»Wo kommen wir her, wo wollen wir hin?« 

Ein Kommunales Denkmalkonzept soll Kemptens historisch geprägte Bereiche städtebaulich schützen 

Karte der denkmalpflegerischen Interessen.
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Karte der denkmalpflegerischen Interessen.

Kempten – Zwar seien die Pläne für das ehemalige „Sparkassen-Quartier“ zwischen König- und Promenadestraße „mit ausschlaggebend“ gewesen, sagte Stadtheimatpfleger Tilmann Ritter gegenüber dem Kreisboten. Aber im Denkmalamt in München gebe es schon lange Bestrebungen, „die Siedlungsstruktur zu erforschen“. Bestrebungen, die jetzt Früchte tragen. So wurde im Bauausschuss vergangene Woche der Entwurf für ein Kommunales Denkmalkonzept (KDK) der Stadt Kempten vorgestellt, wenngleich zunächst nur für den Teilbereich um den Stadtpark. Damit sei es künftig möglich, die Denkmale in den noch historisch geprägten Bereichen vertieft zu behandeln, sie auf städtebaulicher Ebene wertzuschätzen und zu berücksichtigen, wie es hieß. 

Konkret handelt es sich dabei um eine umfassendere Analyse, Bewertung und Planungsebene der Denkmäler und Denkmalwerte in einer Kommune als in einer Denkmalliste aufgeführt wird. Durch abgestimmte kommunale Perspektiven, Handlungsempfehlungen und Leitlinien soll so für die mittelfristige Zukunft Planungssicherheit im Umgang mit Denkmälern und Denkmalwerten gewährleistet werden.

Um der Frage auf den Grund zu gehen, wie in Kempten mit der vielfältigen Denkmalsubstanz umgegangen werden soll, wurden die unterschiedlichen Ebenen von Bodendenkmälern anhand verschiedener Grundlagen kartiert. Sie soll möglichst fortgeschrieben werden durch die aktuelle Kartierung der Denkmalwerte sowie der aktuellen „Überformungen“ – sprich Neubebauungen – am historischen Ort.

Ziel der Untersuchung sind: Gegebenheiten des vorhandenen Gesamtbestandes eines Ensembles zu erkennen, Sanierungskonzepte aus der Substanz heraus zu entwickeln und kommunale Positionen zum Umgang mit den Denkmälern und ihren Werten bei Stadtsanierung und Stadtentwicklung zu erarbeiten. Ergänzend bietet das KDK für private und kommunale Planungen wichtige Informationen für die Grundlagenermittlung, u.a. für Planungs- und Architekturwettbewerbe. Als Schreckgespenst müssen Bauherren das KDK aber wohl dennoch nicht fürchten. Wie im Fachvortrag und der anschließenden Diskussion deutlich wurde, lässt es im Einzelfall reichlich (Ver-)Handlungsspielraum.

Laut Stadtplaner Martin Späth vom Münchner Planungsbüro „Heller-Späth“, der sich mit der Erforschung der Stadtentwicklung befasst hatte, waren vor allem vier Fragen von Interesse: 1. Was war? 2. Was ist passiert in der Planung, was hat sich verändert? 3. Was ist geblieben? 4. Wie gehen wir mit dem historischen Erbe um?

Dabei lege man Augenmerk u.a. auf Flurgrenzen und Gebäude. Späth zufolge beginnt die Stadtplanung Kemptens um 1900 sich kartographisch „zu manifestieren“, was sehr hilfreich für die Bauleitplanung sei. „Manche Gebäude sind nicht denkmalgeschützt, sind aber trotzdem bedeutend für die historische Baulinie“, große Areale bergen archäologische Flächen, „die sich zum Teil auch historisch überlagern“, so Späth.

Wie er erläuterte prägen den historischen Ortskern Kemptens trotz massiver Eingriffe in die historische Bausubstanz und städtebauliche Struktur seit 1958 noch zahlreiche Boden- und Baudenkmäler sowie die Ensembles ehemalige Reichs- und Stiftsstadt und Beethovenstraße. Dennoch sei die Grund- und Aufrissstruktur in ihrer Kleinteiligkeit und Differenzierung durch Neubauten und Verkehrsplanung bereits nachhaltig verändert.

Insbesondere der nordwestliche Übergang von der Reichsstadt in die Stiftsstadt – Promenade-/ Horchler-/Königstraße – würde diese Entwicklung fortsetzen.

Im Zuge der dort anstehenden Umplanungen und Neuentwicklung seien zumindest partiell auch Denkmalabbrüche angedacht. Auf der anderen Seite sieht Späth das historische Kempten hier anschaulich als „Nähebereich des Stifts und der Stiftskirche“, mit Resten der Stadtmauer oder auch wasser- durchzogenen Frei- und Grabenflächen sowie mit einer Reihe von Baudenkmälern bzw. Prüffällen.

Auch z.B. zwischen Klostersteige, Gerberstraße, Schlössle und Promenadestraße nannte Späth „weiße Flecken“, wo sich „einiges bewahrt hat“. Ganz entscheidend sei seines Erachtens, „dass sich die territorialen Verhältnisse“ von Stifts- und Reichsstadt städtebaulich nachweisen lassen. Auch Freiflächen wie der Stadtpark seien von Interesse.

Wichtig aus denkmalpflegerischer Sicht sei, bei einer Bebauung wie u.a. in der Promenadestraße die Kleinteiligkeit schon in Auslobungen und Wettbewerben zu berücksichtigen.

Auch das Gebäude Schwaigwiesschule hatte Späth im Visier. „Das Areal ist bebaubar“, meinte er. Es sei aber eine Frage der architektonischen Qualität und wie sich das neue Gebäude in die Anordnung der anderen Bauten in der Reihe einfüge.

Erwin Hagenmaier (CSU) wollte „die Handlungsempfehlung gerne aufgreifen“, wie z.B. die der Kleinteiligkeit beim „Sparkassen-Quartier“. Ein Problem sah er aber bei der Schwaigwiesschule, die aus Sicht des KDK erhalten bleiben sollte. Aber laut Beschluss „wird sie fallen“, betonte er. Deshalb seine Frage: „Gilt die Empfehlung nur für Dritte oder auch für uns selbst?“

Wie Späth ausführte, sei die Schwaigwiesschule „ortsbildprägend“ und werfe eine Reihe von Denkmalfragen auf. Der Bau habe „Historizität“ und müsste untersucht werden wie die Promenadestraße.

Oberbürgermeister Thomas Kiechle führte ins Feld, dass es bei der Schwaigwiesschule um „andere städtebauliche Ziele“ gehe als bei der Promenadestraße. Am Anfang seien die Maßstäbe natürlich „für alle gleich“, aber man müsse nicht überall zum gleichen Ergebnis kommen.

Aus Sicht des Stadtheimatpflegers ist „diese Grundlage für die Zukunft“ sehr begrüßenswert, „weil jetzt die Zusammenhänge dokumentiert werden“. Sein Wunsch wäre allerdings, dass es mindestens auf die gesamte Stifts- und Reichsstadt ausgedehnt wird. Das Sparkassen-Quartier sei der „Brennpunkt“ zwischen Stifts- und Reichsstadt und viele wüssten gar nicht, dass hier hinter einem Wall die ehemalige Stadtmauer verlaufe.

Den „Kontext“ der nicht denkmalgeschützten Schwaigwiesschule würde er jedenfalls gern berücksichtigt wissen, wenngleich ihm bewusst sei, dass es „sicher Einzelentscheidungen geben wird“. Auch die Frage, „wie gehen wir mit unseren Bausünden der 50er Jahre um“, stellt sich ihm; oder ob der 60er-Jahre-Bau der Sparkasse weg muss. „Man muss nicht immer tabula rasa machen.“ 

Gut findet Tilmann Ritter, dass inzwischen auch Außenanlagen verstärkt zum Thema werden und z.B. die Stadt Erlangen bereits eine Außengestaltungssatzung habe, die Kiesgärten nicht mehr erlaube. Für ihn seien die Fragen „wo kommen wir her, wo wollen wir hin?“ insgesamt ein spannendes Thema. 

Christine Tröger

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