertreter einmal durch einen Straßennamen zu gedenken. So darf das nicht wieder passieren! Dass nach Karl Diem berechtigter Weise eine Straße benannt wird, steht außer Frage, aber nicht in der „Nachfolge“ eines Nazis. Ohne Carl Diem hätte niemand, der für diese zweifelhafte Lösung eintrat, auch nur einen Gedanken an Karl Diem verschwendet. An die Stelle der Carl-Diem-Straße hätte ein anderer Name treten – und die Karl-Diem-Straße an einem anderen, passenderen Ort vergeben werden müssen. Vielleicht kann man auch darüber noch einmal nachdenken? Mit der jetzigen Variante gab man Neonazi-Kreisen eine Steilvorlage, denen es egal ist, ob ihr Diem mit dem „C“ nun mit einem „K“ auf dem Straßenschild steht. Sie denken immer an den mit dem „C“. Zugleich muss man sich bewusst sein, dass etwa die Vita des von den Nazis hingerichteten Widerständlers Alfred Kranzfelder aus Kempten, der zum engsten Verschwörerkreis um Stauffenberg gehörte, niemals allen „unbefleckten“ Kriterien genügt, die aktuell zuweilen benannt werden, weil niemand in seiner persönlichen Entwicklung perfekt und vollkommen im Sinne heutiger, geschichtlich unrealistischer, überzogener moralischer Ansprüche war. Wie Stauffenberg glaubte auch Kranzfelder lange Zeit an Hitler und sie waren an dessen Feldzügen beteiligt. Erst durch die Kenntnisse über die Kriegsverbrechen von Wehrmacht und SS im Osten und über die Shoa sowie durch die für die Wehrmacht aussichtlose Kriegslage wurden sie zu Hitler-Gegnern. Dass sie – wie die meisten Deutschen – „bis kurz vor 12“ der Nazi-Ideologie verfallen waren, darf heute nicht dazu führen, dass ihr Einsatz mit ihrem Leben für ein anderes, besseres Deutschland seit 1942 infrage gestellt wird. Differenzierung ist vielmehr angesagt!“ 

Welche Rolle spielen die Berücksichtigung der jeweiligen Zeitumstände – wenn etwa argumentiert wird, dass „Mitläufertum“ notwendig gewesen sei, um das eigene Leben zu schützen?
Dr. Weber: Die Aussage „Wir haben von nichts gewusst“ ist – von Historikern belegt – eine Lüge, die in der Adenauerrepublik kultiviert wurde. Das „Geprägtsein“ historischer Persönlichkeiten von ihrer Zeit darf nicht zur Rechtfertigung und zur Legitimation von schon damals als falsch oder gar verbrecherisch erkanntem Handeln führen. Niemand konnte sich etwa im „Dritten Reich“ und schon gar nicht nach 1945 damit herausreden, angeblich von nichts über das Schicksal der Juden gewusst zu haben: Hunderttausende deutscher Bürger verschwanden nicht einfach, ohne Spuren zu hinterlassen! Dass mit ihnen Schlimmes geschah, das wussten alle, die es wissen wollten; auch die, die es nicht wissen wollten und wegschauten. Auch Merkt muss solche Information gehabt haben, die sein Handeln zugunsten Kemptener Juden beeinflusste. Aber selbst in dieser Beziehung blieb er widersprüchlich.“ 

Kommen wir noch einmal auf den Fall Knussert zurück.
Dr. Weber: „An seinem Beispiel lässt sich leicht erkennen, wie einseitig dessen Rolle damals interpretiert wurde: „Erforscher römischer Straßen im Allgäu“. So heißt es dürftig auf der Erläuterungstafel. Diese Verdienste müssen auch weiterhin wertgeschätzt werden, aber eben nicht nur diese Rolle ist zu berücksichtigen. Wie Millionen Deutsche, die aktive Nazis waren, mutierte er nach 1945 zum „Mitläufer“ oder gar zum „Widerständler“. Ganz bewusst wurden Ursache und Wirkung negiert und die Maßstäbe über Schuld und Mitschuld verschoben. Aus den Deutschen, dem Tätervolk, wurde nun ein Opfervolk. Wer etwa die damaligen Entnazifizierungsverfahren (Spruchkammerprozesse) zur Grundlage nimmt, kann natürlich zu der widersinnigen Erkenntnis kommen, dass Knussert nur „Mitläufer“ war. Er war aber eindeutig Täter! Nur „mitzulaufen“ war in seiner prononcierten Position als „Gaukulturwart” und Chef des Organs „Schwabenland”, der „Amtlichen kulturpolitischen Zeitschrift des Gaues Schwaben der NSDAP“ sowie in seiner Tätigkeit in Goebbels Reichspropagandaministerium unmöglich. Im „Schwabenland” publizierte Knussert u. a. völkisch-antisemitische Texte und auch Alfred Weitnauers Huldigung zu Hitlers 50. Geburtstag. Er hatte die nazistische Ideologie so sehr verinnerlicht, dass er offenbar sogar noch lange nach dem Krieg als Lehrer den Holocaust als „üble Propaganda“ der Engländer leugnete. Damals kam der Begriff vom „Persilschein“ auf, vom Reinwaschen von Schuld. Und man sagte: „Es wurde gelogen, dass sich die Balken bogen.“ Auch Knussert behauptete in seinem Spruchkammerverfahren, gegen die Nazis gewesen zu sein, um den Eindruck von „Widerstand“ zu erwecken. Dabei wusste jeder, dass er nie Widerstand geleistet hatte, schon gar nicht im antinazistischen Sinne von Kranzfelder. Was damals alles als „Widerstand“ deklariert wurde, da stehen jedem, der Spruchkammerakten studiert hat, die Haare zu Berge. Das war unerträgliche Heuchelei und Verlogenheit. Knussert und Zölch und andere sind Beispiele für geschichtliches Versagen, für das Versagen bei der Vergangenheitsbewältigung. Viele wollen die Wahrheit noch heute nicht zur Kenntnis nehmen, auch in meiner Nachkriegsgeneration. Im Falle Knussert liegt ein aufschlussreiches Gutachten vor. Es wirkt recht überzeugend. Trotzdem wäre es wünschenswert, dass sich auch andere Historiker mit ihm beschäftigen, um dem Stadtrat ein ausgewogenes Urteil zu erleichtern. Gleiches trifft auf Merkt zu, dessen Vita aber zu noch weit anspruchsvolleren Forschungen Anlass gibt, um sich ein Gesamtbild über ihn machen zu können, über das hinaus, was wir längst über ihn wissen. Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, wenn die Überprüfung von Straßennamen von Personen mit NS-Vergangenheit nicht jetzt und heute erfolgt, wird das Pendel in der nächsten Generation um so heftiger ausschlagen – und dann wird es wieder Extreme geben, wie in den Nachkriegsjahrzehnten. Sowohl das eine wie das andere Extrem wurde und wird der Geschichte nicht gerecht.“ 

Martina Ahr

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