Gönner für Restaurierung von Predigtensammlung gesucht

Sichten und Ordnen

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Brunhilde und Peter Kustermann nehmen sich dem Neuaufbau des Dietmannsrieder Gemeindearchivs an. Frühestens in sechs bis sieben Jahren ist mit einem Endergebnis zu rechnen, schätzen die beiden.

Dietmannsried – Seit drei Jahren kümmern sich Brunhilde und Peter Kustermann in mühevoller Kleinarbeit um den Aufbau des Dietmannsrieder Gemeindearchivs. Zigtausende Dokumente, die bis 1732 zurückreichen, haben die beiden schon gesichtet und geordnet, weitere Zigtausende liegen noch vor ihnen.

Darin schlummern mitunter spannende Geschichten von Einzelschicksalen und viele kleinere und große Schätze, wie etwa die extrem seltene, restaurierungsbedürftige Predigtensammlung aus dem Jahr 1619, die nur sechsmal in ganz Deutschland zu finden ist.

Manch einer würde angesichts der Aufgabe, die fast uferlosen Papier- und Bücherberge sinnvoll zu ordnen, verzweifeln. Aber zum Glück gibt es unerschrockene, engagierte Menschen wie das Dietmannsrieder Ehepaar Brunhilde und Peter Kustermann. „Ich räume gern Papierkram auf“, lacht die ehemalige Bibliothekarin, die auch die örtliche Bücherei leitet. „Uns interessiert einfach die Geschichte vor unserer Haustür“, ergänzt ihr Mann. Deshalb haben sich die beiden vor drei Jahren bereit erklärt, sich mit fachlicher Unterstützung des Kreisarchivpflegers Gerhard Klein vier Stunden pro Woche um den Neuaufbau und die Pflege des Gemeindearchivs zu kümmern.

Bis 2011 wurde das Material noch in dem statisch und konservatorisch ungeeigneten Dachboden des Rathauses aufbewahrt. Seither werden die in teils schwer entzifferbarer altdeutscher Handschrift verfassten Unterlagen Blatt für Blatt gesichtet, verzeichnet und in den lichtgeschützten, klimatisch gut geeigneten neuen Archiv-Räumlichkeiten am Inselweiher in säurefreie Kartonagen eingelagert.

Bücher und Protokolle

Hier findet sich alles, was in den fünf Gemeindeteilen im Laufe ihres Bestehens an Archivwürdigem verfasst und aufbewahrt wurde. Dazu gehört rela- tiv trockene Materie wie Haushaltssachbücher, Rechnungen, Notariatsurkunden, Grundsteuerabrechnungen, Protokolle der Gemeinderatssitzungen ab 1850, Waagbücher, Dokumente über Flurnamen oder Wegberechtigungen, Geburten-, Heirats- und Sterberegister ab dem Jahr 1877 und Etliches mehr. Alten Leichenschauregistern ist zu entnehmen, wem Dr. Sepp und seine Kollegen einen Darmkatarrh, die Syphillis oder Blutarmut als Grund des Hinscheidens attestierten. In den Sühneversuchsniederschriften ist nachzulesen, welche Mittel die Bürgermeister einsetzten, um Streithähne zum Friedensschluss zu bewegen.

Einige Regalreihen weiter finden sich rund hundert Jahre alte Schulaufsätze zu Themen wie „Warum fürchten die Menschen den Krieg?“ oder „Was uns der Krieg Gutes und Schlimmes gebracht hat“. Daneben gibt es Dokumente des Kriegsgefangenensuchdienstes, denen beispielsweise zu entnehmen ist, dass im Juli 1944 ein Zivilfranzose, 12 Ukrainer, 24 Polen und sieben gefangene Franzosen in Reicholzried waren.

Material kommt zurück

Als Anerkennung für ihren vorbildlichen Umgang mit dem Archivmaterial erhielt die Gemeinde vor wenigen Monaten sogar 12 Kartons mit Depotmaterial zurück, dass vor mehr als hundert Jahren an das damalige Staatsarchiv Neuburg an der Donau hatte abgegeben werden müssen.

Gelegentlich bekommen die Kustermanns Anfragen von Bürgern oder der Gemeinde selbst. Vielen konnten sie schon bei der Beschaffung von Zahlen und Daten für wissenschaftliche Arbeiten oder die private Ahnenforschung weiterhelfen. Bei der Frage nach den besonderen Preziosen des Archivs erlauben die beiden Archivare einen Blick auf zwei handgeschriebene Ehrenchroniken aus Dietmannsried und Überbach aus der Zeit des 1. Weltkrieges. In Letzterer sind auf rund 230 Seiten neben vielen pathetischen Erzählungen sämtliche Kriegsteilnehmer des Dorfes mit persönlichen Daten, Dienstgrad, Verwundungen, Schlachten, Orden und vor allem mit Foto vermerkt. Ab Mitte Juni werden die beiden prachtvollen Bücher im Rahmen einer Ausstellung zum Thema 1. Weltkrieg im Foyer des Rathauses zu sehen sein. Da könnte so manch einer vielleicht erstmals ein Bild seines Uropas zu Gesicht bekommen.

Der zweifellos größte und wertvollste Schatz des Archivs aber ist eine ins Deutsche übersetzte Predigtensammlung des Pierre des Bessaei von D. Matthaeus Tympius Seliger, die 1619 in Cölln gedruckt wurde und lange Jahre in Reicholzried lagerte. Leider leidet das 444 Seiten starke, 38 x 25 x 10 cm große Prachtstück mit dem Holz- und Pergamenteinband, das nur sechsmal in Deutschland und in Bayern gar nicht nachgewiesen ist, unter einem trockenen weißen Schimmel. Nun wird ein Liebhaber gesucht, der die Kosten für die teure Restaurierung übernehmen möchte. „Schreiben Sie doch ‘Schätzchen sucht Liebhaber’“, schlägt Brunhilde Kustermann schmunzelnd vor. „Vielleicht findet sich ja jemand.“

Sabine Stodal

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