Neunundneunzig Luftballons 

Ein neues Format bringt neue Einblicke in den Jazzfrühling 

Screenshot von Kinga Glyk bei ihrem Konzert im Stadttheater.
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Screenshot von Kinga Glyk bei ihrem Konzert im Stadttheater.

Kempten – Dieser erste Zwischenbericht über den diesjährigen Jazzfrühling soll mit einem großen Kompliment an die Macher des Jazzfrühlings beginnen. Dass trotz der widrigen Umstände, unter denen vor allem die Musikbranche seit über einem Jahr leidet, eine Woche lang per Internet übertragene Livemusik auf der Bühne des Stadttheaters aufgeführt wird, ist nur dem idealistischen Einsatz ehrenamtlicher Jazzliebhaberinnen und -liebhaber zu verdanken. Heraus kommt ein neues, sehr zeitgemäßes Format, das sich als pandemiebedingte Zwischenlösung sehen lassen kann. 

Der abgenutzte Pop-Hit der Artikel-Headline war am Dienstagabend eines der Songbeispiele der zweiköpfigen Gruppe Le Bang Bang, das zeigte, wie man mit großer Kreativität und musikalischem Können aus bestehendem Tonmaterial neuartige und eigenständige Interpretationen erschafft. Bei den zwei seit vielen Jahren zusammen auftretenden Künstlern ist es egal, ob sie Jazzstandards, Pop-Hits oder Eigenkompositionen vortragen, ihre beiden Instrumente, Stimme (Stefanie Bolz) und Kontrabass (Sven Faller), haben sie zu einem spannenden Zusammenspiel entwickelt, das aus jedem Stück ein musikalisches Kleinod formt. 

Mit federleichter Stimme bewegte sich Camille Bertault am gleichen Abend danach durch den Äther des Livestreams aus ihrer französischen Heimat Paris. So leicht, dass ihr Klang möglicherweise vom schnellen Vergessen verweht worden wäre, hätte sie nicht eine Begleitband mit gestandenen Musikern der französischen Jazzszene gehabt, die den Stücken mit spannenden Solos am Klavier und ständig neuen Rhythmusideen an den Drums den jazzigen Ritterschlag erteilten. Besonders Fady Farah am Klavier brachte auf diese Weise nachhaltigen Tiefgang in den Auftritt hinein. Nichtsdestotrotz war Camille Bertaults Gesang am überzeugendsten, als sie sich stimmungsvoll an der Gitarre selbst begleitete.

Zum Abschluss des Abends der Luftballon, der am höchsten stieg. Céline Rudolph, Berliner Jazzsängerin und welterfahrene Musikerin, die den Rhythmus aus den Ländern, in denen er in den verschiedensten Ausprägungen erfunden wird, zurück nach Deutschland gebracht hat, war mit ihren hervorragenden Sidemen Matthias Pichler am Bass und Ulf Kleiner an Klavier und Fender-Piano ins Stadttheater gekommen, um mit einer Mischung aus Scat, brasilianischem und französischem Gesang und stimmigem Gitarrenspiel ein fasziniertes Livestream-Publikum trotz der späten Stunde vor den Rechnern zu fesseln. 

Angesichts des breiten Spektrums, eben der neunundneunzig Luftballons an musikalischen Darbietungen allein in den ersten vier Tagen des diesjährigen Jazzfrühlings, stellte sich wieder einmal die Frage, was Jazz eigentlich ausmacht. Auch wenn aktuell ein gewisser Druck in der Musikwelt spürbar ist, den Jazzbegriff ins Beliebige auszuweiten, kann man trotzdem statuieren, dass weiterhin die kunstvolle Betonung der rhythmischen Seite von Musik und ein wie immer gearteter Freiraum für improvisatorische Ausflüge, die sich aus dem Augenblick des Zusammenspiels ergeben, essentielle Bestandteile von Jazz darstellen. Hinzukommt die Erweiterung des klassischen Instrumentariums durch innovative Besetzungen und Spielweisen. All dies war in den ersten vier Tagen des Jazzfrühlings hörbar. 

Den Anfang des Festivals hatten am Samstagabend „Poly Radiation“ gemacht, eine junge und moderne Bigband, die vor einigen Jahren aus dem Dunstkreis des Bayerischen Landesjugendjazzorchesters entstanden ist. Nach etwas Warmwerden bei den ersten Stücken steigerten die jungen Musiker zusammen mit ihrem Sänger Victor Rodriguez rasch die Intensität ihres Zusammenspiels. In der zweiten Hälfte des Programms zelebrierte die Band unter der Überschrift Weltraum und Spacesound eine halbstündige Klangreise mit starker Sogwirkung. Das „Sun Ra Arkestra“ ließ zwar nicht stilistisch, aber doch programmatisch grüßen und der Sänger begleitete die Reise mit vocoder-ähnlichen Wortfetzen durch ein Megaphon. Das hatte etwas Anarchisch-Abgefahrenes und machte großen Zuhörspaß.

Danach ein polnisches Mädchenwunder. Die erst 22-jährige Kinga Glyk hat bereits in jungen Jahren alle Erfindungen ihres großen Vorbilds Jaco Pastorius verinnerlicht und spielt von drei Seiten eingerahmt durch ihre mit allen Wassern gewaschenen Begleitmusiker. Mit den teilweise kurzen und lyrischen Stücken der zweiten Hälfte bringt die Bassistin bereits ureigene Ideen, die ihr den Weg weg von großen Vorbildern in die Zukunft ihres persönlichen Jazzuniversums weisen.  

Am Sonntagabend waren die Luftballons zwar genauso bunt wie am Vorabend, stiegen aber nicht ganz so hoch. Die drei Sängerinnen von „Morley“ mussten sich am Ende ihres Auftritts fragen lassen, welche Idee hinter dem dreistimmigen Harmoniegesang stecken sollte, der zwar gesanglich perfekt, aber letztlich ohne Spannungskurve durch den gesamten Vortrag gezogen wurde. Lydia Schiller, die Lokalmatadorin unter den drei Sängerinnen, übertraf in ihren Solonummern nicht zuletzt durch ihre größere Musikalität an der Gitarre oder Ukulele das Niveau der gemeinsam vorgetragenen Stücke. Auch der folgende Jan Luley erzeugte trotz seines professionell moderierten Programms keine größere musikalische Spannung. Hat er es sich doch zur Aufgabe gemacht, möglichst authentisch und ohne zeitgemäße Zutaten die ganz alte Jazzmusik aufzuführen. Das machte er zwar virtuos, konnte aber trotzdem nicht der Formelhaftigkeit dieser Musik entfliehen. 

Am Montag betrat zunächst ein Solokünstler die Bühne des Stadttheaters, die liebevoll nach Art eines Wohnzimmers früherer Zeiten ausstaffiert worden war. Dan Popek nahm aber nicht auf den Ohrensesseln Platz, sondern am schönsten Platz für Klavierspieler, dem Steinway Flügel. Wieder so ein Tastenwunderknabe, der anscheinend seit frühester Kindheit nicht mehr vom Klavier wegzubekommen war und entsprechend technisch frappierend spielt. Berührungsängste zwischen den musikalischen Welten kennt er keine, allerdings möchte man ihm raten, irgendwann vom Rausch seiner eigenen Virtuosität, die er wie eine Monstranz vor sich herträgt, herunterzukommen und zu beginnen, eigene Ideen zu spielen. Aber er hat ja noch alle Zeit der Welt. Vor noch nicht allzu langer Zeit auch noch in dieser jugendlichen Findungsphase (z.B. beim Jazzfrühlingswettbewerb vor drei Jahren), haben sich die drei Musiker von LTB mittlerweile selbst in die Mitte des aktuell angesagten Jazzgeschehens katapultiert. Dabei ist ihr Markenzeichen die von ihnen erfundene und mitreißend dargebotene Mischung von Jazz und Techno. Dass ihnen aber der ganze Kosmos an vielen weiteren Erfindungen und Entwicklungen offensteht, beweisen sie mit ihrem ersten Set am Montagabend, der die Ausdrucksfähigkeit von Leo Betzl am Klavier, den harmonischen Erfindungsreichtum von Maximilian Hirning am Kontrabass und die rhythmische Komplexität von Sebastian Wolfgruber am Schlagzeug eindrucksvoll unter Beweis stellt. 

Jürgen Kus

Weitere Termine

• Donnerstag, 29. April, : · 18 Uhr Organ Explosion/Stadttheater · 20 Uhr drei Jazzbands der Musikschule/Sing- und Musikschule

• Freitag, 30. April, jazzNacht: · 19 Uhr Soultrouble/Stadttheater · ca. 20 Uhr Hackberry/ Stadttheater · ca. 21 Uhr Tom Hauser/Stadttheater · ca. 22 Uhr King Lui and the Jazzmop/ Stadttheater · ca. 23 Uhr Anton Dirnberger & Daniel Noske/ Stadttheater

• Samstag, 1. Mai: · 18 Uhr Abi Wallenstein & Henry Heggen/Stadttheater (Bluescafé) · 20 Uhr Bill Frisell Trio/Live aus New York · 22 Uhr Knights of Caesar/Stadttheater

Stand: 25.4.2021 – Änderungen vorbehalten.

Der Stream findet sich hier.
Mehr zum Programm hier.

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