Lebenshilfe Kempten feiert

"Gemeinsam bunt"

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Eine kesse Sohle legte die Tanzgruppe der Tom-Mutters-Schule Kempten aufs (Bühnen-)Parkett.

Kempten – „In der Praxis gelingt es nicht immer so gut“, Barrieren für alle abzubauen, meinte OB Thomas Kiechle in seiner Begrüßungsrede im Fürstensaal der Kemptener Residenz und wies darauf hin, wie wichtig deshalb die drei Jubilare in unserer Region seien.

Die Feierlichkeiten zum Dreier-Jubiläum 50 Jahre Lebenshilfe Kempten, 40 Jahre Allgäuer Werkstätten, 20 Jahre Integrationsgesellschaft (IGA) zeigten mehr als eindrucksvoll, was aus einer engagierten Elterninitiative entstehen kann.

Und das wurde vergangenen Freitag und Samstag feierlich – erst beim Empfang im Kemptener Rathaus und anschließend beim Festakt im Fürstensaal – bis ausgiebig – auf dem St. Mang-Platz bei Musik und Party mit Guildo Horn sowie mit einem bunten Familien- fest und Stargast Carolin Reiber – gefeiert.

Im Juni 1965 hatten sich betroffene Eltern, Angehörige, Freunde und Förderer zusammengeschlossen und den Verein Lebenshilfe gegründet, um da etwas zu tun, wo die Menschen leben. „Gewachsen ist hieraus in den letzten 50 Jahren eine Gemeinschaft, die Menschen mit Behinderung durch das ganze Leben hinweg fördert und begleitet“, freute sich Vorsitzender Bernhard Schmidt vor rund 200 Gästen und ließ die Entwicklung der auch zahlreichen Einrichtungen, die die Lebenshilfe und die Allgäuer Werkstätten heute prägen, Revue passieren. Dabei gehe es vor allem darum, dass diese Menschen „mit ihren besonderen Bedürfnissen und Behinderungen hier in der Region selbstbestimmt, würdig und geachtet inmitten der Gesellschaft leben“. Heute finden betroffene Eltern zum Beispiel Beratung, Förderung und Therapie schon ab der Geburt in der Frühförderstelle Kinderhilfe Allgäu, die an den beiden Standorten in Kempten und Sonthofen, im Elternhaus oder im Kindergarten durchgeführt werden. Sie ist eine von vielen Einrichtungen auf dem Lebensweg, unter denen auch die Tom-Mutters-Schule ein wichtiger Baustein ist.

Rund 650 "Mitarbeiter"

Als gemeinschaftliche Einrichtung der Lebenshilfe Kempten und der Lebenshilfe südlicher Landkreis Oberallgäu wurden vor 40 Jahren die Allgäuer Werkstätten gegründet, mit dem erklärten Ziel, „Menschen mit einer Behinderung einen dauerhaft sicheren Arbeitsplatz zu bieten“, sie „individuell zu fördern“ und in die Gesellschaft zu integrieren. An den Standorten Sonthofen und Kempten arbeiten heute etwas über 650 Menschen mit geistigen, körperlichen und/oder seelischen Behinderungen, die sich selbstbewusst bei der Werkstattverwaltung dafür eingesetzt haben nur noch als „Mitarbeiter“ statt „Mitarbeiter mit Behinderung“ bezeichnet zu werden. Die Allgäuer Werkstätten sind zudem alleiniger Gesellschafter der vor 20 Jahren gegründeten IGA, die Menschen mit „multiplen Vermittlungshindernissen“ die Möglichkeit bietet, einen Arbeitsplatz zwischen einem Werkstattplatz und dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Darüber hinaus bieten unterschiedliche Wohn- und Betreuungs- formen ein Leben in möglichst eingriffsfreiem, dabei geschützten Raum. Heute könne man die Lebenshilfe als „breit aufgestelltes Unternehmen bezeichnen, das beim Leben hilft“, meinte Schmidt.

Von einer richtigen „Aufbruchsstimmung“ bei Gründung der Lebenshilfe sprach Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. Zwar sei klar, dass es bei Teilhabe auch Einschränkungen gebe und man nicht jede Behinderung ausgleichen könne, „aber man kann sein möglichstes tun“. Vor allem müsse ein Umdenken in den Köpfen statt finden, dahingehend, „dass anders sein ganz normal ist“.

Für Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Lebenshilfe, ging es bei Inklusion nicht darum, „dass alle das Gleiche machen“, sondern um „Vielfalt“.

„Ideologie kann man bei dem Thema nicht brauchen“, stellte Landtagspräsidentin und Vorsitzende des Lebenshilfe Landesverbands Bayern, Barbara Stamm, die individuellen Anforderungen jedes Einzelnen in den Mittelpunkt. Besonders erfreut zeigte sie sich über die Zusage Reicherts, dass der Bezirk „weiterhin Partner sein will“, denn Partner brauche es. Sie würdigte die „vielen Stunden, die hier ehrenamtlich erbracht werden“ und betonte, dass Menschen mit Behinderung „mit entscheiden wollen“. Ein Anliegen war ihr auch „die Anerkennung der Menschen, die in sozialen Berufen tätig sind“, wo es noch „viel Nachholbedarf“ gebe. Ferner appellierte sie an die Wirtschaft, mehr Aufträge an die Werkstätten zu geben und forderte „eine Kultur des Hinschauens“.

Den größten Applaus aber konnten ganz andere Akteure für sich verbuchen. Da waren zum Beispiel die beiden Schülersprecher der Tom-Mutters-Schule, die vor lauter Auf- regung zwar nur eine kurze Begrüßung mit tränenerstickter Stimme hervorbrachten, aber die Sympathie der Gäste auf ihrer Seite hatten. Oder die Veeh-Harfen- sowie die Trommelgruppe der Allgäuer Werkstätten Kempten und Sont- hofen und auch die Tanz-Gruppe der Tom-Mutters-Schule Kempten, die das Publikum mit großer Begeisterung an ihrem Können teil- haben ließen.

Christine Tröger

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