Ein »Schwindler« mit rhetorischem Talent 

Dr. Paul Hoser porträtierte in seinem Online Vortrag am »Bewegten Donnerstag« den Kemptener Nationalsozialisten Hermann Esser

Hermann Esser als bayerischer Staatsminister auf einem Fest in Berlin
+
Hermann Esser als bayerischer Staatsminister beim „Fest der deutschen Reise“ in Berlin, ca. 1934.

Kempten – In seiner Reihe der „Bewegten Donnerstage“ leistete das Kempten Museum vergangene Woche, gemeinsam mit Kulturamt und Heimatverein, einen weiteren Beitrag zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Geschichte der Stadt. Der freischaffende Historiker Dr. Paul Hoser hielt online einen Vortrag über Hermann Esser, einst Gymnasiast in Kempten, später nationalsozialistischer Propagandist und Politiker.

Hoser, der über Themen der schwäbischen und bayerischen, deutschen und europäischen Geschichte geforscht hat, arbeitet derzeit an einer Biographie über den 1900 in Röhrmoos bei Dachau geborenen Sohn eines Eisenbahnbediensteten. In knappen 45 Minuten zeichnete er das Bild eines Mannes, der bereits als 19-Jähriger der jungen „Bewegung“ beitrat, sich als begabter Redner hervortat und für den Hitler-Biographen Konrad Heiden den „Ur-Nationalsozialisten“ verkörperte, seinem „Führer“ jedoch als „Lump“ galt, den er „behalte, solange ich ihn brauchen kann“.

Nach Kempten zog Hermann als Sechsjähriger, da sein Vater als Eisenbahndirektor dorthin versetzt worden war. Einige Jahre später besuchte er das Humanistische Gymnasium, das heutige Carl-von-Linde-Gymnasium, behielt aber sein Leben lang den „altbayerischen“ Dialekt seiner frühen Kindheit, wie Hoser anmerkte. Eines seiner Schulzeugnisse attestierte dem Jugendlichen bedenkliche Charakterzüge: er lüge gewohnheitsmäßig und neige zu Wichtigtuerei. Während des Ersten Weltkrieges habe sich der noch minderjährige Esser 1917 freiwillig zum Heer gemeldet, sei aber erst nach einer Ausbildung zum Funker etwa 14 Tage vor dem „militärischen Zusammenbruch“ als Gefreiter nach Flandern an die Front geschickt worden.

Nach seiner Heimkehr sei der Notabiturient Mitglied der sozialistischen USPD geworden und habe an der kurzlebigen, nur etwa eine Woche währenden Kemptener Räterepublik mitgewirkt, für die er den Telegrammverkehr überwacht habe. 1919 habe Esser in München ein Studium der Zeitungswissenschaft begonnen, das er aber bald wieder aufgegeben habe; offenbar seien sein Volontariat bei der sozialdemokratischen Zeitung „Allgäuer Volkswacht“ und seine politischen Aktivitäten interessanter und verlockender für ihr gewesen, meinte Hoser. Innerhalb kurzer Zeit habe der Jungjournalist dann einen radikalen „weltanschaulichen Kurswechsel“ vollzogen. Er sei dem antirevolutionären Freikorps Schwaben, einer zeittypischen freiwilligen Volkswehr, beigetreten und habe sich im Frühling 1919 an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik beteiligt. Entscheidend sei aber gewesen, dass Esser in München erstmals Adolf Hitler reden hörte.

Daraufhin habe er sich endgültig von der Sozialdemokratie abgewandt und sei wenig später Mitglied der damaligen DAP (Deutsche Arbeiterpartei) geworden, die sich bald darauf in „NSDAP“ umbenannte und sich ein neues revanchistisches, antisemitisches und völkisch orientiertes Programm gab, das Esser mitgestaltet habe. Der rhetorisch begabte junge Mann sei fortan als „eifriger Parteiredner“ durchs Land gereist und habe seine ZuhörerInnen nicht selten derart begeistert, dass sie anschließend einen NSDAP-Ortsverein gründeten. Esser, der damals zum kleinen Kreis der Duzfreunde Hitlers gehört habe, arbeitete ab 1920 als Redakteur für den „Völkischen Beobachter“.

Beim selbsternannten „Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands“ habe er seine „Lust an aggressiver Polemik“ exzessiv ausgelebt und gegen „Großkapitalisten und Weltjudentum“ gehetzt, die aus seiner Sicht „an allem Elend schuld“ seien. So habe er zum Beispiel 1927/28 „alle Register antijüdischer Propaganda“ gezogen, als er sich auf den Fall eines jüdischen Apothekers stürzte, dem vor dem Münchner Amtsgericht vorgeworfen wurde, sein aus der Umgebung von Weitnau stammendes Dienstmädchen vergewaltigt zu haben. Den Notzuchtprozess, der mit einem Freispruch endete, habe Esser als Fanal für die angeblich immer mächtiger werdende „Judendiktatur“ dargestellt; seine LeserInnen habe er zum „Abwehrkampf“ gegen die drohende „Durchseuchung“ aufgerufen. Am gescheiterten Münchner Putschversuch der NSDAP im November 1923 habe der fiebernde, an Hepatitis erkrankte Esser, abgesehen von einer Rede im Löwenbräukeller, zwar kaum aktiv teilnehmen können, doch vermutlich habe er den Marsch auf die Feldherrnhalle und den aufkommenden Führerkult wirkmächtig inspiriert: Denn im Jahr zuvor habe er, nach dem Marsch der italienischen Faschisten auf Rom, geradezu visionär behauptet, dass es einen Führer wie „den Mussolini Italiens auch in Bayern“ gebe: er heiße Adolf Hitler.

Während der ‚bayerische Duce‘ nach dem misslungenen Bürgerbräuputsch inhaftiert wurde, floh sein Gefolgsmann Esser nach Salzburg. Kaum anderthalb Jahre später gründete sich die NSDAP im Februar 1925 neu und Esser wurde ihr Propagandaleiter; jedoch habe er sein Amt bereits nach wenigen Monaten an seine innerparteilichen Gegner verloren. Stattdessen sei er von 1926 bis 1932 als Chefredakteur der Parteizeitschrift „Illustrierter Beobachter“ tätig gewesen, wobei er sich zahlreiche Klagen und Geldstrafen eingehandelt habe, wie Hoser weiter vortrug. Da er von den juristischen Querelen offenbar irgendwann genug gehabt hätte, habe er sich um ein politisches Mandat bemüht, um sich Immunität zu verschaffen. So wurde Esser in kurzer Folge Abgeordneter des bayerischen Landtags, Landtagspräsident und Reichstagsabgeordneter.

1934 wurde er Mitglied der bayerischen Landesregierung, war verantwortlich für Landwirtschaft, Wirtschaft, Arbeit und Soziales sowie als Staatsminister zuständig für Pressewesen, Rundfunk und Fremdenverkehr. Im auf Konkurrenz und Kompetenzgerangel angelegten Führerstaat sei Esser bald in einen „Dschungel von Machtkämpfen“ geraten, in dem er „meistens den Kürzeren gezogen“ habe, nur wenig habe bewirken können und von Hitler „keine Rückendeckung“ mehr erfahren habe. Schon bald habe er erleben müsse, dass rufschädigende Gerüchte über ihn kursierten: Er betreibe die schwierige Scheidung von seiner Ehefrau mit intriganten, wenn nicht kriminellen Mitteln, um seine langjährige Geliebte zu heiraten. Da weder Parteifreunde noch Behörden gegen diese Behauptungen vorgegangen seien, habe Esser 1935 um seine Entlassung gebeten.

Obwohl er bei Hitler offensichtlich in Ungnade gefallen gewesen sei, habe er von 1939 bis 1945 als Staatssekretär im Propagandaministerium gearbeitet und sei häufiger Gast des „Führers“ auf dessen Berghof in Obersalzberg gewesen, – wohl auch weil seine zweite Ehefrau eine Schulfreundin von Hitlers Gefährtin Eva Braun gewesen sei. Obwohl Essers Verdienste für Kempten, wo sein Vater für die NSDAP im Stadtrat saß, überschaubar gewesen seien – er habe sich bemüht, die Milchwirtschaft zu fördern und die Pergamentpapier-Fabrik Nicolaus zu unterstützen – sei ihm in einer feierlichen Zeremonie die Ehrenbürgerwürde verliehen worden und er habe zu jenen ausgewählten Persönlichkeiten gezählt, die auf dem Adolf-Hitler-Platz am Jägerdenkmal mit fünf Eichen geehrt worden seien.

Die wenigen, aus der Nachkriegszeit überlieferten Äußerungen Essers, der bis 1952 in US-amerikanischen Internierungslagern inhaftiert war, zeigten, dass er „seine Grundüberzeugungen nie aufgegeben“ habe, so Hoser. Er sei „ein Schwindler von hohem Grade“ gewesen, als „dubioser Finanzberater“ tätig gewesen und 1981 in Dietramszell gestorben. Seinen 48 Online-ZuhörerInnen und anderen interessierten LeserInnen stellte Paul Hoser in Aussicht, dass er seine Hermann-Esser-Biographie bis Weihnachten fertigstellen und 2021 veröffentlichen werde.

Antonia Knapp

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Ein Blick in den Arbeitsalltag der Lungenfachärzte Dr. med. Reinhard Hettich und Dr. med. Bettina Miksch von Heigl, Hettich MVZ Kempten-Allgäu
Ein Blick in den Arbeitsalltag der Lungenfachärzte Dr. med. Reinhard Hettich und Dr. med. Bettina Miksch von Heigl, Hettich MVZ Kempten-Allgäu
Corona-Ticker Kempten: Inzidenzwerte schwanken leicht
Corona-Ticker Kempten: Inzidenzwerte schwanken leicht
Online-Aschermittwoch: Neues Format mit »vogelwilder Schalte«
Online-Aschermittwoch: Neues Format mit »vogelwilder Schalte«
Auch für Künstler ist die Pandemie eine Überlebensfrage
Auch für Künstler ist die Pandemie eine Überlebensfrage

Kommentare