"Eine ganze Batterie Schutzengel"

Kurz vorm Unfall: Innenminister Herrmann bei der Einweisung. Fotos: Matz

Schockstarre. Mit berstendem Krachen ist gerade der grüne Bagger mit dem bayerischen Innenminister in der Kabine umgekippt und in die Illerauen eingeschlagen. Rötlicher Staub steigt auf, von links flitzt ein Mann im schwarzen Anzug zum Bagger, stolpert, das Jackett verrutscht, ein Pistolenhalfter wird sichtbar. Der Mann rappelt sich auf, rennt weiter. Erst jetzt kommt Bewegung in die Zuschauer. Auch Stadtrat Peter Wagenbrenner und OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) laufen zu dem havarierten Ungetüm, die Gesichter bleich und versteinert, Wagenbrenner mit dem Handy am Ohr.

Unmittelbar nach den beiden Leibwächtern kommt Wagenbrenner an der Unfallstelle an. „Ich habe zuerst nur seine Hand gesehen”, berichtet er am Tag danach. Da sich Herrmanns Leibwächter um den Eingeklemmten kümmern, fordert er über Handy den Rettungshubschrauber an. „Ich habe sofort die Leitstelle alarmiert – ich wusste ja nicht, was mit dem Minister ist”, so Wagenbrenner weiter. Die Sekunden davor verharrte er wie viele der etwa 120 Anwesenden in Schockstarre. „Ich war schockiert, wusste gar nicht, was ich tun sollte”, erzählt er. „Dann bin ich losgelaufen.” Als Unglücksursache vermutet der Stadtrat, dass Herrmann wohl etwas zu zügig den 40-Tonnen-Bagger rangierte. „Die Rechtskurve war zu schnell”, so Wagenbrenner. „In dem Moment war ich froh, dass der Baggerführer abspringen konnte.” Da seien wohl „eine ganze Batterie an Schutzengeln” am Werk gewesen, so der Stadtrat weiter. Wie Wagenbrenner geht es vielen, die dabei waren, in den Tagen nach der Beinahe-Katstrophe vom Montagabend, bei der der bayerische Innenminister zum Glück nur leicht verletzt wurde. „Der Image- schaden wäre gigantisch gewesen“, glaubt FDP-Stadtrat Ullrich Kremser am Mittwoch im Gespräch mit dem KREISBOTEN. Auch ihm sitzt der Schreck noch in den Knochen, er erlebt den Unfall aus nächster Nähe mit. „Der Bagger ist umgekippt wie in Zeitlupe“, erinnert er sich. „Am Anfang habe ich noch an einen Spaß des Baggerführers geglaubt.“ Doch aus dem vermeintlichen Spaß wurde schnell allzu bitterer Ernst. Kremser hofft, dass der Minister beim Sturz nicht aus der zum Teil offenen Kabine fällt. „Denn dann dürfte ihm eigentlich nicht viel passieren“, so der FDP-Stadtrat. Immer noch mitgenommen von den Bildern ist am Mittwoch Daniela Auerbacher von den Kemptener Wirtschaftsjunioren. „Das war mein erster Spatenstich und ich hatte mich so gefreut“, sagt sie. Was dann passiert, bezeichnet sie im Nachhinein als „völlig surreal“. „Die Sonne scheint, die Musik spielt, dann kippt das Ding plötzlich um“, schildert sie ihre Eindrücke. Ebenso wie Kremser ist sie daher der Meinung, das nächste Mal auf solche Aktionen zu verzichten. „Bagger sollten nur die fahren, die es auch können.“ „Als ich gesehen habe, dass der Bagger am Kippen ist, ist mir, bildlich gesprochen, das Herz stehen geblieben.“ Auch zwei Tage nach dem Unglück ist OB Dr. Ulrich Netzer immer noch die Erleichterung anzuhören, dass nichts Schlimmeres passiert ist. „Am Dienstag habe ich gemerkt, dass es eine Riesen-Anspannung für mich war.“ Wäre Herrmann wirklich etwas zugestoßen – darüber wolle er lieber gar nicht erst nachdenken. „Da waren viele Schutzengel am Werk“, so Netzer. „Ich will das nicht nochmal erleben.“ An die Sekunden des Umfallens kann sich Netzer noch genau erinnern. „In diesem Moment ist mir wahnsinnig viel durch den Kopf gegangen: Wo ist der Minister? Wo ist der Baggerfahrer?“ Erst als er gesehen habe, dass es beiden gut geht, habe sein Herz wieder zu schlagen angefangen. Herrmann selbst nahm das Malheur zumindest äußerlich gelassen. „Es geht wieder passt scho”, sagte er, nachdem ihn Alexander Hold (FW) mit einer Plastikflasche Mineralwasser versorgt und die Landtagsabgeordnete Ulrike Müller (FW) sich seine Wunden angeschaut hatte. Trotzdem fuhr der Minister anschließend in die Wohnung von OB Netzer, um sich versorgen zu lassen. „Meine Frau hat den Anzug gebügelt und gesäubert”, berichtet Netzer. Anschließend sei der Minister weiter zum Festabend anlässlich des Bayerischen Landkreistages in Fischen gefahren. „Wir sind froh, dass es so ausgegangen ist”, betont Netzer.

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