Eine Ruhebank für den Ruhestand

Mit BSG-Vorstand Mario Dalla Torre "verlässt ein Urgestein die Bühne"

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Ein „Ruhebänkle“ gab es von der Belegschaft für BSG-Vorstand Mario Dalla Torre, der Ende September in den Ruhestand verabschiedet wurde.
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Genossen die Überraschungsparty: (v.r.) Mario Dalla Torre mit Ehefrau Claudia und Tochter Anja.
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Ein gusseisernes Glücksschwein überreichte Aufsichtsratsvorsitzender Roland Hübner (l.) zum Abschied an den scheidenden BSG-Vorstand Mario Dalla Torre.

Kempten – Dass das Jodeln noch ein wenig Übung gebrauchen könnte, war der einzige ‚Kritikpunkt’, den Mario Dalla Torre, der sich Ende September als Vorstand der BSG-Allgäu in den Ruhestand verabschiedete, 

an seinem letzten Arbeitstag und auch auf 37 Jahre BSG-Tätigkeit rückblickend für seine Mitarbeiter hatte.


Zusammen mit dem Aufsichtsrat hatten sie ihn am letzten Arbeitstag des September – Fortuna sei Dank ein Freitag – einen rauschenden Empfang im Treffpunkt Im Oberösch bereitet und in so manchen Augen war in diesen Stunden ein verdächtig feuchtes Glitzern zu sehen. Wacker sangen die BSGler zur Melodie des „Heidi“-Liedes „Deine Welt sind die Berge“ eine abgewandelte Variante, die gleich in Kurzform die Vita des scheidenden Chefs zusammenfasste. „Mario, Mario, Deine Welt ist die BSG, Mario Mario, denn hier oben bist Du der Chef. 

Schwarze Zahlen, Reihenhäuser im Sonnenschein; Mario, Mario, brauchst Du zum Glücklichsein“, erschallte der Refrain mit Inbrunst und etwas weniger koordiniert die Jodeleinwürfe dazu. Sie sangen vom „kleinen, frechen Bub“, der in Lenzfried aufwuchs und am liebsten Fußball spielte; dass er der erste war, der sich an der damals neuen Fachhochschule in Kempten einschrieb, um BWL zu studieren; sie sangen von seinem „im Keller“ begonnenen steilen Aufstieg bei der BSG, der immer guten Laune ihres seit 1998 Vorstands und bauten dabei so manche Anekdote ein. Zum Beispiel als Dalla Torre, der sich nie fahren ließ, bei einem hochrangigen Treffen seinen Wagen parkte von einem Chauffeur für seinesgleichen gehalten und mit den Worten angesprochen wurde: „Wir haben schon einen Scheißjob!“ Mit viel Liebe zu Details hatten sie ein Programm mit weiteren musikalischen Einlagen zusammengestellt, mit einer Kreativecke, in der ‚Botschaften’ und gute Wünsche auf kleinen Holzplatten verewigt und in einem Sammelbilderrahmen deponiert werden konnte sowie Polaroidkameras, deren Bilder rasch dafür gespannte Wäscheleinen bestückten und einem üppigen Mittagsbuffet aus dem Miniladen.

„Ein Urgestein geht von der Bühne“, eröffnete Aufsichtsratsvorsitzender Roland Hübner seine Verabschiedungsrede und sprach von einem „Juwel“, das nach 36 Jahren bei der BSG das Haus verlasse. Um dem „Zahlenkönig“ Dalla Torre gerecht zu werden stellte er ein paar Zahlen der letzten 20 Jahre gegenüber; Jahresüberschuss 2017: 2,1 Millionen Euro (1997: 655.000 Euro); Eigenkapital 2017: 49,3 Millionen Euro (1997: 22 Millionen Euro); Bilanzsumme 2017: 116,6 Millionen Euro (1997: 81 Millionen Euro). Er habe aber „nicht nur die Zahlenwelt geordnet und optimiert, sondern „der BSG ein Gesicht gegeben“, da die Genossenschaft in hohem Maße mit dem Namen Dalla Torre verbunden werde. Zusammen mit einer Mannschaft, die „immer zu Dir und hinter Dir“ stehe, habe er die BSG „geformt, entwickelt und zur heutigen Stärke und Marke geführt“, sie „mit Herz und Seele verkörpert“, hob Hübner zudem Eigenschaften Dalla Torres, der unter anderem verschiedene Geschäftsführerpositionen der BSG-Tochtergesellschaften bekleidete, hervor wie Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Korrektheit. 

Gefolgt von schmunzelndem Protest Dalla Torres bescheinigte ihm der ebenfalls fußballbegeisterte Hübner fröhlich, zwar in „jungen Jahren ein talentierter, technisch versierter Fußballer“ gewesen zu sein, aber nur bei Dalla Torre sei es ihm gelungen „Dich zu tunneln“. Im Namen von MitarbeiterInnen, Vorstand und Aufsichtsrat dankte er ihm „für 36 bewegende Jahre bei der BSG“, für „enormen Einsatz und Leistung“ sowie für seine „Treue und Verbundenheit zum Unternehmen“. Und überreichte ein gusseisernes Glücksschwein, auf dass das Glück ihm immer hold bleibe.

Dalla Torre habe in den 36 Jahren für seine Aufgaben „immer gebrannt“, meinte die sichtbar bewegte Tanja Thalmeier, die seit vier Jahren die Doppelspitze mit Dalla Torre gebildet hatte und nun mit ihrem vor kurzem auserkorenen Vorstandskollegen Ralph Kehrer die Genossenschaft leitet. Und er habe unter anderem mit jederzeit wertschätzendem Umgang miteinander immer vorgelebt, dass „neben der für uns alles so wichtigen Wirtschaftlichkeit beim Umgang mit dem Treuhandvermögen unserer Mitglieder“, die genossenschaftliche Philosophie nicht zu vergessen, die dafür stehe, „dass es die Menschen sind, die im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen“. Und vor allem sei es sein Verdienst, dass die BSG-Allgäu mit ihrer „sozial orientierte Philosophie“ dafür stehe „dass sich wirtschaftlicher Erfolg und soziales Engagement nicht als Widerspruch gegenüberstehen, sondern einander bedingen“. So sehr sie ihn wegen des fachlichen Austausches wie auch der persönlichen Gespräche vermissen werde, räumte sie selbstkritisch und lächelnd ein, bei einem Thema „eine wirklich miserable Gesprächspartnerin“ gewesen zu sein: beim Fußball. Da will Kehrer gerne einspringen, wie er bekundete.

Der künftige Ruheständler selbst verglich sich mit dem Wolf, der im Oberallgäu jüngst drei Kälber gerissen habe und ab nun geschossen werde soll. „Ich habe mich immer als Leitwolf“ gefühlt, dem das Rudel folgt“. Aber der Leitwolf werde älter, schwächer, er sehe und höre schlechter und sei „nicht mehr so angriffslustig“ und gefährde damit das ganze Rudel. So sei es eben Zeit, dass er ersetzt werde – „von Abschuss will ich nicht sprechen“, setzte er schmunzelnd hinzu. Mit den beiden „jungen Wölfen“ Thalmeier und Kehrer sei die BSG-Allgäu nun wieder zum ‚Angriff’ bereit. Was die zurückliegenden Jahre betrifft, machte er deutlich: „Ich musste nicht arbeiten, ich durfte, ich habe dies in den letzten 36 Jahren immer freiwillig getan, niemand hat mich dazu gezwungen“. Es sei insgesamt ein Privileg hier arbeiten zu dürfen und nicht zu müssen, erinnerte er daran, auch das große Glück zu haben, „in diesem Teil der Erde geboren zu sein“ und in einer der schönsten Regionen Deutschlands leben zu dürfen. 

Im Gegensatz dazu bleibe einer „Vielzahl von Menschen“ gar nichts anderes übrig „als zu betteln oder zu stehlen, um letztendlich überleben zu können“. Und dieses Privileg habe er immer als „Arbeitsanweisung“ verstanden, dafür auch etwas zu leisten, als „Bringschuld“, gegenüber den Wohnungssuchenden, oftmals nicht die „Gesegneten“ in unserer Gesellschaft oder auch gegenüber der Generation, „die in hohem Maße zu unserem heutigen Lebensstandard beigetragen haben“. Ebenso habe er die Steigerung von Ertragskraft und Eigenkapital des Unternehmens und damit Sicherung und Ausbau der Arbeitsplätze als „Auftrag“ verstanden. Verbunden mit seinem Dank dafür, dass die BSG-Allgäu als „zuverlässiger, ehrlicher“ Partner wahrgenommen werde, dankte er allen Beteiligten. „Sie sehen einen glücklichen Menschen vor sich“ der den „schönsten Job in der Stadt Kempten hatte“. Auch wenn er sich jetzt darauf freue, Zeit für Seine Familie zu haben, „werde ich Sie vermissen, weil Sie mir alle in den vielen Jahren sehr ans Herz gewachsen sind“.

Um das ‚Heimweh’ ein wenig zu mildern versicherte Kehrer dem scheidenden Vorstand, er sei jederzeit herzlich willkommen und leitete geschickt auf das große Abschiedsgeschenk der Belegschaft über. Denn wie Dalla Torre einmal angemerkt hatte, dass er zwischen den geplanten Urlauben wie der ehemalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower „im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzen möchte“. Eine Schrecksekunde kann bei den Beschenkten wohl nicht völlig ausgeschlossen werden, als ein großes, trotz Verhüllung als Möbel identifizierbares Stück hereingetragen wurde. Auf der dem Allgäu besser stehenden Holzbank statt Schaukelstuhl ließ sich Dalla Torre dann aber sogleich freudestrahlend nieder.

Christine Tröger

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