"Ein ganz besonderer Schatz"

Basilika St. Lorenz: Die zweite Zeitkapsel birgt "spirituell und religiös stark aufgeladenen Inhalt"

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Im verzinnten Blechkästchen (li.) überdauerten die vor rund 350 Jahren hineingelegten Devotionalien und Reliquien fast völlig unbeschadet.

Kempten – Die Begeisterung stand der Historikerin Birgit Kata ins Gesicht geschrieben, als sie im Kemptener Stadtarchiv vergangene Woche im Rahmen eines Pressetermins „einen ganz besonderen Schatz“ vorstellen durfte. Bei den derzeit laufenden Instandsetzungsarbeiten wurde in der vergoldeten Kugel auf der Kuppel der Basilika St. Lorenz ein Blechkästchen entdeckt: die – zur Überraschung aller – zweite Zeitkapsel, die im Rahmen der Renovierung gefunden wurde. Eine Runde mit Vertretern der Pfarrei St. Lorenz und dem Stadtpfarrer Monsignore Dr. Ehler, sowie dem Vorsitzenden des Heimatvereins Kempten Markus Naumann und der Leiterin des Staatlichen Bauamtes Cornelia Bodenstab war zur Präsentation der ersten Untersuchungsergebnisse zusammengekommen.

Anfang des Jahres war bereits in der Turmkuppel eine Zeitkapsel von 1899 gefunden worden, die mit der Erhöhung der Türme eingebracht worden war. Am 13. August brachte Angela Gehrke, die Projektleiterin des Staatlichen Bauamts, das 25 x 20 Zentimeter große zweite Blechkästchen, mit fünf kreuzförmig in den Deckel eingeschlagenen Luftlöchern, Symbol für die fünf Wunden Christi, ins Stadtarchiv. Dort untersuchten Birgit Kata und die Restauratorin Ursula Dekker-Sturm den Inhalt. Das Kästchen gehört zur Bauphase zwischen 1652 bis 1669, als der Graubündener Baumeister Giovanni Serro den Bau der ehemaligen Klosterkirche nach Plänen von Michael Beer zu Ende führte. 

Da das Kästchen seinerzeit verzinnt worden war, sei der Inhalt über die rund 350 Jahre „konservatorisch optimal gelagert“ gewesen, freut sich Kata über den spirituell und religiös „stark aufgeladenen Inhalt“ sowie die vielen geschichtlichen Hinweise. Nachdem der Fund nun erfasst wurde, soll er im Stadtarchiv noch wissenschaftlich ausgewertet werden. 

Die zwei historisch bedeutsamsten Objekte sind in lateinischer Sprache verfasste Pergamenturkunden. Die eine stammt aus dem Jahr 1660. Sie berichtet von der Fertigstellung der Kugel auf der Kuppel und der Einbringung des Kästchens. Außerdem sind in dem Dokument die damaligen Mitglieder des Konvents und des Hofes von Fürstabt Roman Giel von Gielsberg (1639 – 1673) aufgelistet. Die zweite, viel größere Urkunde wurde bei der Renovierung des Turmknaufes anno 1726 zu den bereits vorhandenen Objekten gelegt. Auch in ihr werden sämtliche Personen des inzwischen deutlich angewachsenen Konvents und des Hofstaats von Fürstabt Rupert von Bodman (1678 – 1728) aufgeführt. Auf einem Papierbogen von 1660 ist in deutscher Sprache die Abrechnung der Handwerkerleistung für die Herstellung der Kugel und des Kreuzes auf der Kuppel genannt. Unter den Schriftstücken lagen zahlreiche Devotionalien sowie Sekundär- und Tertiär-Reliquien dicht an dicht in die kleine Schachtel geschichtet. 

Als „Reliquienschatz“ bezeichnete Kata beispielsweise die 28 sorgfältig gefalteten Papiertäschchen, in denen u.a. geweihte Wachssiegel von insgesamt acht verschiedenen Päpsten verpackt wurden, sowie, ebenfalls säuberlich beschriftet, Knochensplitter von zahlreichen Heiligen. Einer von ihnen ist der seit der Karolingerzeit in Kempten verehrte Ritter Gordian (S. Gordiani Mart.), einer der Kemptener Hausheiligen. 

Dass sie – zumindest bislang – „die Heilige Hildegard nirgends erwähnt gefunden“ habe, wunderte Kata ein wenig. Ehler bezeichnete die Auswahl der Reliquien als „sehr spannend“. Darunter ein Papierpäckchen mit Quarzsand (vermutlich Flusssand), das mit dem Namen des Hl. Johannes von Nepomuk (S. Joannem Nepomuceno) beschriftet ist. Der böhmische Priester und Märtyrer lebte um 1350–1393 und wurde in der Moldau ertränkt, weshalb der Moldausand als Tertiärreliquie gilt. Oder das gefaltete Päckchen mit dem Namen des 2003 seliggesprochenen Kapuzinerpaters Markus Avianus oder Marco d’Aviano (1631- 1699), Freund und Beichtvater von Kaiser Leopold I. 

Wie Kata erklärte, hatte er Anteil an der Entscheidungsschlacht gegen das türkische Heer 1683 vor Wien. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Fürstabt Rupert von Bodman ihn persönlich kannte.“ Bei einigen wenigen Papiertütchen fehlt die Beschriftung. Eines ist leer, dafür aber beschriftet: „de lacte bme (beatissimae) V. M. (Virginis Mariae)“ – also ein Tropfen Milch der Jungfrau Maria. Zum Schutz wurde ein Kupferstich mit einem Bildnis des Donatus von Münstereifel, eines Schutzpatrons gegen Blitzschlag und Unwetter, hineingelegt. 

Als weitere Preziose, deren Materialien in außergewöhnlich gutem Zustand sind, konnte Kata ein auf rosa Seide gedrucktes Gnadenbild der „Madonna vom geneigten Haupt“, das bei den Ursulinen in Landshut verehrt wurde, entfalten. Durch Seidenbänder ist es mit einem weiteren Rechteck verbunden und konnte so um den Hals getragen werden. 

„Ungewöhnlich hohe Qualität und Detailtiefe“ bescheinigt Kata auch der „Einsiedler Madonna“ aus gebranntem Ton, wie sie in dem Schweizer Wallfahrtsort zu bekommen war. Solche so genannten „Schabmadonnen“ wurden noch in der Barockzeit durch das Abschaben des Tons als „Notfallmedizin“ verwendet. Des Weiteren war das kleine Kästchen gefüllt mit zwei Rosenkränzen mit Caravaca-Kreuzen, davon einer mit auf Draht aufgezogenen Samenkörnern, der größere mit Perlen aus Keramik und Holz. Außerdem finden sich diverse Holzkreuze, gedruckte Segenssprüche, ein aus farbiger Seide genähtes und mit Silberdraht umfangenes Kissen oder auch ein quadratischer Anhänger, zwischen dessen Glasscheiben ein geweihtes Bild mit der Madonna und den Leidenswerkzeugen

steckt. Alle Objekte werden fotografisch dokumentiert, einige sogar dreidimensional eingescannt, so dass sie mit einem 3D-Drucker reproduzierbar sind. Anschließend werden sie wieder säuberlich in ihre kleine Zeitkapsel verpackt. Im nächsten Jahr will Kata in Vorträgen über die Untersuchungsergebnisse berichten. Sehr angetan ist sie von der „großen Religiosität und einmaligen Qualität der Zeitkapsel“. „Gut, dass wir hier im Bauamt Menschen haben, die die Bedeutung dieses Fundes gleich erkannt haben“, richtete Ehler seinen Dank an Bodenstab.

Christine Tröger

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