Bewegte Frauen in Indien und im Allgäu

Von der "Verdinglichung" zur "Menschwerdung"

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Indische Frauen hat der Berliner Fotograf Nicolaus Schmidt mit seiner Kamera eingefangen, unter anderem die mutige Taxifahrerin Savita in Delhi.

Da ist diese selbstbewusste junge Frau am Steuer eines Taxis. Eigentlich ja kein ungewöhnliches Bild – für unsere Augen. Aber sie ist Inderin und die Szene hat der Berliner Fotograf Nicolaus Schmidt in Delhi eingefangen, wo der Blick auf das, was Frauen zu tun und zu lassen haben, ein anderer ist.

Deutlich wird das an dem jungen Inder, der auf seinem Motorrad eben vorbeifährt und sich fast den Hals verrenkt, um diese Unmöglichkeit – eine TaxifahrerIN!“ – anzustarren.

Ein Blick, dem Frauen wie Savita tagtäglich ausgesetzt sind; angestarrt wie eine Außerirdische. Dabei ist sie doch nur der Armut und Perspektivlosigkeit entflohen, hat sich ein neues aussichtsreicheres Leben erkämpft. Jawohl: erkämpft. Denn gekämpft hat sie nicht nur dafür, überhaupt einen Führerschein machen zu dürfen. Viele männliche Fahrgäste wussten sich auch nicht zu benehmen und so hat die Kooperative, für die Savita fährt, statt aufzugeben ihr Geschäft einfach neu ausgerichtet: Nun fahren Frauen ausschließlich Frauen – vermutlich eine echte Marktlücke dieses „Cabs for women by women“ in der zutiefst patriarchalischen Gesellschaft, in der Frauen der männlichen Gewalt nur wenig entgegenzusetzen haben. Gültig ist das Geschäftsmodell auch für ausländische Fahrgäste, erzählt Schmidt, der nur aufgrund des Fotoprojektes und der Begleitung durch die Hilfsorganisation terre des hommes (tdh) mitgenommen worden sei.

Die Aufnahme ist Teil der Doppelausstellung „Frau.Land.Flucht – eine fotografische Suche nach Heimat von Frauen in Indien und im Allgäu“, die vergangenen Sonntag im Hofgartensaal der Kemptener Residenz eröffnet wurde.

Es ist das Indien, das Touristen und Bildbände gerne übersehen. Es sind Szenen, die von Armut und der Flucht daraus zeugen, von der nach wie vor schwierigen Situation indischer Frauen, vom Grenzen setzenden Kastenwesen, von der Landflucht in die großen, vermeintlich bessere Perspektiven bietenden Metropolen; aber auch von der nach Hightec und Moderne strebenden Gesellschaft mit schrillen Reklamen und aufgereckten Hochhäusern in den Städten. Bilder, aus denen selbstbewusste, auch unbeugsame Augen von Frauen blicken. Bilder von Frauen, die trotz ihrer vor allem durch tradierte Verhaltensweisen indischer Männer verursachten Probleme dem vermeintlich vorgezeichneten Lebensweg die Stirn bieten, oft mit Hilfe von Mi-

krokrediten. Schmidt ermöglicht es unter anderem, ebenso intim in den Alltag einer Dorfgemeinschaft der Dalit (früher „Unberührbare“ genannt) einzutauchen, wie teilzunehmen an der halbstündigen Mittagspause von Hausangestellten, die aus dem ländlichen Raum nach Delhi gekommen sind, um Arbeit, wenn auch schlecht bezahlte, zu finden. Für Jörg Angerstein, Vorstandssprecher und Vorstand der Kommunikation von der Kinderhilfsorganisation terre des hommes (tdh) Deutschland, liegt die Lösung der Probleme darin, die „Zivilgesellschaft zu stärken“, damit sich die Menschen selbst helfen können, wobei der Ansatz bei Frauen und Kindern liegen müsse, also von unten nach oben. Die Organisation hatte für Schmidt die Kontakte in Indien hergestellt und ist seit zehn Jahren der Partner für die vom Logistiker Dachser geförderten Graswurzel-Projekte in Indien, an denen „wir sehr sehr gut erfahren konnten, wie sich Zivilgesellschaft entwickeln kann“, erzählte Dachser-CEO Bernhard Simon von Menschen „in völliger Agonie“ hin zu einer aktiv handelnden Gemeinschaft.

„Flucht“ sei nicht nur ein aktuelles Thema in Kempten, erinnerte Kulturamtsleiter Martin Fink an den „sehr sehr hohen Migrationsanteil“, auch wenn die Kemptener gerne so täten, „als hätte sich die Bevölkerung seit den Römern nicht verändert“, wie er augenzwinkernd anmerkte. So handelt auch der von der Oberstdorfer Videokünstlerin Veronika Dünßer-

Yagci und dem Wahl-Allgäuer Fotografen Kees van Surksum bestückte Teil der Ausstellung vom Suchen und Finden von Heimat. Sie haben Migrantinnen aus der Türkei, aus Eritrea, Italien, zwei Schwestern aus Russland und eine Heimatvertriebene aus dem Egerland in den Fokus gerückt. Es sind bisweilen sehr emotionale und vor allem intime Bekenntnisse von ihren Gefühlen und Träumen, als sie sich auf den Weg gemacht hatten, als sie „angekommen“ waren und auch jetzt; zum Beispiel von Sayur, die 1961 mit ihrem Mann aus der Türkei nach Kempten gekommen und die erste türkische Frau in Kempten war. Oder Awet, die als 24-Jährige mit ihrer damals vierjährigen Tochter aus Eritrea, wo sie aus der Armee desertierte, nach Kempten gekommen war. Das war 2005. Es sind alles Frauen, von denen Dünßer-Yagci sagt, dass sie aus ihrer Flucht auch „Stärke mitgebracht haben“, die sie hier nun wieder in die Gesellschaft einbrächten. Für die Videokünstlerin ist für das Entstehen eines Heimatgefühls von Migrantinnen entscheidend, „dass die Menschen außerhalb ihrer Gruppen wahrgenommen werden“. Auch müsse die „Unterscheidung von Wirtschafts- und Kriegsflüchtlingen aufgelöst werden“, ergänzt van Surksum, der die Videoarbeiten – mit wiederum eigenen Augen – fotografisch begleitet hat. In der „1:1-Arbeit“ unter vier Augen „löst sich auf, was das Gegenüber ist“, sagt er. Und auch Dünßer-Yagci „ist während der Arbeit der Begriff Ausländerin immer befremdlicher geworden“. Die verdinglichten Menschen dürfen also durch mehr Nähe einfach Mensch werden. Wichtig sei ihr gewesen, Fragen zur Lebensphilosophie und Lebensstrategie einzubeziehen, welche zwischen Bewegungs-

skizzen in Kemptener Architektur erörtert werden. Kernstück der Ausstellung ist ein mächtiger Drehkörper nahe des Eingangs. Im oberen Teil reihen sich die Porträts der sechs Frauen aneinander, darunter sind zentrale Aussagen der Frauen zu lesen, drehbar und keiner direkt zuordenbar. Die Aussagen seien nämlich „am Ende gar nicht so unterschiedlich gewesen“, egal wann jemand gekommen sei, ob direkt nach dem 2. Weltkrieg oder vor ein paar Jahren, erklärte Fink den Hintergrund. OB Thomas Kiechle dankte nicht nur den Künstlern für ihre „wie ich meine hervorragenden Arbeiten“ und den Akteuren hinter den Kulissen, sondern vor allem den sechs Frauen „für ihre nicht selbstverständliche Offenheit, ihre Gefühle mit uns zu teilen“.

Es ist keine „schnelle“ Ausstellung. Sie fordert im Gegenteil dazu heraus, sich Zeit zu nehmen. Zeit, sich einzulassen auf Menschen, auf Menschsein, auf Menschlichkeit. Zeit herauszufinden, nicht nur was Heimat für andere bedeutet, sondern auch für einen selbst. Und vielleicht bleibt ja auch noch Zeit zu ergründen, was Verlust von Heimat bedeutet. „Frau.Land.Flucht“ läuft bis 6. August, Di-So 10-16 Uhr, bei freiem Eintritt im Hofgartensaal der Kemptener Residenz. Führungen für Schulklassen können unter der Telefonnummer 0831/25 25 369 gebucht werden.

Nicolaus Schmidt (geboren 1953) lebt in Berlin und war von 1984 bis 1988 Vorsitzender von terre des hommes Deutschland. Seit 1990 arbeitet er als freischaffender Künstler. Seine Werke waren in zahlreiche Ausstellungen zu sehen, u.a. in Basel, Neu-Delhi und New York. Sein 2014 erschienener Bildband „India Women“ ist in der Ausstellung erhältlich.

Kees van Surksum (geboren 1960): Nach mehreren Stationen als Fotograf, Redakteur und Buchautor in Deutschland und Belgien lebt er seit 2009 in Altusried. Zum Repertoire des freischaffenden Fotografen und Medienkünstlers zählen Business- und Werbefotografie ebenso wie Magazinreportagen und freie Projekte.

Veronika Dünßer-Yagci (geboren 1965) absolvierte ein Studium an der Kunstakademie in München und arbeitet seit mehreren Jahren im Bereich Videokunst und Rauminstallation mit Ausstellungen im In- und Ausland. Vermehrt widmet sie sich in unterschiedlichen Kooperationen auch Filmprojekten über Menschen, deren Positionen nicht unbedingt in der Mitte der Gesellschaft wahrgenommen werden.  Christine Tröger

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