"Ich wünsche mir mehr Objektivität"

DOSB-Präsident Hörmann und Extremschwimmer Henrichs äußern sich zum russischen Dopingskandal

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Ausdauersportler Marco Henrichs setzt sich für die deutsch-russische Völkerverständigung ein.
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Der Sulzberger Alfons Hörmann ist seit Dezember 2013 DOSB-Präsident.

Kempten – Am kommenden Freitag, 9. Februar, beginnen im südkoreanischen Pyeongchang die Olympischen Winterspiele 2018. Eines der bestimmenden Themen in der Sportwelt im Vorfeld des Großereignisses war und ist der Dopingskandal in Russland.

Das IOC hat das russische Olympische Komitee für die Winterspiele im Februar ausgeschlossen. Nur einzelne russische Sportler, die nachweisen müssen, dass sie sauber sind, dürfen auf Einladung teilnehmen und unter neutraler Flagge starten. Zu dieser Entscheidung gibt es unterschiedliche Meinungen. Uns hat die von zwei Männern interessiert, die (sehr) nahe am russischen bzw. deutschen Sport dran sind. Zum einen Marco Henrichs, Extremschwimmer, der seit einigen Jahren in Ermengerst wohnt, sich jedoch oft in Russland aufhält, da er für einen russischen Club startet. Zum anderen Alfons Hörmann aus Sulzberg, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).




Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2018 gab es viele Schlagzeilen, vor allem wegen des Dopingskandals in Russland. Was sagen Sie zur Entscheidung des IOC, dass nur nachweislich saubere russische Athleten unter neutraler Flagge starten dürfen? Ist es aus Ihrer Sicht eine angemessene Strafe?

Hörmann: „Die Entscheidung des IOC stellt aus meiner Sicht einen sehr gut akzeptablen Kompromiss dar. Das IOC hat einen guten Weg gefunden, deutlich zu machen, dass hier eine Grenze überschritten ist und hat alle Drahtzieher am Skandal von Sotschi sowie die beteiligten Sportler lebenslang gesperrt. Zugleich hat es die Hand gereicht und gesagt, dass es auch ein Zurück in die Olympische Familie geben kann. Man kann natürlich jede einzelne Sanktion kritisch in Frage stellen, aber im Gesamtpaket war es ein ganz deutliches Signal in die richtige Richtung.“

Henrichs: „Das Urteil ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Es werden damit nicht nur die sauberen Athleten bestraft, sondern der Stolz einer ganzen Nation mit Füßen getreten. Damit setzt man ein Zeichen für Diskriminierung einer ganzen Nation und nicht für sauberen Sport. Natürlich ist diese Strafe nicht angemessen. Eine angemessene Strafe ist es, Athleten, die gedopt haben, für die Olympischen Spiele zu sperren. Die sauberen Athleten sollen dagegen uneingeschränkt, wie alle anderen Nationen, an den Spielen teilnehmen dürfen.“

Herr Hörmann, wie war die Reaktion der deutschen Sportler, mit denen Sie seitdem in Kontakt waren, auf die Entscheidung des IOC?

Hörmann: „Was ich von Sportlerinnen und Sportler gehört habe, war eigentlich durchgängig die Meinung, dass die am Dopingskandal von Sotschi beteiligten Funktionäre und Athleten konsequent gesperrt werden sollen. Dass aber diejenigen, die entsprechend unabhängig auf hohem Niveau durch nicht-russische Kontrolleure getestet wurden, aus Gründen des Fair Play auch in Pyeongchang starten können sollten.“

Herr Henrichs, wie war die Reaktion der russischen Sportler, die Sie kennen, auf die Entscheidung des IOC?

Henrichs: „So wie bei vielen anderen Athleten außerhalb der Russischen Föderation war natürlich auch bei den russischen Athleten eine Fassungslosigkeit zu spüren. Sie müssen sich vorstellen, dass ein Athlet für ein gutes Ergebnis an den Start geht. Andererseits aber auch um mit Stolz sein Land zu vertreten. Und dazu gehört natürlich seine Nationalfahne und Nationalhymne. Gerade in Russland ist der Stolz der Athleten auf Ihr Land sehr ausgeprägt. Umso mehr hat es diese Nation getroffen. Die Athleten, die ich persönlich kenne, sind natürlich selbstkritisch. Sie wissen aber auch, dass Doping kein typisch russisches Problem ist, sondern jede Nation davon betroffen ist. Ich selbst bin derselben Meinung und die sehr einseitigen Recherchen und IOC Entscheidungen sind ein Politikum.“

Zu Doping in Russland wurde jahrelang intensiv recherchiert. Die Beweislage scheint ziemlich erdrückend. Herr Hörmann, werden andere Länder auch so intensiv beäugt oder ist die intensive Recherche in Russland durch die ARD-Dokumentation zum Doping in Russland Ende 2014 angekurbelt worden?

Hörmann: „Überall, wo es Hinweise oder Anzeichen gibt, wird genau hingesehen. Denken Sie zum Beispiel an Lance Armstrong und die USA. Im Fall Russland gebührt der ARD aber in der Tat großes Lob für die Recherche, die das dringend notwendige Handeln erst angekurbelt hat.“

Wie oft werden Spitzensportler kontrolliert? Gibt es gravierende Unterschiede von Nation zu Nation?

Hörmann: „Die Zahl der Kontrollen hängt von der Risikobewertung der Sportarten ab, sodass man hier keine einheitlich gültigen oder pauschalen Zahlen nennen kann. International war und ist sicher immer noch einiges aufzuholen, bis es irgendwann vielleicht doch einmal so weit ist, dass alle Nationen auf dem gleichen Niveau kontrolliert werden. Nur dann wird von durchgängig gerechten Rahmenbedingungen zu sprechen sein.“

Herr Henrichs, was haben Sie als Sportler für unterschiedliche Erfahrungen gemacht in Russland und in Deutschland?

Henrichs: „Als ich als neues Mitglied am Leistungsstützpunkt-Schwimmen 600 Kilometer östlich von Moskau im Schwimmstadion vor Publikum begrüßt wurde, ist zu meinen Ehren die Russische und Deutsche Nationalhymne gespielt worden. Dieser sehr große Stolz in den Augen der Menschen auf ihr Land hat mich sofort fasziniert. Die Athleten dort tragen alle mit Stolz die russische Fahne. Im Amateurbereich wie natürlich auch bei den Profis. Ein Stolz, der durch einen sehr starken Schuldkult in Deutschland längst nicht mehr gestattet ist. Des Weiteren wird sehr hart und konzentriert gearbeitet. In Deutschland wird immer alles diskutiert und Trainer in Frage gestellt. Auch die Bereitschaft, sich richtig zu quälen, sehe ich in der Breite höher als in Deutschland. Was nicht heißt, dass es in Deutschland keine Athleten gibt, die ebenfalls an ihre Grenzen gehen.“

Des Weiteren ist die sportliche (auch kulturelle bzw. musikalische) Erziehung in den russischen Familien bereits im Jugendalter fest verankert. Etwas, was in Deutschland leider immer mehr den Bach runtergeht. In Deutschland müssen beide Elternteile zunehmend arbeiten und die Kinder werden sich häufiger selbst überlassen. Es ist ein Armutszeugnis, dass in einem Land wie Deutschland immer weniger Kinder schwimmen können. Immer mehr Schwimmbäder in Deutschland schließen oder werden zunehmend auf Spaßfaktor ausgerichtet. Gestreng nach dem Motto – lieber Currywurst mit Pommes im Wellenbad als Schwimmtraining. In Russland müssen die Eltern nicht für überteuerte Schwimmkurse bezahlen.“

Wie bewerten Sie den Umgang mit dem russischen Dopingskandal in den deutschen Medien?

Hörmann: „Aus unserer Sicht ist es zunächst einmal wichtig, dass über solche Auswüchse offen und intensiv berichtet wird. Interessant war, dass die Entscheidung des IOC doch wieder einmal in den verschiedenen Medien sehr unterschiedlich bewertet wurde. Aber das Gute an der Meinungsfreiheit ist, dass genau das möglich ist.“

Henrichs: „Den Umgang mit diesem Thema in den deutschen Medien werte ich als sehr einseitig. Hier steht in meinen Augen im Vordergrund, uns noch mehr von Russland zu spalten, statt uns über Doping aufzuklären. Beispielsweise hat es von 2014 bis heute seitens ARD und deren selbsternannten Dopingexperten ausschließlich Dokumentationen über Doping im russischen Sport gegeben. Wer sich diese unseriösen Dopingberichte genauer anschaut, hört häufig Wörter wie ‚wird vermutet‘, ‚liegt der Verdacht nahe‘ usw.! Also kaum Fakten, sondern eher aus der Luft gegriffene Beschuldigungen. Kurioserweise gab es Auszeichnungen für diesen Dopingexperten zu diesen Dokumenationen gegen ‚Doping-Russland‘ nahezu ausschließlich aus den USA (Quelle:­https://de.wikipedia.org/wiki/Hajo_Seppelt).

Kenias Läufer, Doping in der Fußball-Bundesliga, Doping in den USA, in China usw. war also seit 2014 kein Thema mehr. Ich sehe da eine Parallele zur kalten Auslandspolitik seit einigen Jahren Richtung Russland.“

Was wünschen Sie sich generell für die Zukunft im Umgang mit dem Dopingthema?

Hörmann: „Ganz einfach: Wir wünschen uns Chancengleichheit für unsere Athletinnen und Athleten, die von unserer ­NADA (Nationale Anti Doping Agentur) regelmäßig unangekündigt und auf hohem Niveau kontrolliert werden und dafür mit ihren Meldepflichten auch einen hohen organisatorischen Aufwand betreiben müssen. Unser klares Ziel ist, dass alle Athleten weltweit auf dem gleichen Niveau getestet werden. Speziell für Pyeongchang wurde aber der richtige Weg in Richtung Chancengleichheit eingeschlagen, denn im vorolympischen Test-Programm wurden seit April 2017 mittlerweile mehr als 14.000 Tests bei mehr als 6000 Athleten durchgeführt. Dabei lag der Schwerpunkt auf den Top 20 der Welt in allen Sportarten und speziell auf den russischen Athleten. Das hat zur Folge, dass russische Sportler (2492 Kontrollen) am meisten kontrolliert wurden vor den Deutschen (1474). Russland hat z.B. mehr Kontrollen als die USA (1019) und Kanada (938) zusammen. Und ganz wichtig: Die russischen Athleten wurden von der britischen, nicht von der russischen Anti-Doping-Agentur kontrolliert.“

Henrichs: „Ich wünsche mir mehr Objektivität und dass grundsätzlich alle Nationen prozentual gleich getestet werden. Aber auch, dass z.B. offen über das Thema Doping im Profifußball gesprochen wird. In der Bundesliga gibt es beispielsweise keine unabhängige Dopingkontrollen. Da koordiniert der Dachverband selbst, wer wann und wo getestet wird. Wenn der Fuchs auf die Henne aufpasst, darf ich mich nicht wundern, dass es nahezu keine positiven Tests dort gibt. Das könnte doch eine gute Story für einen Dopingexperten von der ARD sein – oder ist es nicht gewünscht?!“

Noch eine Abschlussfrage: Die Olympischen Spiele stehen vor der Türe. Auf was freuen Sie sich am meisten?

Hörmann: „Natürlich auf die Wettbewerbe in der ganzen Vielfalt der Sportarten und auf ein Olympia Team Deutschland, das ganz sicher fair und sympathisch auftreten wird und in vielen Sportarten auch gute Chancen hat, vorne mitzumischen.“

Henrichs: „Ich freue mich auf saubere Spiele und drücke den Athleten der Russischen Föderation sowie den deutschen Athleten die Daumen für viele Medaillen. Es sollen Spiele der Verbindung und nicht der Spaltung sein.“

Herr Hörmann, Herr Henrichs, vielen Dank für das Gespräch!

Melanie Weidle




Infos zum Thema:

Die Chronologie des russischen Dopingskandals finden Sie beispielsweise unter: 

http://www.spiegel.de/sport/sonst/olympische-winterspiele-chronologie-des-russischen-doping-skandals-a-1181603.html

Infos zum DOSB und seinem Präsidenten Alfons Hörmann gibt es unter www.dosb.de

Mehr zu Marco Henrichs ist auf www.marco-henrichs.com und www.h2o-bloxx.com zu finden.

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