"Ein ständiges Ringen um Solidarität"

Beim "Bewegten Donnerstag" im Kempten-Museum diskutieren sechs Frauen aus ihrer persönlichen Sicht zum Thema Feminismus

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Wo ist die Frauenbewegung heute? Was wurde schon erreicht und wo geht die Reise hin? Über diese Fragen diskutierten sechs Frauen aus verschiedenen Generationen von 20+ bis 70+ im Zumsteinhaus beim „Bewegten Donnerstag“. 

Kempten – „Die Entwicklung des Feminismus geht wahnsinnig langsam. Das war schon immer so: Ein mühsames Ringen. Mal geht es zwei Schritte vor, dann wieder einen zurück. Aber wir müssen auch all die Schritte sehen, die schon gegangen wurden“, machte Marianne Krug, ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Kempten bei der Podiumsdiskussion der sechs Frauengenerationen im Zumsteinhaus deutlich. Die Veranstaltungsreihe „Bewegter Donnerstag“ stand dieses Mal unter dem Motto „Feminismus – ein Gespräch zwischen Generationen“ und hatte zur Freude von Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn erneut für „einen ausverkauften Saal“ gesorgt. Unter den mehr als 50 Anwesenden fanden sich auch eine Handvoll Männer.

Was bedeutet Feminismus eigentlich? Und wie hat er sich in den letzten Jahrzehnten aus Sicht der verschiedenen Frauengenerationen entwickelt? Katharina Simon, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Kempten und als Vertreterin der Generation 30+ vor Ort, skizzierte als Moderatorin gleich zu Beginn der Diskussion die Entwicklungsgeschichte der Frauenbewegung. „Es gab schon immer verschiedene Wellen. Das Wahlrecht für uns Frauen musste lange erkämpft werden. Bis 1976 durften wir nur arbeiten, wenn es der Ehemann vorher erlaubt hatte. Und besonders in den 1980ger Jahren hat sich speziell in Kempten in Sachen Frauenbewegung einiges getan. Das Frauenhaus und die Frauenliste wurden gegründet.“

Ziel sei damals gewesen, Frauenthemen verstärkt in die Politik und den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. „Was mir sehr gefallen hat, war die Auslobung des „Goldenen Apfels“ als Ehrung für starke Kemptener Frauen. Inge Nimz, Inge Waidelich oder Eva Müller, um nur ein paar zu nennen. Mittlerweile haben wir überall auch weibliche Straßenbezeichnungen. So etwas gab es früher schlichtweg nicht. Da hat sich so manches getan. Allerdings gibt es in Deutschland bis heute noch keine einzige Universität, die nach einer Frau benannt ist. Es gibt also noch einiges zu tun“, so die ehemalige Vorsitzende der Kemptener Frauenliste.

Führungspositionen: Immer noch Wunschdenken

Laut der Statistik sind 46,5 Prozent (2017) aller Frauen berufstätig. Allerdings ist nur jede dritte Führungsposition mit einer Frau besetzt. „Wir haben eine gut ausgebildete Frauengeneration, aber ganz oben kommen sie nicht an. Woran liegt das?“, fragte Babl die Diskussionsteilnehmerinnen.

Müller-Horn (40+) sprach aus eigener Erfahrung: „Ich sehe es in meinem Bereich. Solange es kleinere Häuser sind, sind Frauen in Führungspositionen stark. Solange es schön klein bleibt, ist alles okay. Aber in größeren Häusern und Einrichtungen gibt es an der Spitze nur noch Männer.“

Im Bereich der sozialen Arbeit sei es ähnlich, so Katharina Simon. „Im Studium haben wir viele Frauen, aber in der Leitungsebene dann nur noch Männer. Eine umgekehrte Pyramide.“ Dr. Julia König (20+) beschrieb ihre bisherigen Erfahrungen als jüngste Vertreterin des weiblichen Geschlechts an diesem Abend. Die Wahlallgäuerin ist promovierte Mathematikerin und als Gründerin eines Software-Unternehmens in einer Männerdomäne tätig: „In meiner Branche gibt es von Haus aus weniger Frauen. Dabei waren Software und IT früher klassische Frauenthemen. Das vergisst man immer. Die erste Entwicklerin war eine Frau und wenn ich an die Datenanalyse der Mondlandung bei der NASA denke, ähnlich. Das waren alles Frauen. Softwareentwicklung galt lange Zeit als Frauenberuf. Erst in den 1990ger Jahren wurde der Bereich IT plötzlich zu einem Männerthema. Warum das so ist, darauf bin ich bis heute nicht gekommen. Immerhin haben wir bei SAP jetzt mit Jennifer Morgan erstmals eine Frau an der Spitze eines Softwarekonzerns, wenn auch nur in einer Doppelspitze.“

Kind als Karrierekiller? 

Birke (60+) sah ein großes Problem in der Tatsache begründet, dass sich „Frauen viel zu viel selbst hinterfragen“. Gerade, wenn es im zweiten Schritt um Familie und die Vereinbarkeit mit dem eigenen Beruf gehe. „Schaffe ich das dann überhaupt? Kann ich das? Solche Fragen kommen mir immer wieder unter, wenn ich versuche, Kolleginnen zu motivieren, sich auf höhere Stellen zu bewerben“, verriet die 62-jährige gebürtige Kemptenerin. Für die Gleichstellungsbeauftragte Katharina Simon, selbst Mutter einer fünfjährigen Tochter, könne ein Kind durchaus „ein Karrierekiller“ sein. „Vorher denken alle Paare immer, wir reduzieren beide. 50:50. Kein Thema. Aber die Realität anschließend schaut erheblich anders aus. Das zeigen die Zahlen eindeutig. Nur zwei Prozent schaffen es in Deutschland am Ende wirklich. Eine 32-Stunden Woche für beide ist überhaupt noch nicht Usus.“ Auch sie selbst habe hart mit ihrem eigenen Mann verhandeln müssen, und nachdem sie nach acht Monaten wieder in ihren Beruf eingestiegen sei, damals in Stuttgart, sei sie ständig gefragt worden, wo ihr Kind sei. Im Gegensatz dazu habe sich aber auch ihr Mann rechtfertigen müssen, als er zu Hause geblieben sei.

In einem waren sich alle Frauen einig. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehe nur mit der Unterstützung der Partner bzw. Ehemänner. „Meine Vollzeitstelle ist nur möglich, weil ich die uneingeschränkte Unterstützung meines Mannes habe. Er hat inzwischen sogar Stunden reduziert“, schilderte die Leiterin des Kempten-Museums Müller-Horn ihre eigenen Erfahrungen als Frau in einer Führungsposition. 

Hitzige Diskussion zum Abschluss

Beim Stichwort Frauenquote sprachen sich alle sechs Frauen der verschiedenen Generationen übereinstimmend für ein deutliches „Ja klar!“ aus. Katharina Babl machte in diesem Zusammenhang ihrem Unmut Luft: „Bei einer aktuellen Studie, die ich gelesen habe, da hat sich die Mehrheit junger Frauen gegen die Einführung einer Frauenquote ausgesprochen. Das kann ich null verstehen und das macht mich unfassbar wütend.“ Auch für König, als Vertreterin der Generation 20+, nicht nachvollziehbar. Sie habe sich in Vorbereitung auf die Veranstaltung, gezielt YouTube-Videos junger Frauen zum Thema Feminismus angeschaut. „Das ist gruselig, was ich da sehen musste“, so die promovierte Mathematikerin. Es gebe eine zunehmende Antifeminismus-Bewegung bei jungen Frauen, konnte auch Simon (30+) bestätigen. „Wir wollen nicht die Quotenfrauen sein. Das höre ich immer wieder.“ 

Bei der offenen Fragerunde am Ende der Veranstaltung kochten die Gemüter noch einmal hoch. Ein Mann aus dem Publikum berichtete, dass er „saufroh“ gewesen sei, dass seine Mama zu Hause geblieben ist und er kein Schlüsselkind war wie viel andere. Dass Frauen zu Hause blieben, sei doch auch „etwas Schönes und Wertvolles“, warf er ein. „Mit acht Monaten die Kinder schon in die Krippe geben, muss das wirklich sein?“, so seine kritische Bemerkung. „Da geht mir echt die Galle hoch, wenn ich so was höre“, konterte Babl (50+). Das sei genau das Frauenbild und eine Einstellung, die von vorgestern sei. Eine andere Teilnehmerin merkte kritisch an: „Wir haben hier immer nur auf dem Niveau von Akademikerinnen gesprochen. Was ist mit den Frauen, die es sich gar nicht leisten können, zu Hause zu bleiben? Oder allein erziehende Mütter? Das kam mir bei der ganzen Diskussion etwas zu kurz.“ 

Marianne Krug machte als Älteste der Runde daraufhin noch einmal deutlich: „Es wird in Zukunft auch andere Lebensmodelle geben. Viele Frauen tun sich Familie heutzutage nicht mehr an und entscheiden sich gegen das herkömmliche Modell. Aber auch das muss möglich sein. Ich sehe ein großes Problem darin, dass die Trennung zwischen Frauen und Müttern wiederkehrt. Da gibt es viel Unverständnis untereinander. Das ist schade. Jeder sollte den Weg wählen, den er persönlich für richtig hält. Feminismus ist ein ständiges Ringen um Solidarität. Das hört nie auf“, so die Sozialwissenschaftlerin abschließend.

Kathrin Dorsch

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