"Ein wenig mehr Mitmenschlichkeit"

Die Geschichte des Roten Kreuzes begann auf den Schlachtfeldern von Solferino, Hilfe für die Betroffenen von Kriegen und anderen Katastrophen stand fortan auf der Agenda der Hilfsorganisation. Doch auch im Kleinen beginnt es längst im sozialen Gefüge zu knirschen. Eine Einrichtung wie die Kemptenere Wärmestube hat ihren Namen über die Jahrzehnte behalten. Doch heute ist sie längst nicht mehr nur der Hort eines warmen Ofens, an dem sich in bitterkalten Wintertagen durchfrorene Körper von Bedürftigen wärmen – Wärme braucht auch die menschliche Seele.

Seit die Wärmestube einen festen Platz im Kemptener Rettungs- und Sozialzentrum fand, gewann sie binnen kurzem eine neue Bedeutung als Treffpunkt von Verlierern der sogenannten Wohlstandsgesellschaft. Einer Gesellschaft, die offenbar nicht mehr die Kraft hat, an diesem Wohlstand alle teilhaben zu lassen, da sie einer globalisierten Welt mit ihrer Spreizung der Einkommensverteilung machtlos gegenübersteht. Die Gegenreaktion in der Gesellschaft besteht in der Ausweitung der Vielzahl kleiner, oft abgeschotteter Welten. Eine von ihnen findet sich in der Wärmestube wieder. Allein mittags treffen sich hier täglich etwa 50 Menschen – Alleinstehende, Senioren, Einsame oder nicht sesshafte Personen, die das Angebot eines günstigen Mittagessens ebenso annehmen, wie ein paar Stunden sozialer Kontakte zu Gleichgesinnten. Ab und an gibt es einen Höhepunkt in der immer gleichen Abfolge der Tage. Dann, wenn etwa Landfrauen hier Rezepte vorstellen, wie mit wenig Geld ein vollwertiges Essen gekocht werden kann. Oder wenn ein Gastwirt in den besinnlichen Tagen vor Weihnachten beschließt, ein wenig von dem, was er mehr hat, abzugeben. Und ein Busunternehmer spontan seine Unterstützung zusagt. Auch Wärmestubenleiter Burkhard Fließ betritt Neuland, denn in den 15 Jahren seiner Tätigkeit für das Rote Kreuz Oberallgäu koordiniert er jetzt erstmals einen Busausflug der Wärmestubenbesucher. Der führte nach Oberzollhaus, wo Gastwirt Karl Gupper die „Schnitzelwelt“ betreibt. Am Ruhetag öffnet er exklusiv für die Gäste der Wärmestube, die wie ganz normale Ausflügler mit dem Bus vorgefahren kommen. In Küche und Gastraum werkelt die ganze Familie, Tochter Katrin Lipp und Sohn Carsten Gupper helfen beim Service aus, während in der Küche Mutter Ingrid die letzten Schnitzel vorbereitet. Busunternehmer Hubert Schattmeier sitzt nicht nur selbst am Steuer seines Busses, er beweist weiteres Talent, als er unermüdlich Teller für Teller seiner 37 Reisenden mit Pommes belädt. Für Burkhard Fließ war der Ausflug eine weitere Erfahrung, dass es nicht immer, wie etwa dem heiligen St. Martin nachgesagt, das Teilen des ganzen Mantels mit den Frierenden sein muss. „Ein wenig mehr an Mitmenschlichkeit, und manch frierende Seele könnte selbst an eisigen Wintertagen einen Hauch menschlicher Wärme verspüren.“

Auch interessant

Meistgelesen

Feiern verbindet
Feiern verbindet
Bezirksmusikfest in Probstried
Bezirksmusikfest in Probstried
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Schüler zeigen Einsatz
Schüler zeigen Einsatz

Kommentare