"Ein Arzt ist kein Vollstrecker"

Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger war der prominente Gast des letzten „Werkstattgesprächs“ im ausklingenden Jahr an der Hochschule. In seiner Funktion als Mitglied des deutschen Ethikrates sprach und diskutierte er über die Frage „Biomedizin ohne Grenzen?“. Der unabhängige Ethikrat, besetzt mit 26 Mitgliedern unterschiedlicher Disziplinen, verstehe sich als Forum des Dialogs über ethische Fragen in den Lebenswissenschaften, erklärte er den Hintergrund des Gremiums, dem auch die Arbeit mit der Öffentlichkeit wichtig sei.

Da Biomedizin stark in unser Leben eingreife, müsse die Frage nach den Grenzen gestellt werden, machte er gleich eingangs klar. Nachdem die Entzifferung des DNA fast den Verdacht nahe gelegt habe, der Mensch sei sein eigener Schöpfer, hätten die deutschen Bischöfe ein 16-seitiges ethisches Dokument verfasst. „Wir rechnen damit, dass die Möglichkeiten der Lebenswissenschaft an den Grundwerten unserer Gesellschaft rütteln“, mahnte er, die Folgen genau zu bedenken. Um Missbrauch zu verhindern, sah er die Politik als Regulativ in der Pflicht. „Wo kein Wert steht, ist eine Norm nicht begründbar“, nannte er die Festlegung der Menschenrechte als Grundvoraussetzung. „Wir brauchen einheitliche Standards“, und das nicht nur innerhalb Europas sondern weltweit, verkündete er überzeugt. Zwar sei mit Stammzellen- und Embryonengesetz der „Ethikstand in Deutschland sehr hoch“, aber im nahen Großbritannien würden „Chimären“ gezüchtet. Und auch China zeige wohl eine hohe Expertise, „die aber wenig mit Ethik zu tun“ habe, wie er gestand. Einen Nachteil für Deutschland ohne Stammzellenforschung sähen Wissenschaftler nicht, berichtete er, zumal es da europaweit noch „keine therapeutischen Erfolge“ gebe. In der adulten Zellforschung, in der Deutschland führend sei, dagegen schon. Bedenken äußerte Losinger über den „Trend“ von meist „aggressiver Beratung durch Mediziner zur Abtreibung“, wenn die Möglichkeit eines gentechnischen Defekts bei Ungeborenen diagnostiziert werde. Es gelte den rechtlichen Druck von Ärzten zu nehmen, räumte er als Ursache für die fragwürdige Selektion ein. Auch das Thema Sterbehilfe beschäftige den Ethikrat. Da jeder ein Recht auf menschenwürdiges Sterben habe, seien die passive und auch indirekte Sterbehilfe heute gängige Praxis. Die Antwort auf Angst vor großen Schmerzen oder ein Pflegefall zu werden, müsse aber in der Palliativmedizin oder der „gesellschaftlichen Einbettung“ in einem Hospiz gesehen werden und nicht in der aktiven Sterbehilfe. So habe er sich auch zusammen mit anderen „Abweichlern“ in einem Sondervotum gegenüber dem Ethikrat definitiv gegen kommerzielle Sterbehilfeorganisationen oder ärztlich assistierten Suizid ausgesprochen. „Der Arzt ist Heiler und nicht Vollstrecker“, unterstrich er seine Position. Einen weiteren heiklen Punkt brachte er mit dem Gendiagnostikgesetz zur Sprache. Das Gutachten des Ethikrates ziehe hier eine klare Grenze: Jeder dürfe nur selbst Kenntnis über seine Gene haben. Eine Verwendung der Daten für Versicherungen oder zur Einstellung von Arbeitskräften werde abgelehnt. Weiteres beschäftige sich der Ethikrat mit der Gehirnforschung. Unter dem Begriff „Psycho-Enhancement“ werde beispielsweise durch Gehirn-Implantate bereits die Kommunikation zwischen Piloten und Computern im militärischen Bereich gesteigert. „Erstaunliche Erfolge“ zeigten die Chip-Implantate bei der Unterdrückung des Tremor bei Parkinson Patienten. Kritik an "Gehorndoping" Kritischer bewertete er den Einsatz von „Gehirndoping“ bei Kindern mit „Zappelphilipp-Syndrom“ oder zur Leistungssteigerung. Letzteres sei bereits ab der dritten Schulklasse zu finden, „um die Kinder ins Gymnasium zu bekommen“. Der Ethikrat appelliere deshalb unter anderem, dass der Mensch „bei solch einem gesellschaftlichen Diskurs nicht zu kurz kommen darf“. Oft stünden „massive wirtschaftliche Interessen dahinter“, die zur industriellen Verwertung von Menschen führe. Eine Parallele im pflanzlichen Bereich zog er zum Gen-Anbau. Bindend seien die Vorschläge des Ethikrates freilich nicht, bezeichnete Losinger die Politik als „Kompromissgeschäft“. Aber manches werde auch eins zu eins übernommen.

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