Eine Geduldsprobe

Runder Tisch zum barrierefreien Bahnfahren im Allgäu

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Wie steht es um die Barrierefreiheit der Bahn im Allgäu? Darüber diskutierten Vertreter der Bahn, des Sozialverbands VdK, des Fahrgastverbands Pro Bahn und der kommunalen Ebene. Landtagsvizepräsident Thomas Gehring von den Grünen hatte zu dem Gespräch geladen.

Waltenhofen/Oberdorf – „Vor zehn Jahren hat auch Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben, die die uneingeschränkte Teilhabe aller Menschen am Leben ermöglichen soll. Es ist nicht die Behinderung selbst, an der Partizipation oft scheitert, sondern unsere Strukturen“.

Mit diesen Worten eröffnete Thomas Gehring, Landtagsabgeordneter und Vizepräsident des Bayerischen Landtags, den Runden Tisch mit der Fragestellung: „Wie wird die Bahn im Allgäu barrierefrei?“

Der Einladung zur Gesprächsrunde am vergangenen Dienstagnachmittag in den Räumlichkeiten der IG OMa am Bahnhof Martinszell in Oberdorf waren Vertreter der Bahn, des Sozialverbands VdK, des Fahrgastverbands Pro Bahn und der kommunalen Ebene gefolgt. „Es braucht einen langen Atem“, meinte der bei der Bayerischen Eisenbahngesellschaft für den barrierefreien Personennahverkehr zuständige Jura Kojetinsky und erklärte die Problematik bei der Umstellung auf einen barrierefreien Zugang. Damit dieser möglich sei, müsse sowohl der Bahnsteig als auch das Transportmittel selbst umgebaut werden. Aufgrund der unterschiedlichen Lebensdauer vom Bahnsteig mit bis zu 70 Jahren und den Zügen, die zwischen 25 und 30 Jahre im Einsatz seien, geschehe dies selten zeitgleich. Henne oder Ei? Bernhard Christ, Leiter des Bahnhofsmanagements in Augsburg, ergänzte, dass es mindestens 1000 Reisende am Tag brauche, damit der Bund die Barrierefreiheit an einem Bahnhof finanziere. „Wie soll man diese Zahlen überhaupt erreichen, wenn viele gar nicht erst zusteigen können?“, drückte Peter Götz, Vorsitzender des VdK-Ortsverbandes Sonthofen, sein Unverständnis über die Situation aus. Kojetinsky entgegnete, dass die derzeitigen statistischen Zahlen keine Explosion der Besucherzahlen aufzeigten, sobald ein barrierefreier Zugang möglich sei und verwies auf das Zukunftsinvestitionsprogramm „Barrierefreiheit“, das auch den Ausbau an kleinen Bahnhöfen mit unter 1000 Reisenden fördere.

„Ab 2021 wird es im Allgäu deutlich mehr barrierefreie Fahrzeuge und somit auch eine erhebliche Verbesserung geben“, meinte er und erklärte die Pläne für die Umstellung auf Neigetechnikzüge und Niederflurfahrzeuge. „Der schönste Zug nützt mir nichts, wenn der Bahnsteig nicht barrierefrei ist“, ging Walter Haber vom VdK erneut auf die Wirkungslosigkeit der Maßnahmen ein, wenn beim Ausbau nicht zweigleisig gefahren werde. Darauf dürfe man sich hier in der Region vorerst nur in Kempten freuen, so Kojetinsky, der für die Hochschulstadt das Jahr 2021 als Ziel für die Barrierefreiheit ausrief, wohingegen sich Bahnhöfe wie Immenstadt und Sonthofen weiterhin gedulden müssten. Lothar Köster, Senioren- und Behindertenbeauftragter der Stadt Kempten, zeigte sich ob der geplanten Maßnahmen am Kemptener Bahnhof überrascht und bedauerte die schwierige Zusammenarbeit mit der Bahn. „Auch die Stadt braucht Zeit, um barrierefreie Zugänge zum Bahnhof zu ermöglichen. Bei einer Vorlaufzeit von zwei Jahren ist dies nur schwer umsetzbar“, so Köster, der die nicht finanzierbaren Angebote seitens Hochund Tiefbau erwähnte. Ulrich Hüttenrauch, Geschäftsführer der Ober Allgäu Tourismus Service GmbH, machte darauf aufmerksam, dass barrierefreies Reisen auch für den Tourismusstandort Allgäu enorm wichtig sei. 

„Wir haben viele ältere Touristen und Reisende mit Kinderwägen oder Fahrrädern“, meinte er und forderte bessere Lösungen zur Anbindung an die Hörnerdörfer und zu Attraktionen wie der Breitachklamm. Auch die Verwendung der stationären Hublifte führte zu Irritationen, da die Deutsche Bahn diesen Mobilitätsservice personaltechnisch nur an größeren Bahnhöfen zu Hauptverkehrszeiten gewährleisten könne. „Wie kann es sein, dass man an manchen Bahnhöfen mit dem Hublift zwar in den Alex oder die Vogtlandbahn einsteigen kann, in Züge der Deutschen Bahn jedoch nicht?“, hakte Götz nach. Das liege an den neueren Verträgen mit den Länderbahnen, bei denen dieser Service als Anforderung bei nicht barrierefreien Zügen fixiert worden sei. Deshalb könne man beispielsweise in Sonthofen mit Unterstützung in den Alex einsteigen, jedoch nicht in einen DB-Zug, erklärte Jura Kojetinsky. „Das klingt natürlich komisch, wenn man die Hintergründe nicht kennt“, räumte der Vertreter der Bayerischen Eisenbahngesellschaft ein. „Haben die Kommunen denn eine Chance, den Ausbau ihrer Bahnhöfe schneller voranzutreiben?“, wollte Thomas Gehring von den Experten wissen. Dies bestätigten sowohl Kojetinsky als auch Christ, die auf eine mögliche Beschleunigung durch die Vorlage eines Gesamtkonzeptes verwiesen, das der Bahn Arbeit und Kosten einspare. „Es wird in den kommenden Jahren beim Umbau der Züge ein großer Schritt in die richtige Richtung gemacht werden“, resümierte Gehring am Ende der Veranstaltung. „Trotzdem müssen wir als Region weiterhin Druck machen und die tourismuspolitische Relevanz herausstellen“, so die Strategie des Landtagsabgeordneten, der den Memminger Flughafen im Sinn hatte, in den schließlich auch viele Gelder investiert würden, um den Tourismus zu stärken. 

Dominik Baum

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