Über Wasserstoffantriebe im Allgäu

Wasserdampf statt Abgase - FDP diskutiert mit potentiellen Mitstreitern

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Austausch zur „Wasserstoff-Zukunftsregion Allgäu“ am eckigen „Runden Tisch“ im FDP-Wahlkreisbüro mit (v.l.) Klaus Fischer (Geschäftsführer Allgäu GmbH), Max Ochsenfarth (Forschungszentrum Allgäu), Prof. Dr. Werner Mehr (Hochschule Kempten), Reinhold Wurster (Vorstandsmitglied Deutscher Wasserstoff- und Brennstoffzellenverband), Johannes Gösling (Geschäftsführer Präg Energie GmbH & Co. KG), Andre Kranke (Dachser Group), Martin Haslach (Geschäftsführer Mona GmbH), Michael Käser (Vorsitzender FDP Oberallgäu) sowie Vorstandsmitglied Anton Sommer, Oliver Ottow (Erdgas Schwaben), MdB Dr. Lukas Köhler (klimapolitischer Sprecher FDP-Bundestagsfraktion) sowie sein Fraktionskollege und Gastgeber Stephan Thomae, Anton Klotz (Landrat Oberallgäu) und Kemptens Klimaschutzmanager Thomas Weiß.

Kempten – Es war eine illustre Runde, die sich auf Einladung von Stephan Thomae, MdB und stellvertr. Fraktionsvorsitzender der FDP im Deutschen Bundestag, vergangene Woche zum ersten Runden Tisch in Kempten traf.

Thema des zweistündigen Fachaustausches war die mögliche „Wasserstoff-Zukunftsregion Allgäu“. Mit ihrem etwa vor einem Jahr gestellten Antrag an die Stadt Kempten und den Landkreis Oberallgäu, Wasserstoffzüge im Allgäu zu forcieren, hatten die Liberalen bei Landrat Toni Klotz offene Türen eingerannt. 

So hat er auch am Runden Tisch sein „großes Anliegen“ bekräftigt, „dass wir hier stärker mit Wasserstoff vorankommen“. Schon seit geraumer Zeit würde er gern die rund 40 Kilometer Schienenverbindung zwischen Kempten und Oberstdorf als Teststrecke für Wasserstoff-Zugverkehr sehen und macht sich dafür auch stark. Da rund drei Milliarden Euro investiert werden müssten, um die Allgäuer Bahnstrecken zu elektrifizieren, ist er sich sicher, dass die Bahn das in den nächsten 20 Jahren nicht anpacken werde. Und bis dahin, „brauchen wir die Elektrifizierung mit Oberleitungen nicht mehr“. Vor einem Jahr habe er den Antrag der FDP „vielleicht noch nicht verstanden“, räumte er ein. 

Die E-Mobilität jedenfalls könne „nur eine Übergangslösung“ sein, da allein schon die Gewinnung von Lithium „menschlich unterirdisch“ sei. Zwar „werden wir sicher nicht Knall auf Fall umsteigen“, aber mit der Regionalbahn Kempten – Oberstdorf „wäre das ein Anfang“, so seine Vision. Im Herbst soll seinen Informationen zufolge ein in Vorarlberg eingesetzter Wasserstoffzug im Allgäu vorgestellt werden. Die fachliche Seite wurde in zwei Impulsvorträgen beleuchtet. Prof. Dr. Werner Mehr, Professor an der Kemptener Hochschule und künftiger Leiter des geplanten Zentrums für Wasserstoffforschung, ist überzeugt, „Wasserstoff muss und kann die Probleme der Energieversorgung lösen“, emissionsfrei und ohne jede Umweltbelastung. 

So wird beispielsweise während der Fahrt statt Abgase nur Wasserdampf freigesetzt und die Fahrzeuge sind ebenso leise wie E-Fahrzeuge. Als Energieträger bzw. -speicher stehe dem Wasserstoff (H2) saubere, aus Sonne und Wind erzeugte Energie „in unerschöpflicher Menge zur Verfügung“. Zudem biete sich an, H2 als Speichermedium für überschüssige Energie zu nutzen. Aus Wasser werde via Elektrolyse Wasserstoff, der dann für mobile Anwendung zur Verfügung stehe, für Brennstoffzellen, als „Grünes Erdgas“ Methan für verschiedene Anwendungen oder über eine CO2 (Kohlendioxid)-Synthese für e-Fuels, sprich synthetischen Kraftstoff. Klotz sieht in der Speichermöglichkeit insofern einen weiteren Pluspunkt, als das Allgäuer Überlandwerk (AÜW) und Allgäu Strom daran „sehr interessiert“ seien: Durch Einspeisung des Stroms für die Elektrolyse könne man den Wasserstoffbetrieb „im Allgäu komplett CO2-neutral“ gestalten, spann er den Faden weiter. 

Anton Sommer, Vorstandsmitglied der FDP Oberallgäu, der das Thema Wasserstoffantrieb im Allgäu auf den Weg gebracht hatte, sah diesen Punkt nicht so optimistisch. Das AÜW sei auch „für uns gedanklich der erste Anlaufpunkt gewesen“, aber durch deren neue Energieanlage in Au „sind sie ihre Energieüberschussprobleme erst einmal los“ und hätten wohl eher kein Interesse. Für rund 1000 Kilometer reicht eine Tankfüllung, berichtete Mehr vom H2-Triebzug Coradia iLint der Firma Alstom, der bereits seit Herbst letzten Jahres im öffentlichen Linienverkehr in Hessen im Einsatz sei. Die dafür benötigte Betankungszeit: 15 Minuten. Reinhold Wurster, Vorstandsmitglied des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands, sieht ein Problem der H2-Auto-Herstellung in den noch sehr niedrigen Stückzahlen und in der geringen Zahl an Autobauern. Günstiger als E-Autos werde es bei den Brennstoffzellen-Fahrzeugen nämlich erst „in der Masse“. Immerhin gebe es in Deutschland inzwischen Stadtbusprojekte, u.a. in Groß-Gerau, Hamburg oder Heidelberg. In China fahre sogar schon eine Brennstoffzellen-Tram. Der entscheidende Vorteil der Chinesen sei: „Sie brauchen alles in großer Zahl“, was die Kosten entsprechend senke. 

Die Betankungszeit liege ähnlich der für Verbrennungsmotoren, also deutlich unter der von batteriebetriebenen Fahrzeugen. Weitere Argumente für den Wasserstoffantrieb: Bei alltagstauglicher E-Mobilität in Süddeutschland sind laut Wurster 13 Hochspannungstrassen aus dem Norden der Republik nötig. Die könnten durch die Alternative H2 auf drei reduziert werden, da der gasförmige Wasserstoff in – ja bereits vorhandenen – Pipelines transportiert werden könne. „Auch für den Bund ist das Thema sehr interessant“, meinte MdB Dr. Lukas Köhler, klimapolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, brachte aber auch eine häufig vorgebrachte Sorge zur Sprache: Was wenn das Gas „in einem Tunnel austritt“? Laut Mehr bis zu einer Länge von etwa fünf Kilometern „wohl kein Problem“. Für die Treibstoffversorgung der Züge sah Thomae das „direkt am Bahnhof“ gelegene Treibstofflager der Firma Präg von Vorteil und knüpfte damit an Mehrs Empfehlung an, die Privatwirtschaft mit ins Boot zu holen. Und auch Präg-Geschäftsführer Johannes Gösling konnte sich ein Engagement vorstellen, „wenn es sich wirtschaftlich rechnet“. „Wir als Hochschule sind gerne bereit, uns zu engagieren“, signalisierte auch Mehr Bereitschaft. Andre Kranke vom Logistikunternehmen Dachser erklärte, dass man bereits dabei sei, die innerstädtische Belieferung beispielsweise durch E-Sprinter umzubauen. „Wasserstoff ist aber die vielversprechendste Technologie“, bekundete auch er Interesse, wenngleich es im schweren LKW-Bereich „noch nicht viel gibt“. Allerdings, „wir sind nur Anwender“, merkte er an. „Die Stadt Kempten wäre auf jeden Fall mit dabei“, betonte Klimaschutzmanager Thomas Weiß in Vertretung von OB Thomas Kiechle. Laut Thomae sollen weitere Runde Tische zur „Wasserstoff-Zukunftsregion Allgäu“ folgen. Dabei soll auf „das magische Dreieck“ Wissenschaft, Politik, Wirtschaft gesetzt werden. 

Christine Tröger

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