Jahresrückblick

Ein Brief an das Jahr 2020

Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende und war ein Jahr wie kein anderes. Wer hätte zu Beginn gedacht, was alles auf uns zukommt?
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Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende und war ein Jahr wie kein anderes. Wer hätte zu Beginn gedacht, was alles auf uns zukommt?

Liebes Jahr 2020, jetzt neigst Du dich langsam dem Ende zu und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich mich deshalb freuen oder weinen soll. Du bist ein Jahr, das uns allen für immer ins Gedächtnis gebrannt bleiben wird.

Und keiner hätte damit gerechnet, was Du alles parat hattest. Wirklich keiner! Dass Du da urplötzlich ein hochansteckendes Virus anschleppst, das unser Leben nachhaltig verändert hat und verändern wird, damit hast Du die gesamte Welt über- und herausgefordert.

Anfang des Jahres dachten wir naiverweise noch, dass das Ende der Lindenstraße nach fast 35 Jahren und 1758 Folgen am 29. März das Schlimmste sein wird, was uns passieren kann. Oder die Wiederwahl des US-Präsidenten Donald Trump im November. Aber weit gefehlt. Wer hätte schon geglaubt, dass Masken, ausverkaufte Klopapierrollen, vergriffene Backhefen, Abstand halten, Desinfektionsmittel und Essen to go auf einmal die Hauptrolle in unserem Alltag spielen würden? An ein Silvester im kleinsten Kreis ohne Raketen und Knallerei gar nicht zu denken. Von Weihnachten 2020 mag ich nicht mal sprechen.

Mein Beileid gilt den armen Schülergenerationen, die später 2020 in der Schule aufarbeiten dürfen. Was für ein schicksalhaftes Jahr! Es begann ja eigentlich ganz harmlos und normal. Das Coronavirus war anfangs gefühlt nur „Made in China“ und wir sind im Februar noch fröhlich-heiter in Ischgl oder am Fellhorn die Pisten hinunter gesaust. Zünftiges Après-Ski inklusive! Auch der Faschingsumzug der Faschingsgilde Rottach ist im Februar noch bunt und lustig durch Kempten gezogen. Quarantäne war für alle noch ein Fremdwort und hat uns eher an einen Ferienort in Italien erinnert als an vierzehntägigen Hausarrest: „Du warst in Quarantäne? Ach, war´s schön dort?“

Ab März gab´s dann den großen Dämpfer und seitdem hat sich ein neues Wort heimlich still und leise in unseren alltäglichen Sprachgebrauch geschmuggelt. Lockdown. Oder auch Shutdown, was es aber nicht angenehmer macht. Der Osterhase durfte in diesem Jahr immerhin noch ohne Maske angehoppelt kommen. Freie Sicht und freier Biss ins leckere Schokoladengesicht. Ich bin mir sicher, dass die Süßwarenindustrie 2021 reagieren wird und wir künftig „Corona-Hasen“ mit weißem Schokoladen-Mundschutz in den Regalen sehen. Wenigstens kein bitterschokoladiger Beigeschmack. 

Die Klopapier-Phase

In den ersten Wochen des Lockdowns mussten wir vielen Mitmenschen erstmal begreiflich machen, dass das Coronavirus keine schlimme Durchfallerkrankung ist, sondern schwerwiegende Atemwegserkrankungen auslöst. Das Horten von Klopapier für die nächsten Jahrzehnte oder das Sammeln für nachfolgende Generationen war demnach relativ sinnfrei. Wusste scheinbar auch nicht jeder! Dem Virus haben wir es allerdings zu verdanken, dass im Frühjahr unsere Dachböden, Keller und Kleiderschränke derart auf Vordermann gebracht worden sind, dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei einem Fotoshooting für „Schöner Wohnen“ in die Endausscheidung gekommen wären. Der März und April bleiben uns nun als Monate gesteigerter Putz- und Aufräumlust in Erinnerung. 

Die neue Freizeitgestaltung und 24 h Familie

Ein klarer Gewinner des neuen Alltags mit Corona war definitiv die Fahrradindustrie. Wer anfangs noch gehofft hatte, im Frühsommer werde schon wieder „alles normal“, der wurde spätestens ab Einführung der Maskenpflicht Ende April eines Besseren belehrt. Ab sofort nur noch mit Mund-Nasen-Schutz im Alltag. Als wäre es nicht schon Anstrengung genug gewesen, dass wir im ersten Lockdown die Wochentage kaum mehr unterscheiden konnten. Ist heute nun Montag oder war doch schon Mittwoch?! Plötzlich ein zäher und dicker Zeitbrei, vor allem im Homeoffice.

Die Zahl der Fahrradfahrer ist rückblickend in diesem Jahr regelrecht explodiert. Mehr Menschen als je zuvor haben umgesattelt. Wenigstens bisschen Bewegung und Natur genießen, notfalls mit elektronischer Unterstützung, wenn man schon ständig unter Hausarrest steht. Und dieses Mal hatten wir – anders als früher – nicht mal was ausgefressen oder es uns mit unseren Erziehungsberechtigen verscherzt. War es nicht schon schwer genug, dass plötzlich alle Fernsehshows ohne Zuschauer stattfanden und es erstmals seit 64 Jahren keinen ESC gab? Aber man gewöhnt sich an Einiges.

„Urlaub dahuim“ hieß es im Sommer, zumindest für die meisten. Und plötzlich haben wir gemerkt, dass ein Radurlaub an der Mosel oder eine Woche an der Mecklenburgische Seenplatte eigentlich auch gar nicht so übel sind. Und wer gar nicht weggefahren ist? Der durfte schöne Reiseziele auf ganz neue Art und Weise kennenlernen: Sofambik, Haustralien oder Balkongo waren äußerst beliebt. Nicht nur die Anwohner in Flughafennähe haben dadurch weniger Fluglärm an ihrem Wohnort ertragen müssen, auch unser Klima durfte sich über deutlich weniger schädliche Emissionen in der Atmosphäre freuen.

Die Atmosphäre innerhalb der Familie oder Lebenspartnerschaft war allerdings des Öfteren leicht bis massiv gestört. Den Liebsten oder die Liebste plötzlich von früh bis spät zuhause um sich zu haben, dazu die Kinder rund um die Uhr beschäftigen und betreuen, ist in der Theorie locker machbar, in der Praxis aber bisweilen eine Herausforderung. Drum prüfe, wer sich ewig bindet. 

Sommer ohne Sommermärchen

Beim letzten Jahreswechsel haben wir uns noch völlig ahnungslos auf die Europameisterschaft im Sommer gefreut. Und auf die Allgäuer Festwoche und die Viehscheide natürlich. Aber nix wars. Alles bis auf Weiteres verschoben. Wer weiß, ob es bei der aktuellen Leistung unserer Fußballnationalmannschaft vielleicht sogar ein Wink des Schicksals war. Die Hoffnung auf ein Sommermärchen nehmen wir nun mit ins neue Jahr.

Zugegebenermaßen haben wir uns das Jahr über aber hier und da ertappt, gar nicht so unglücklich darüber gewesen zu sein, auf nervige Feste mit ungeliebten Verwandten verzichten zu müssen. Großes familiäres Tamtam aus Pflichterfüllung wegen Corona leider kurzfristig abgesagt. Dass wir aber Weihnachten auch nur im allerengsten Familienkreis feiern durften und wir plötzlich in „Haushalten“ denken mussten, das tat schon weh.

Kein Wunder, dass ich mich bei dem Gedanken ertappe, erst einmal die AGB von 2021 lesen zu wollen, bevor ich zustimme und ins neue Jahr starte. Die Anpassung unseres Flirtverhaltens wird sich hoffentlich nach den Impfungen irgendwann wieder umstellen.

Ob wir in drei Jahren noch mit Sätzen wie „Mit Dir will ich in Quarantäne sein“, „Darf ich Dir einen Drink schicken?“ oder „Mit Dir würde ich meinen letzte Klopapierrolle teilen“ punkten können? Ich mag gar nicht drüber nachdenken. Wie hat kürzlich ein alter Freund zu mir gesagt: „Dafür, dass das Coronavirus aus China kommt, hält es aber ziemlich lang!“ Recht hat er. Hoffen wir also alle auf ein besseres 2021 und bleiben wir zuversichtlich. Abschließend noch eine Sache. Man kann gegen 2020 sagen, was man will. Aber wenigstens die Reihenfolge der Monate wurde eingehalten.

Bleiben Sie gesund und einen guten Rutsch,

Ihre Kathrin Dorsch 

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