Durchwachsene Bilanz

"Frühjahrserwachen" des Orchestervereins mit Fragezeichen

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Durchwachsen fällt die Bilanz für das Jahreskonzert des Orchestervereins mit dem Gitarristen Stefan Grasse aus.

Kempten – Am Ende des Frühjahrskonzertes des Orchestervereins Kempten war man etwas ratlos. Das Konzert, das am vergangenen Samstagabend im Stadttheater über die Bühne gegangen war, hatte eigentlich recht schön mit dem Stück eines bei uns nicht sehr bekannten russischen Komponisten begonnen und – nachdem als Zugabe noch einmal ein Teil dieses ersten Werks gespielt wurde, ebenso schön aufgehört. Was dazwischen passierte, war allerdings bei allem Wohlwollen nicht das Gelbe vom Ei, und das lag nur zum kleineren Teil an den Musikern des Orchestervereins, die wiedereinmal mit viel Fleiß und Engagement hohe Musikliteratur eingeübt hatten.

In einer kurzen Einführung zu Beginn des Konzerts erläuterte die Leiterin Mary Ellen Kitchens die Programmauswahl, die sich dieses Mal aus ihrem Wunsch, einmal ein Konzert mit ausschließlich volksliednahen Stücken zu bestreiten, und ihrer Bekanntschaft mit der Komponistin und Musikprofessorin Vivienne Olive ergeben hatte. Diese hatte eben erst ein Konzert für Gitarre und Orchester mit schottischem Hintergrund geschrieben, dessen Uraufführung für das Kemptener Konzert geplant war. 

Doch der Reihe nach. Das erste Stück war gut ausgesucht. Anatoli Ljadow, Schüler von Nikolai Rimski-Korsakow und selbst Lehrer von Sergei Prokofiew, schrieb 1905 seine Russischen Volkslieder op. 58. Er stand in der Tradition derjenigen russischen Komponisten, die sich einer ganz eigenen russischen Musiksprache, gespeist aus dem reichen Feld des russischen Volksliedguts, verschrieben hatten. 

Entsprechend waren die acht Orchesterstücke mit volksliedhaften Motiven und einer sehr farbigen Orchestrierung versehen. Das klang vom Orchesterverein dargeboten fesselnd und abwechslungsreich. Man fühlte sich entfernt an Ravels Orchesterfassung von Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ oder auch an die „Slawischen Tänze“ eines Antonin Dvorak erinnert. 

Das vorletzte der acht kleinen Stücke mit einer solistischen Piccoloflöte war schottisch angehaucht, so dass der Übergang zum schottischen Teil des Konzerts bereits hier eingeleitet wurde. „Ceilidh – Konzert für Gitarre und Orchester“. Die englisch-deutsche Komponistin Vivienne Olive hatte ein Werk für ihren Musikerkollegen Stefan Grasse komponiert, welches sie dem schottischen Komponisten John Maxwell Geddes gewidmet hatte. Der Titel spielt auf einen schottisch-irischen Tanzabend an, der traditionell mit „Ceilidh“ bezeichnet wird. 

Nach einer kurzen Einführung durch die anwesende Komponistin betrat der Solist des Abends, der Gitarrist Stefan Grasse, die Bühne und das sechsteilige Werk begann. Eine kurze Zeit des Hineinhörens und man bemerkte sogleich die Schwierigkeit, die die Gitarre im Zusammenspiel mit einem Orchester immer hat. 

Durch die sehr begrenzten dynamischen Möglichkeiten der klassischen Konzertgitarre besteht die Gefahr des Überdeckens der Gitarre durch das Orchester. Spielen Orchester und Gitarre gleichzeitig, dann muß das Orchester äußerst zurückhaltend spielen, um die Gitarre nicht komplett zu übertönen. Dies ist übrigens auch der Grund, warum außer dem berühmten „Concierto de Aranjuez“ kein weiteres nennenswertes Konzert für Gitarre und Orchester Eingang in die aktive Konzertliteratur gefunden hat. 

Joaquin Rodrigo hatte mit großer Kunstfertigkeit und genauester Kenntnis der Gitarre sein „Concierto de Aranjuez“ komponiert. Leider konnte man dies von Vivienne Olive bei ihrem Werk nicht konstatieren. 

Neben den formalen Mängeln, dass nämlich zu oft tatsächlich eine zu große Orchesterwucht die Gitarre überspielte, fiel als weiteres die Einfachheit der Gitarrenstimme auf. Im Grunde bestand diese durchgehend nur aus einer bedingt originellen Aneinanderreihung gitarristischer Grundelemente von Läufen, akkordischem Spiel und Tremoloeffekten ohne weiteren Aussagegehalt. Keine markante Linie, kein charakteristisches Motiv, insgesamt überhaupt kein Hinweis auf das folkloristische Programm, das mit dem Titel dieses Werks vorgegeben war. 

Zu alledem hatte man den Eindruck, dass sich der Gitarrist trotz aller Einfachheit nicht so richtig in seine Partitur einfand, unerklärlich für den Zuhörer, hat man die umfassende und langjährige musikalische Biografie dieses Gitarristen im Hinterkopf. Das Orchester konnte nicht viel dazutun. 

Von der Leiterin angefeuert kam im zweiten Teil des Stücks etwas Spannung und Furor auf (dies allerdings zum erwähnten Nachteil des Gitarristen), mehr blieb nicht im Kopf des Zuhörers hängen. Zur Entlastung des Gitarristen soll noch erwähnt sein, dass er in der folgenden kleinen Zugabe, einem Duett für Flöte und Gitarre des Widmungsträgers John Maxwell Geddes, die Qualitäten seiner Gitarre in ein besseres Licht rücken konnte. Eine Gitarre eignet sich einfach mehr für kammermusikalische oder rein solistische Besetzungen als für orchestrale Werke. 

Nach der Pause wagte sich dann Mary Ellen Kitchens mit ihrem Orchester wieder an ein Großwerk der Orchesterliteratur. Die Symphonie in a-moll, op. 56, von Felix Mendelssohn-Bartholdy sollte es diesmal sein. 

Die Beifügung „Die Schottische“ passte gut in den Programmzusammenhang dieses Abends, besaß aber in der Musik Mendelssohns keinen Niederschlag, außer dem biographischen Aspekt, dass er erste Skizzen zu dieser Sinfonie während einer Schottlandreise notiert hatte. 

Kurz und knapp, die Musiker des Orchestervereins hatten schon oft mit musikalischen Hauptwerken bewiesen, dass sie spielerisch fast mit ihren professionellen Kollegen mithalten können, an diesem Abend gelang ihnen das nur mit Einschränkungen. Das Stück ist einfach zu bekannt, man hat die herausragenden Interpretationen im Kopf und misst das Gehörte damit. Am meisten störte die dynamische Unentschlossenheit des ganzen Orchesters und die ungenaue Intonation in den hohen Streichern. Durch die Zugabe, die von allen Musikern dann wieder gut gespielt war, wurde man wieder ein bisschen versöhnt und verließ etwas zwiespältig das Theater. 

Jürgen Kus

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