"Eine Erfolgsgeschichte"

Der ehemalige Stadtrat Elmar Holzmann (Mitte) blickt auf 40 Jahre Gebietsreform zurück. OB Dr. Ulrich Netzer (links) und Landrat Gebhard Kaiser hören zu. Foto: Matz

Der Anfang war alles andere als vielversprechend. Wutentbrannt verließ Ludwig Jaud am 6. Juli 1972 die erste Sitzung des neuen Kemptener Stadtrats. Entgegen den Absprachen war der St.-Manger nicht zu einem der Bürgermeister von Kempten gewählt worden. „Die erste Stadtratssitzung begann mit einem Schock”, erinnerte sich der Ex-Stadtrat Elmar Holzmann an den jähen Abgang des SPD-Manns. 40 Jahre später sind viele Wunden von damals verheilt, wie am Montagabend im Rahmen der Festsitzung „40 Jahre Gebietsreform” deutlich wurde. „Für den Landkreis und die Stadt sind die vier Jahrzehnte nach der Gebietsreform eine Erfolgsgeschichte”, so OB Dr. Ulrich Netzer (CSU).

Nichts desto trotz erinnerte Netzer an die heftigen verbalen Gefechte, die sich Politiker und Bürger der von der Eingemeindung betroffenen Gemeinden St.-Mang und St.-Lorenz im Vorfeld der Gebietsreform lieferten. „Die Diskussionen verliefen heftig, in den beiden Gemeinden gab es Beschlüsse gegen einen Zusammenschluss, und die Bürger von St.-Lorenz stimmten sogar mit klarer Mehrheit für ein Zusammengehen mit Wiggensbach”, sagte Netzer. 40 Jahre später stelle sich die Situation völlig anders dar: „Die Bedeutung, die Kempten für das Allgäu hat, wäre ohne die Gebietsreform nicht möglich”, betonte der OB. Gleichzeitig sei in der Stadt ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden. „Gleichzeitig ist die eigene Identität in den neuen Stadtteilen geblieben.” Dank des von oben verordneten Zusammenschlusses mit den wirtschaftlich starken Gemeinden sei Kempten heute „das wirtschaftliche Zentrum der Region”. „Ohne die Gebietsreform und den damit verbundenen Flächenzuwachs wäre diese dynamische Entwicklung nicht möglich gewesen”, betonte er. Nicht weniger wichtig für die Entwicklung sei die Bildung eines neuen Gemeinschaftsgefühls gewesen. Das sei vor allem der Verdienst des damaligen OB Dr. Josef Höß. „Strukturen der neuen Stadtteile wurden erhalten und gestärkt”, so Netzer. Als Beispiel nannte er die Förderung des Vereinslebens in beiden Stadtteilen. Das Zusammenwachsen bei gleichzeitig selbstständigem Miteinander zu fördern, „ist für mich das eigentliche Geheimnis der geglückten Gebietsreform in Kempten.” Sein Dank gelte daher seinem Vorgänger Höß. Als „ebenfalls erfolgreich” bezeichnete Netzer die seit vier Jahrzehnten stetig wachsende Zusammenarbeit der Stadt Kempten mit dem Landkreis Oberallgäu. Zwar gebe es wie bei allen Nachbarn immer mal wieder Grund zum Diskutieren. „Wenn es dann aber um darum geht, große und raumübergreifende Vorhaben anzupacken oder Probleme zu lösen, dann steht die Gemeinsamkeit im Vordergrund”, betonte das Kemptener Stadtoberhaupt. Als Beispiele für eine gelungene Kooperation zwischen den beiden Gebietskörperschaften führte er den ZAK, das Klinikum Kempten-Oberallgäu oder den Zweckverband Berufliches Schulzentrum Kempten an. „So konnten wir unsere heutige Stärke erreichen”, frohlockte Netzer. "Sind erfolgreich" Landrat Gebhard Kaiser (CSU) verwies in seiner Ansprache ebenfalls vor allem auf das gemeinsam Erreichte wie die verschiedenen Zweckverbände, die einheitliche Zulassungsstelle oder die Einführung der Behördenrufnummer 115. „Wir haben gemeinsam neue Wege eingeschlagen und sind damit erfolgreich”, betonte Kaiser. „Auch wenn dabei zeitweise recht schwierige Phasen durchgestanden werden mussten.” So bezeichnete er den Zusammenschluss vom Landkreis Sonthofen mit dem „Rumpflandkreis” Kempten als schwierigen Prozess. Überhaupt gehöre ein Projekt wie die Gebietsreform von 1972 „zu den schwierigsten und undankbarsten politischen Aufgaben”, betonte Kaiser. Denn der Nutzen einer solchen Reform stelle sich immer erst zeitverzögert ein. Identität gewahrt Wie sich die Dinge aus Sicht der eingemeindeten Bürger darstellt, schilderten Polizeipräsident a.D. Herbert Klaus und der ehemalige Stadtrat Elmar Holzmann. Es habe, so Klaus, einige Zeit gebraucht, bis sich die St.-Lorenzer an die neuen Gegebenheiten gewöhnt hätten. „Aber die Leute haben gespürt – es geht ihnen auch als Neu-Kemptener ganz ordentlich.” Wie Netzer verwies er auf die Wichtigkeit einer gewissen Eigenständigkeit in den heutigen Stadtteilen. „In München oder Augsburg sind sie Kemptener. In Kempten sind sie Heiligkreuzer oder Oberwanger”, sagte er. „Dass sie sich ihre eigene Identität bewahren, ist selbstverständlich”, betonte Klaus. „Tradition wahren heißt nicht die Asche verehren, sondern das Feuer weitertragen.” Ex-Stadtrat Elmar Holzmann erinnerte hingegen an den Schock, als weder Ludwig Jaud noch Josef Kammerlander in der ersten Sitzung des neuen Kemptener Stadtrats entgegen den Absprachen im Vorfeld einen Bürgermeisterposten bekommen hätten. „Wir haben trotzdem bewiesen, dass wir dem Wohle der Stadt verpflichtet sind”, erinnerte er sich. Betrachte er sich den Stadtteil St.-Mang heute, sehe er Licht und Schatten. So seien einige Straßen wie etwa die Miesenbacher Straße in einem schlechten Zustand. Dazu kämen viele Leerstände in der Ludwigstraße. „Die Ludwigstraße hat leider nicht profitiert”, kritisierte er. Und warum die Volksschule Kottern mit der der Eich zusammengelegt worden sei, verstehe er noch immer nicht. Auf der anderen Seite seien etwa der Brunnenplatz oder der Platz im Oberösch Beispiele für eine gelungene Eingemeindung, so Holzmann.

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