Einblicke in eine andere Welt

Autist Axel Brauns sagt über sich - "ich bin ein schwerer Fall"

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Gebärdendolmetscherinnen Ute Fieger und Alicia Rand übersetzten die Schilderungen des Autisten Axel Brauns.

Kempten – „Buntschatten und Fledermäuse“ heißt das Buch von Axel Brauns, in dem dieser sein Leben in einer anderen Welt beschreibt. „Sie haben einen Autisten hier und zwar nicht einen von den leichten Fällen, sondern ich bin ein schwerer Fall“, sagte Brauns zu Beginn der Veranstaltung von sich selbst.

Ob er Lampenfieber verspüre, wurde er im Vorfeld seines Auftritts im Saal des Pfarrzentrums St. Lorenz gefragt. Das besondere sei aber, so Brauns, dass er kein Lampenfieber habe, weil er „eigentlich gar nicht weiß, was das ist“. Das habe auch einen Grund, erfuhren die Zuhörer: „Denn Sie sind seltsame Objekte.“ Brauns, vor 55 Jahren in Hamburg geboren, hat Abitur, zwei abgebrochene Studiengänge, ist gelernter Steuerfachgehilfe und mittlerweile als Schriftsteller, Filmemacher und Vortragskünstler erfolgreich unterwegs.

Er ist Asperger-Autist. Menschen mit dem Asperger-Syndrom finden den Umgang mit anderen Personen und den Aufbau von Beziehungen schwierig. Sie verfügen jedoch über gute sprachliche Fähigkeiten, was bei Brauns hundertprozentig zutrifft. Grundfalsch ist es, Brauns als jemanden anzusehen, der an Autismus leidet, er ist Autist. Wer leide, muss ärztlich behandelt werden, was bei ihm definitiv nicht der Fall sei, stellte er klar. „Axel war dumm, ich gehörte zu den Trotteln“, so Brauns über seine Anfangsjahre.

Er las aus seinem autobiografischen Werk, in dem er u.a. seine ersten Eindrücke und Erfahrungen mit der Schule festhielt. Er habe sich vor 20 Jahren vorgenommen, nur an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn er so gut ist, dass niemand mehr im Publikum anfängt zu tuscheln, weil man bemerkt, dass er Autist ist. ES Ist ihm gelungen.

Nach seinen Aussagen befand er sich bei seiner Einschulung auf Sonderschulniveau, wurde von seinen Eltern dennoch auf eine „normale“ Schule gebracht. Das Werk beschreibt die Lebensjahre des gebürtigen Hamburgers bis kurz nach dem Abitur, dessen Autismus im Alter von zwei Jahren stark durchbrach. Ab da verstummte er, deutete nur noch mit den Armen und konnte kaum Gesichter wahrnehmen, sondern Menschen nur noch an Bewegungen erkennen. Erst ein Jahr später hörte er wieder aus dem Lärm Klang und Bedeutung heraus. Herausfordernd für alle waren seine ersten Tage an der Schule, zumal zum damaligen Zeitpunkt – 1969 – Autismus fast unbekannt war.

Es ist nicht ganz leicht, sich in die Denkweise des Autors, der seine Mutter Haha, seinen Vater Dachs und seinen Bruder Heimer nennt, hineinzuversetzen. Was hat es eigentlich mit Buntschatten und Fledermäusen auf sich? Buntschatten sind für den Autor bekannte und gute Menschen, die er verstehen kann. Fledermäuse sind für ihn Personen, die ihm nicht gut gesinnt sind und so schnell agieren, dass er sich von ihnen gestört fühlt. Man lauscht fasziniert, wie er im Buch davon erzählt, dass von seinem Vater nur ein „Lärmchen“ ankam, denn er konnte es kaum hören, als dieser ihm die Frage nach seinem Beruf beantwortete. Sein Vater war übrigens Journalist, seine Mutter kreierte Kreuzworträtsel und wurde bald von dem begabten Sohn beim Erstellen unterstützt. Der Schulbeginn war für Axel eine Offenbarung, denn zu seiner Freude befand sich im Klassenzimmer kein Spielplatz, die Fledermauskinder saßen artig auf ihren Stühlen und durften sich nur melden, wenn sie etwas wussten. Die geduldige Lehrerin schaffte es doch noch nach vielen Versuchen, dass auch er auf ihre Frage etwas preisgab. Allerdings sprach er zu leise und war nicht zu verstehen.

In dem Werk ist auch von der für Asperger-Autisten typischen Echolalie, dem Nachsprechen von Wörtern – Schultüte – Schultüte – Schultüte die Rede. Amüsant die Episode, wo Brauns die Bestrafung durch seine Mutter für das Stibitzen von Keksen schildert. Im Gegensatz zu seinem Bruder der lauthals schrie, als die Hand der Mutter immer wieder den Hosenboden traf, kamen die Schläge bei Axel nicht an, sodass die Mutter verwundert abließ und fragte: „Warum schreist du nicht, warum heulst du nicht?“ Er wusste nicht, was sie meinte und sagte auf gut Glück „Entschuldigung“. Und dann nochmals: „Entschuldigung, dass ich mich entschuldige.“ „Buntschatten und Fledermäuse“ ist sicher kein Buch, das man locker nebenher lesen kann. Man muss sich erst Brauns Schreibstil annähern. Er verwendet viele Wortschöpfungen und macht Sprünge. Die Ich-Erzählung enthält nachdenkenswerte, aber auch skurrile Momente. Dennoch - die Lektüre ist bereichernd.

Brauns hat große Pläne. Ähnlich den Konzepten „Dialog im Stillen“ oder „Dialog im Dunkeln“ möchte er ein Modell auf die Beine stellen, in das Autisten eintauchen können. Er hat vor, eine größere Wohngemeinschaft, in dem der Anteil von Autisten Richtung ZEHN Prozent geht, einzurichten und er will einen Film drehen. Er erzählte ohne Scheu von einem zunächst gescheiterten Flirtversuch und dass ihn auch Rückschläge nicht entmutigen. „Eltern von Autisten müssen damit rechnen, dass ihre Kinder allein bleiben. Aber ich nicht“, betonte der Autor. Die Autorenlesung, vom Behindertenbeirat der Stadt Kempten initiiert, fand im Rahmen der Tage der seelischen Gesundheit statt.

Hildegard Ulsperger

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