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Eine Analyse des Pflegebedarfs offenbart dramatische Zahlen für Kempten

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Von: Susanne Lüderitz

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Nur 35 Prozent aller Pflegemitarbeitenden ist derzeit in Vollzeit angestellt: Flucht aus dem Beruf oder Reduktion der Arbeitszeit, um die Belastungen auf ein erträgliches Maß zu bringen, nannte es Sozialreferent Thomas Baier-Regnery. Die Stadt will die Arbeitsbedingungen verbessern. © Symbolfoto: PantherMedia/VitalikRadko

Kempten – Ein Bild in dunklen Farben zeichnete im Sozialhilfeausschuss am Dienstag Cordula Amann. Eine Verdoppelung der Pflegebedürftigen in Kempten bis zum Jahr 2040 auf etwa 4.200 Menschen.

Dazu ein Mangel an Pflegekräften bei gleichzeitigem Rückgang der in Familien Pflegenden, mehr Demenzkranke, Kostensteigerungen im Pflegesektor, fehlende Kurzzeitpflegeplätze. „Wenn wir nicht aufpassen, wird aus dem Pflegenotstand eine Pflegekatastrophe“, sagte die Koordinatorin des Seniorenpolitischen Gesamtkonzepts. Sie sprach aber auch von einem Trumpf, den Kempten bereits in der Tasche habe, um diese Entwicklungen zu meistern.

Auch Oberbürgermeister Thomas Kiechle nutzte klare Worte: „Wir stehen vor wirklich großen Herausforderungen.“

Lesen Sie zu diesem Thema auch die zweiteilige Grüne Seite: „Wie wir im Alter leben“

„Ein über alle Generationen bestimmendes Thema“

Die Pflegeprävention müsse an Fahrt gewinnen. Und die Entlohnung der Pflegekräfte sei nur ein Aspekt, deren Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das Personal sei hohen Belastungen ausgesetzt; die Einsätze bzw. die Freizeit seien schlecht zu planen. Schicht- und Wochenenddienste kommen zur körperlichen Anstrengung hinzu. Dann seien da die fehlende Wertschätzung und derzeit die „Einrichtungsbezogene Impfpflicht“. „Nur 35 Prozent der Pflegekräfte arbeiten aktuell in Vollzeit“, nannte Kiechle den Effekt. Flucht aus dem Beruf oder Reduktion der Arbeitszeit, um die Belastungen auf ein erträgliches Maß zu bringen, sagte auch Sozialreferent Thomas Baier-Regnery.

Die Probleme sind ­bekannt, eine Studie zeigt die Dramatik

Virulent war das Thema durch neue Erkenntnisse geworden. Die Stadt hatte im Jahr 2021 eine Analyse des Kemptener Pflegebedarfs bis ins Jahr 2040 in Auftrag gegeben. Das Ergebnis:

Bereits jetzt fehlt es in Kempten vor allem an Kurzzeitpflegeplätzen. Das für die Analyse verantwortliche „Basis Institut für soziale Planung, Beratung und Gestaltung“ hat einen aktuellen Bedarf an 24 Kurzzeitpflegeplätzen errechnet. Dieser Mangel erschwert den Krankenhäusern die Entlassung, wenn ein Mensch plötzlich pflegebedürftig wird und schnell einen Platz braucht. „Im Endeffekt ist man froh, wenn niemand anruft, der einen Kurzzeitpflegeplatz sucht, weil man genau weiß, diesem Menschen kann man nicht helfen“, so Amann.

Die Heime haben einen so hohen Bedarf an vollstationären Pflegeplätzen, dass sie die aufwändige und weniger rentable Kurzzeitpflege entsprechend weniger anbieten. Selbst von den 620 vollstationären Plätzen können mangels Personals nur 83 Prozent belegt werden.

Und auch bei der Tagespflege sieht es schon jetzt nicht gut aus. Bei 48 Plätzen stehen derzeit 36 Menschen auf der Warteliste. „Es wäre schön, wenn wir in Kempten eine weitere solche Einrichtung bekommen könnten und diese von den Menschen auch angenommen wird“, wünschte sich Amann. (Weitere drastische Zahlen zeigen die Info-Kästen unten).

Familiäre Pflege nimmt ab

Errechnet wurde vom Institut auch das „Pflegepotential“, das heißt, die Zahl an Angehörigen, die häusliche Pflege möglicherweise übernehmen könnten. Hier werde es einen Rückgang geben. Die Menschen werden zum einen immer älter. Das Verhältnis der 85-Jährigen und älteren Personen zu den 50- bis 65-Jährigen wird bis 2040 von derzeit 16 auf 22 Prozent wachsen. Da nach Kempten vor allem Seniorinnen und Senioren ziehen, genauso wie Unter-18-Jährige, wird dieser Effekt noch verstärkt.

Auch fehlende Partnerschaftliche Bindungen der Pflegebedürftigen oder ein Verbleib der Kinder am Studienort genauso wie finanzielle Belastung letzterer tragen immer stärker dazu bei, dass von der Verwandtschaft niemand die Pflege leisten kann. Bisher übernehmen einen großen Teil der häuslichen Pflege die 45- bis 60-jährigen Frauen, die sogenannte „Töchtergeneration“. Deren Anteil werde sich bis ins Jahr 2040 allerdings von derzeit 44 auf 37 Prozent reduzieren.

Amann forderte „innovative Lösungen“, um die Pflege in der Region attraktiver zu gestalten und „eingefahrene Wege anders zudenken“.

Pflege: „Es geht um Menschen“

Mit dem Seniorenpolitischen Gesamtkonzept sind bereits einige wichtige Maßnahmen in die Wege geleitet worden wie die Anlaufstellen für ältere Menschen in den Stadtteilen, die Fachstelle für Wohnraumanpassung und die Nachbarschaftshilfe „MitMenschen“. Die Gemeinschaft zu stärken und soziale Netze zu aktivieren nannte Amann als wichtigen Faktor, denn: „Man hilft immer denen, die man kennt. […] Mit unserem Individualismus werden wir das Thema nicht gebacken bekommen.“

In der Pflege müssten Beruf und Familie besser vereinbar werden. Bereits in Entwicklung seien Technische Hilfsmittel, die den Alltag der Älteren Menschen erleichtern können. Neue integrative Wohnformen mit Gemeinschaftsräumen seien nicht nur aus Sicht der Seniorinnen und Senioren wichtig, sondern auch für die Pflegedienste, die so weniger von Haus zu Haus fahren müssten. Als entscheidend nannte Amann auch die Inklusion von dementiell Erkrankten. Stephan Prause (CSU) führte hier etwa spezielle Theateraufführungen für Demenzpatienten an.

Und die Stadträtinnen und Stadträte nannten weitere mögliche Hebel. Während Lajos Fischer (Grüne) die Integration von geduldeten Migranten in den Pflegebereich hervorhob, legte Dr. Robert F. Schmidt (CSU) den Fokus auf nötige attraktive Wohnangebote, sowohl für die Seniorinnen und Senioren in vernetzten Mehrgenerationenhäusern mit sozialem Anschluss als auch passende Wohnangebote für die Pflegenden. Er schlug vor, die Wohnbaugesellschaften ins Boot zu holen. „Es gibt viele fitte ältere Leute, die in Wohngemeinschaften leben wollen und gegenseitige Hilfe anbieten“, sagte auch Annette Hauser-Felberbaum (FW-ÜP). Die Pflege könne in Kempten attraktiver gemacht werden über flexiblere Arbeitszeitmodelle und angebotene Wohnungen.

Franz-Josef Natterer-Babych (ÖDP) brachte das Freiwillige Soziale Jahr ins Spiel. Er erinnerte sich an die Chancen des Zivildienstes für junge Menschen, wie Einblicke und die Gelegenheit, andere Regionen kennenzulernen. Er wünschte sich eine stärkere Bewerbung des FSJ durch die Stadt.

Fachgespräch Pflege mit Minister geplant

„Die Decke ist überall zu kurz“, mahnte Sozialreferent Thomas Baier-Regnery, sich nicht nur auf je einen Aspekt des Problems zu fokussieren. Ein Soziales Jahr bringe auf Dauer keine Fachkräfte hervor, so sein Credo. Weil Schmidt auch finanzielle Anreize ins Spiel brachte, Kurzzeitpflegeplätze zu schaffen, berichtete Baier-Regnery vom Plan, am Klinikverbund-Standort Sonthofen eine Station mit elf Kurzzeitpflegeplätzen zu schaffen.

Cordula Amann sah es skeptisch, noch mehr ausländische Kräfte im Sektor zu beschäftigen. „Wir müssen unsere hiesigen jungen Menschen aktivieren, und zwar schon in der Schule.“

Weil der Oberbürgermeister die nötige Handlungsstärke nicht nur in der Kommune vor Ort sah, sondern auch beim Freistaat, werde er zu einem „Fachgespräch“ mit dem Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) laden.

Aktuelle Situation in Kempten: 

• Errechnete Zahl an Pflegebedürftigen: 2.503 Personen (Pflegestatistik 2019), bereinigt: 3.269 Personen

• Häusliche Pflege allein durch Angehörige: 1.301 Personen (46 % aller Pflegebedürfigen werden so betreut)

• 620 Vollstationäre Pflegeplätze (davon mangels Personals nur 83 Prozent belegt)

• 18 und weitere einzelne Kurzzeitpflegeplätze => Bedarf von 24 Plätzen

• 48 Tagespflegeplätze, 36 Menschen auf der Warteliste

• Ambulante Pflegedienste betreuen 1.234 Senioren; auch hier fehlt es gravierend an Personal

• Errechnete Zahl an Demenzerkrankten: 1.566

• Pflegeplätze für 20- bis 60-Jährige, wie etwa MS-Patienten: Es mangelt an speziellen Einrichtungen

Situation in Kempten im Jahr 2040: 

• Errechnete Zahl an Pflegebedürftigen: 4.212 Personen

• Häusliche Pflege allein durch Angehörige: 1.937 Personen

• 674 Personen vollstationär in Heimen untergebracht: Theoretisch kein Bedarf an zusätzlichen vollstationären Plätzen, da derzeit ein Seniorenheim mit 187 Plätzen entsteht. Knackpunkt aber: das Pflegepersonal

• Kurzzeitpflege: Errechneter Bedarf von 42 Plätzen

• Es wird bis dahin eine weitere Teilstationäre Einrichtung (Tages/Nachtpflege) gebraucht.

• Ambulante Pflegedienste betreuen 1.600 Seniorinnen und Senioren

• Errechnete Zahl an Demenzerkrankten: 1.871 (= Steigerung um 20 Prozent)

• Bedarf an Pflegepersonal bis 2040: 830 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

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