Eine Chance für Willige

Keinen Abschluss, keinen Quali, keinen Ausbildungsplatz und somit auch keine berufliche Perspektive – Hauptschüler wie diese gibt es gerade in Kempten nach wie vor viele. Deshalb werden die Berufsschule I und die Robert-Schuman-Volksschule gemeinsam zu Beginn des neuen Schuljahres das „Straubinger Modell“ einführen. Damit ist Kempten einer von 12 Standorten in Bayern, wo das zuerst in Straubing eingeführte Modell seine Praxisfähigkeit beweisen muss. Ziel ist es, speziell freiwilligen Wiederholern der 9. Klasse oder Schulabgängern ohne Ausbildungsplatz eine zweite Chance einzuräumen und den Einstieg ins Berufsleben doch noch zu ermöglichen.

JoA-Klassen oder „Wiederholerklassen“ – um Jugendliche ohne Ausbildungsplatz zumindest irgendwo unterzubringen und die Berufsschulpflicht zu erfüllen, hat sich in den vergangenen Jahren schon beinahe ein eigener Bildungsmarkt entwickelt. Und die Anzahl dieser Schüler „ist nach wie vor hoch“, wie Schulrat Hans Fasser vom Staatlichen Schulamt am Freitag bei der Vorstellung des „Straubinger Modells“ berichtete. Hier will nun zum kommenden Schuljahr auch in Kempten und dem Altlandkreis das „Straubinger Modell“ ansetzen: Bisher konnten Schulabgänger ohne Ausbildungsstelle entweder in eine JoA- oder freiwillig in eine „Wiederholer“-Klasse gehen. Künftig können aber auch etwa 40 Schüler die zwei neu und eigens eingerichtete Klassen des „Straubinger Modells“ besuchen. Das Besondere daran: Die beiden Klassen werden sowohl von Lehrern der Berufsschule als auch der Hauptschule unterrichtet. Darüber hinaus wird ein Sozialpädagoge die Arbeit der Lehrkräfte unterstützen. Die Klassen werden trotz der Raumnot im Technologiezentrum des Berufsschulzentrums angesiedelt. In der Praxis wird die Hauptschullehrkraft Michaela Baumüller zwei Tage jeweils QA-relevante Fächer unterrichten und die Lehrer der Berufsschule an einem Tag den fachlichen Unterricht in Theorie und Praxis übernehmen. Großen Wert soll dabei auf die Verzahnung der beiden Unterrichtsformen gelegt werden. „Das ist ein Meilenstein“, betonte Thomas Baier-Regnery vom Kemptener Schul- und Sozialreferat. Der Fokus soll dabei auf allgemeinbildendem und fachlich ausgerichtetem Unterricht in den Bereichen Metall- und Elektrotechnik liegen. An den beiden übrigen Tagen sollen die Teilnehmer durch den oder die Sozialpädagogin auf Praktika, Bewerbungen und Stärkung der Sozialkompetenz vorbereitet und unterstützt werden oder absolvieren direkt ein Praktikum. Dauer der Maßnahme ist ein Jahr, angestrebt wird ein Abschluss (Hauptschul- oder Qualifizierter Abschluss) oder ein Ausbildungsplatz. Voraussetzung ist aber, dass die teilnehmenden Schüler ein handfestes Interesse an einer solchen Klasse haben. „Wir riskieren nicht mehr wie in JoA-Klassen, dass der eine den anderen runterzieht“, erklärte Berufsschullehrer Bernd Seyberth am Freitag. „Es lohnt sich, die Jugendlichen an Abschlüsse heran zu führen“, betonte auch Baier-Regnery. Um auf die neuen Möglichkeiten aufmerksam zu machen, sind sämtliche Schulsozialarbeiter bereits informiert worden. Darüber hinaus findet am Montag, 27. Juli, um 19.30 Uhr in der Robert-Schuman-Volksschule in der Neudorfer Straße 4 ein Info-Abend für Schüler und Eltern statt.

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