»Klein, aber fein«

Ein Interview mit dem Cellisten Christian Poltéra zum Classix-Festival

Der Cellist Christian Poltéra mit seinem Cello.
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Der Cellist Christian Poltéra ist bei Classix 2021 in zwei Konzerten zu hören.
  • VonJürgen Kus
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Kempten – Christian Poltéra spricht über sein Repertoire, das Classix-Festival, die Pandemie und über Kemptens Stellenwert in der klassischen Musik.

Ein gern gesehener – bzw. gern gehörter – und inzwischen regelmäßiger Gast auf den Bühnen der Meisterkonzerte wie des Classix-Festivals ist der Cellist Christian Poltéra. In diesem Jahr setzt er bei Classix am Mittwoch, 22. September, um 20 Uhr, „Maßstäbe“, zusammen mit Markus Schirmer am Klavier und Esther Hoppe an der Violine. Aufgezeichnet wird das Konzert vom Bayerischen Rundfunk. Ebenfalls aufgezeichnet wird das Konzert „Es ist angerichtet“ mit Christian Poltéra und einem Solistenensemble aus Streichern, Bläsern und Klavier am Tag davor (Dienstag, 21. September, um 20 Uhr). Vorab hat der Kreisbote ein Interview mit dem Schweizer Cellisten geführt.

Herr Poltéra, in Ihrem Musikerleben kommen Sie seit Langem immer wieder einmal für Konzertauftritte nach Kempten. Was verbindet Sie mit dieser musik-kulturell nicht in der ersten Liga spielenden Stadt?
Christian Poltéra: Wenn ich sehe, welche Musiker in Kempten auftreten, glaube ich nicht, dass es einen bedeutenden Unterschied zu einer größeren Stadt oder berühmteren Bühne gibt. Ich glaube, es ist das Verdienst von Dr. Tröger (Organisator der Meisterkonzerte und des Classix-Festivals; Anmerk. d. Red.), seit Jahrzehnten sein großes Musikernetzwerk einem interessierten Publikum zur Verfügung zu stellen. Ein Publikum, das er sich ein bisschen selbst herangezogen hat, indem es ihm mit seinem unheimlich breiten und großen Wissen über die klassische Musik gelingt, das Publikum mitzunehmen und zu begeistern. Es vertraut ihm, sich auch auf diejenige Musik einzulassen, die vielleicht nicht die ganz großen Konzerthäuser füllt. Das ist etwas, was wachsen muss und nicht von heute auf morgen passiert. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich zum ersten Mal mit dem Auryn Quartett in Kempten war oder bei einem Classix-Festival, ich weiß nur, dass mein eigener Lehrer, Heinrich Schiff, auch schon Gast in Kempten war, d.h. das Netzwerk von Dr. Tröger geht weit zurück in die Vergangenheit. Es kommt nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität, das berühmte „Klein, aber fein“, und da steht Kempten sehr gut da.
Was ist anders bei den Auftritten in Kempten im Vergleich zu den renommierten Spielstätten und Bühnen?
Christian Poltéra: Es gibt etwas Besonderes in Kempten, gerade auch bei den Meisterkonzerten: die Vorgespräche mit den Künstlern. Da ist etwas Persönliches im Kontakt zum Publikum da, das es nicht unbedingt in den größeren Städten und Konzertsälen gibt. Etwas provokativ könnte man sagen – das stammt jetzt nicht von mir – bei größeren und kommerzielleren Festivals oder Veranstaltungen geht das interessante Publikum hin und zur Kammermusik wie in Kempten geht das interessierte Publikum hin. Das ist jetzt natürlich ein bisschen böse, aber das spürt man einfach als Musiker, dass da Leute ins Konzert kommen, die sich in erster Linie für die Musik interessieren und in zweiter Linie für die Musiker. Das gemeinsame Erleben der Musik steht im Vordergrund und nicht das gesellschaftliche Ereignis, bei dem die Teilnahme zum guten Ton gehört.
Wenn man Ihr Repertoire betrachtet, erkennt man auf den ersten Blick keine Vorliebe für bestimmte Musik. Sind Sie offen für jegliche Musik, die für Ihr Instrument, das Violoncello, komponiert wurde?
Christian Poltéra: Es gibt schon Lücken, wo ich das Gefühl habe, da habe ich nicht so viel Zugang. Aber gerade beim Cello ist es schön, wenn man sich nicht spezialisieren muss. Das Repertoire für das Cello ist zwar größer, als man meint, aber es ist jetzt nicht derartig uferlos wie zum Beispiel das Repertoire eines Pianisten. Beim Cello kann man es sich eher leisten, sich nicht zu spezialisieren, und ich finde diesen Umstand reizvoll.
Sie sind sowohl solistisch, kammermusikalisch und im großen Konzertrahmen zu hören. Ist es so, dass Sie als universeller Musiker auf jeder Hochzeit gerne spielen?
Christian Poltéra: Vielleicht nicht die interessanteste Antwort, aber ich mag genau die Mischung. Ich möchte auf keinen Fall immer nur Cellokonzerte spielen, da ist auch die Probenarbeit zwangsläufig viel oberflächlicher. In ein, zwei Proben geht es darum, dass das Orchester nicht zu laut ist, oder zu langsam, aber das ist natürlich nicht die musikalische Arbeit, die in die Tiefe führt. Dafür ist die Kammermusik zuständig. Ich glaube, das solistische Spiel, Cellokonzerte, haben einen anderen Reiz, auch eine andere technische Herausforderung. Sie geben einem technisch das Rüstzeug, damit man sich dann in der Kammermusik hoffentlich noch wohler fühlt. Beides befruchtet sich im Idealfall gegenseitig.
Neben Ihrer Tätigkeit als Konzertmusiker sind Sie auch Dozent an der Hochschule Luzern, künstlerischer Leiter eines Kammermusikfestivals, Juror bei Cellowettbewerben und Dozent von Meisterkursen. Wie ist das zeitliche Verhältnis von konzertierendem Musiker zu organisierendem und lehrendem Musiker?
Christian Poltéra: Das Schöne an dem Beruf ist, dass man das alles nicht ganz strikt trennen kann. Bei mir hat es sich verlagert von anfangs 100 Prozent nur konzertieren zu einem Gleichgewicht aus Konzerte spielen und dem Unterrichten an der Hochschule. Und gerade ist es durch Corona so, dass ich mehr unterrichte, als ich es jemals zuvor getan habe. Die nächsten Monate oder auch Jahre werden zeigen, wie sich das Verhältnis weiter entwickeln wird. Der Schwerpunkt lag aber bei mir bis Corona eindeutig beim Konzertieren.
Wie kam das Programm des anstehenden Classix-Festivals zustande?
Christian Poltéra: Bei Classix ist es so, dass der künstlerische Leiter, Benjamin Schmid, die Musiker einlädt, die seiner Meinung nach für ein Programm, das er vorgibt, zusammenpassen. Ich habe dann als Musiker natürlich ein Vetorecht zu sagen, dieses Stück mag ich nicht oder kann ich nicht. Ich selber bin meist einverstanden, denn es ist auch Teil des Festivalcharakters, dass man sich auf Neues einlässt. Im Unterschied zu den Konzerten, die man selber plant, muss man offen sein. Da ist natürlich auch ein gewisses Risiko beim Vortrag dabei, das alles beinhalten kann, von Sternstunde bis zu nicht ganz optimal. Repertoire und Musikerkonstellation, beides macht die Sache spannend.
Abschließend eine im Augenblick leider immer noch aktuelle Frage: Inwieweit waren Sie in den vergangenen eineinhalb Jahren in der Ausübung Ihrer Tätigkeit als Musiker und Künstler von der Corona-Pandemie betroffen?
Christian Poltéra: Grundsätzlich ist die Corona-Pandemie – ich glaube, da sind wir uns alle einig – eine Katastrophe für die Kultur im Allgemeinen. Und es ist auch etwas, was sich nicht so schnell reparieren lässt, ich bin da relativ negativ. Aber abgesehen davon, ist die Betroffenheit individuell sehr verschieden. Ich persönlich kann nicht klagen, weil ich ein zweites Standbein an der Hochschule habe und da zumindest zeitweise ein größeres Pensum annehmen konnte. Aber da bin ich kein Beispiel für die gesamte Musikerwelt, denn so eine Möglichkeit haben eben viele nicht.
Herr Poltéra, vielen Dank für das Interview.

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