Eltern erheben die Stimme für ihre Kinder

Ein »Stilles Zeichen« flattert in der Gemeinde Buchenberg im Wind

Die Kinder Antonia (6 Jahre) und Kilian (4 Jahre) bringen mit Ihren Müttern Jana Autor (re.) und
Tabea Rist (mi.) sowie Oma Ingrid Autor (li.) bunte Fähnchen, versehen mit Wünschen und Hoffnungen in der Pandemie, an der Kastanie gegenüber dem Buchenberger Rathaus an.
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Die Kinder Antonia (6 Jahre) und Kilian (4 Jahre) bringen mit Ihren Müttern Jana Autor (re.) und Tabea Rist (mi.) sowie Oma Ingrid Autor (li.) bunte Fähnchen, versehen mit Wünschen und Hoffnungen in der Pandemie, an der Kastanie gegenüber dem Buchenberger Rathaus an.

Buchenberg – Bunte kleine Fähnchen, angebracht an einer Kastanie vor dem Rathaus in der Gemeinde Buchenberg, flattern im winterlichen Schneege-stöber. Angelehnt an tibetische Gebetsfahnen sollen Wünsche und Hoffnungen von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie, metaphorisch gesprochen vom Wind hinausgetragen werden und so Gesellschaft und Politik wachrütteln, erklärte Jana Autor, Mitorganisatorin der Aktion „Stilles Zeichen“ und Mutter von zwei Kindern. „Wir wollen mit einem stillen Zeichen unseren Kindern und Jugendlichen endlich eine Stimme und ein Gesicht in dieser Pandemie geben.“

Für Kinder und Jugendliche sei es seit Ausbruch von Corona besonders schwierig. Sie müssten alle Einschränkungen mittragen und ihre Bedürfnisse blieben teilweise unberücksichtigt. Die jungen Menschen würden sehr unter der aktuellen Situation leiden, auch in Buchenberg, erklärte Autor. Seit einem Jahr habe sich der Alltag für viele Kinder und Jugendliche gravierend verändert. Kinderkrippen und Kindergärten bieten oftmals nur noch eine Notbetreuung an und an den Schulen gebe es Wechsel- und Distanzunterricht. Die Natur ringsherum biete zwar Freizeitmöglichkeiten und Abwechslung an der frischen Luft. Doch es fehlten wichtige Dinge, die für die seelische und psychische Gesundheit von großer Bedeutung seien, so die Aktivistin. „Soziale Kontakte zu FreundInnen, Großeltern und LehrerInnen, die durch die Corona-Maßnahmen erheblich beschränkt werden.“

Die Spielplätze und Sportvereine seien geschlossen. Es fänden keine Straßenmärkte oder Feste mehr statt. Und auch zu Kindergeburtstagen sowie Kindergottesdiensten werde nicht mehr eingeladen. Ein unbeschwertes Aufeinanderzugehen sei mit den verordneten Maßnahmen nicht mehr möglich, erklärte betrübt Jana Autor. „Die daraus resultierenden psychischen Schäden werden viel zu wenig beachtet“, findet die Mutter.

In umfassenden wissenschaftlichen Untersuchungen, wie der COPSY-Studie – „Corona und Psyche“ haben Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf die Auswirkungen der COVID-19-Maßnahmen auf die psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen untersucht. Lebensqualität und psychisches Wohlbefinden haben sich seit Ausbruch der Epidemie deutlich verringert. So leide fast jedes dritte Kind im Verlauf der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Es treten vermehrt psychische und psychosomatische Beschwerden und depressive Symptome auf. Zudem ernähren sich die jungen Menschen während der Pandemie mit vielen Süßigkeiten und machen keinen Sport, fanden die Wissenschaftler heraus. Auch gebe es mehr Streit in den Familien und vermehrt schulische Probleme. Besonders betroffen seien Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund. Fehlende regelmäßige Kontakte, fehlende Netzwerke, geschlossene Bildungseinrichtungen und fehlende informelle Lebens- und Lernräume befeuern diese negative Entwicklung. Die Studie verdeutliche, wie wichtig es sei, die seelischen Belastungen und Bedürfnisse von Familien und Kindern während der Pandemie und während eines Lockdowns stärker zu berücksichtigen, erklärte Autor. Daneben zeige sich, so die Ausführungen in der Studie, dass Kinder und Jugendliche aus Familien mit einem guten Zusammenhalt besser mit den Belastungen in der Corona-Pandemie umgehen könnten.

„Nach einem Jahr Pandemie ist auch bei uns Eltern die Puste raus“, betonte Autor. Die Perspektive der Familie müsse miteinbezogen werden. Doch es gehe immer nur um die großen Wirtschaftsunternehmen, für die Eltern im Homeoffice interessiere sich niemand. Sie wünsche sich konkrete Lösungen und eine differenzierte Betrachtung. „Für Kinder und Jugendliche sind Kindergarten und Schule systemrelevant“, erklärte die Mutter. Es sei für die Kinder wichtig, regelmäßigen Kontakt zu anderen jungen Menschen zu halten und dadurch Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu bekommen.

Das Öffnungs- und Schließgeschehen in KiTas, Kindertagespflegestellen und Schulen gehe mit einer großen Ungewissheit und Belastung einher, ergänzte Tabea Rist, Mitorganisatorin und Lehrerin. Nach den Osterferien müssen Schülerinnen und Schüler einen negativen Coronatest vorlegen, um am Präsenzunterricht teilnehmen zu können, erklärte Rist. „Die Kinder sollen sich das Stäbchen in die Nase schieben, in der Schule unter Aufsicht einer Person, zu der sie keinen Bezug haben.“ Eine Durchführung der Selbsttests zu Hause sei nicht möglich. „Ich kann das nicht nachvollziehen“, äußerte sich die Lehrerin betroffen, „schließlich sind die Eltern fürsorgeberechtigt“.

Die Buchenberger Familien, die auch von Toni Barth, Bürgermeister der Gemeinde Buchenberg, und Antje Piekenbrock, Familienbeauftragte Landkreis Oberallgäu, unterstützt werden, fordern die Perspektive junger Menschen bei den Corona-Maßnahmen zu berücksichtigen. „Wir sind keine Querdenker und grenzen uns entschieden von allen antisemitischen, rechts- und linksradikalen, verschwörungstheoretischen sowie radikalen politischen Strömungen ab. Wir brauchen differenzierte, ganzheitliche und kreative Angebote für unsere Kinder und Jugendlichen, um gut durch die Corona-Epidemie zu kommen“, betonten Rist und Autor. 

Kreative Vorschläge, angefangen bei Aufenthalten und Tätigkeiten im Freien, wie beispielsweise die Schaffung von Außen-, Wald- und Spielgruppen, über niedrigschwellige Möglichkeiten für Körper, Geist und Seele, etwa ein Sorgentelefon oder Kinderyoga im Freien, bis hin zu sogenannten Pool-Tests – „Spuck- und Gurgeltests“ für Kindergartenkinder und GrundschülerInnen könnten sich die Aktivistinnen vorstellen. Während des Aktionszeitraums von zwei Wochen können die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern Plakate oder Fahnen mit Ängsten, Wünschen, Hoffnungen und Gefühlen gestalten, die sie an der Kastanie aufhän gen oder auch niedergelegen können. Aus den Kunstwerken soll am Ende der Aktion ein Mandala entstehen. Start der Aktion „Stilles Zeichen“ war der 31. März 2021.

Christine Reder

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