"Ein sehr schöner Fund"

Die Besonderheit der schwach erkennbaren Streifen in Holzverkleidungen von Innenräumen des Beginenhauses (siehe roter Pfeil) ließ sich Birgit Kata von den beiden Holzrestauratoren Ralf Buchholz (links) und Helge Bartsch erklären. Foto: Tröger

Da staunte selbst die Kemptener Historikerin Birgit Kata, Vorsitzende des Fördervereins Beginenhaus, nicht schlecht: Gesehen habe sie die schwachen, quer zur Holzmaserung verlaufenden Linien, beziehungsweise Streifen, auf der Holzverkleidung an Decken und Wänden zwar schon. Aber „ich wusste nicht, dass es etwas besonderes ist“. Darauf aufmerksam geworden war der Historiker und Holzrestaurator Helge Bartsch, als er kürzlich Fotos einer früheren Untersuchung des Beginenhauses angesehen hatte.

Da er sich zusammen mit seinem Berufskollegen Ralf Buchholz, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FH Hildesheim für Restauration, schon seit längerem mit diesem bislang unerforschten Phänomen aus gotischer Zeit befasst, vereinbarte er prompt einen Termin vor Ort. Mit wachsender Begeisterung machten sich beide vergangene Woche ein erstes Bild von dem „sehr schönen Fund“, der in die Facharbeit für einen nahenden Fachkongress für Restauratoren einfließen soll. An zwei Orten des Hauses waren die Streifmuster sichtbar: Im jeweils zweiten Obergeschoss des Haupthauses sowie des Nonnenturms. Beide seien laut Kata in der Renaissancezeit – genauer in den Jahren 1584 bis 1586 – ausgestattet worden, was Anlass zu Spekulationen gab. Denn, wie Bartsch erläuterte, seien diese Streifen eigentlich ab circa 1500 „out“ gewesen. „Bis dahin findet man sie massenweise, dann sind sie plötzlich verschwunden“. Bislang habe er an das Jonasschlössle in Götzis als das „einzige so junge Beispiel“ geglaubt. Die Streifen, erklärte Bartsch weiter, seien nie geritzt worden, sondern mit einem „gezähnten Eisen, das in der Stirnfläche abgerundet ist“ entstanden. „Damit kann ich weich ziehen“, sodass eine leichte Maserung entstehe, deutete er auf ein Beispiel an der Decke. Damals sei es noch nicht möglich gewesen, Holz mit Firnis oder Schellack zu verschönern, fügte Buchholz an, der nach eigenem Bekunden vor rund 20 Jahren den vermutlich bislang einzigen Fachaufsatz zum Thema verfasst hat. „Ich werde noch heute von Kollegen angeschrieben“, die seither aufmerksamer mit diesen Streifen umgingen. Leider sei aus Unwissenheit aber schon viel potentielles Forschungsmaterial vernichtet worden, bedauerte er. Bemerkenswert fand er die Tatsache, dass die akkuraten Streifen „niemals an einem Anschlag, sondern immer frei Hand geführt wurden“. Bartsch erinnerte sich an ein Beispiel, das statt der parallel laufenden Streifen Andreaskreuze im Wechsel mit Streifen hatte und auch an ein „sehr selten“ zu findendes mit Schlangenlinien. Letztere fänden sich, so Buchholz, „nur auf Möbeln“, während die gestreifte Zierart auf allen möglichen Holzarbeiten von der Kirchenbank bis zur Wandverkleidung vorkämen. Was es mit diesen Streifen auf sich hat, warum sie gemacht wurden und wozu, das konnten die Experten allerdings nicht sagen. Das sei, nicht zuletzt wegen mangelnder Literatur, ein Mosaikspiel, das irgendwann ein Bild ergebe. Kata regte an, dass es sich dabei um eine „Aufwertung des Holzes“ durch die entstehende Lichtbrechung handeln könnte. „Auf jeden Fall ein Schmuckstück“, tendierte Bartsch in ähnliche Richtung. „Wir können uns das heute als ästhetischen Schmuck vielleicht nur nicht vorstellen“, meinte auch Buchholz. Ob noch mehr dahinter steckt, beispielsweise ein mystischer Hintergrund, wird wohl noch eine Weile im Verborgenen bleiben. Dem Beginenhaus attestierte Bartsch zum Abschluss noch, dass es „sehr sehr spannend und sehr sehr schön von der Ausstattung her“ sei und kündigte gleich einen weiteren Besuch an: Dann will er Streiflichtaufnahmen machen, um genauere Untersuchungen anstellen zu können.

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