Eine Wurzel, zwei Äste?

Dass in der Gesellschaft der Jugendwahn grassiert, steht wohl außer Zweifel. Eine Ausnahme macht da anscheinend der Heimatbund Allgäu: Der feierte unlängst in Immenstadt sein 125-jähriges Bestehen und hat damit nach Ansicht einiger heimischer Historiker sein Alter mal eben so mehr als verdoppelt. „Das ist eigentlich Geschichtsverfälschung“, sorgt das Vorgehen des Heimatbundes vor allem beim Vorstand des Kemptener Heimatvereins für Kopfschütteln. Denn nicht nur seinen Berechnung zufolge ist der Heimatbund erst vor 61 Jahren gegründet worden. Beim Heimatbund kann man die Aufregung indes nicht verstehen.

„Der Heimatbund Allgäu wurde im Jahr 1884 in Kempten als ‘Allgäuer Altertumsverein’ gegründet“, steht auf der homepage des Heimatbundes (www.heimatbund-allgaeu.de) geschrieben. So weit, so gut, sollte man meinen, denn schließlich hat der Heimatbund als Dachorganisation der Allgäuer Heimat- und Geschichtsvereine Ende August ja auch sein 125-jähriges Bestehen gefeiert. Einige Kemptener Historiker sehen das jedoch ganz anders. Auslöser des Streits ist das Ansinnen des Heimatbundes, in der Kemptener Poststraße eine Tafel aufzustellen. Die soll an die Gründung des Vereins vor 125 Jahren im Odeonssaal des Post-Hotels (heute ehemaliger Mango-Club) erinneren. Vor allem der Vorstand des Heimatvereins Kemptens und Dr. Franz-Rasso Böck, Archivar der Stadt Kempten, haben allerdings erhebliche Bedenken angemeldet. „Das ist ein Fest, das gar nicht existenzberechtigt ist“, beklagen Tillmann Ritter, Stadtheimatpfleger, und Ingrid Müller, Kreisheimatpflegerin, zugleich Vorstände des Heimatvereins Kempten. „Eigentlich ist das Geschichtsverfälschung.“ Dr. Böck hat bereits eine schriftliche Stellungnahme zur Sonderveröffentlichung „125 Jahre Heimatbund Allgäu“ verfasst, die seinerzeit in dem Heft 4 von Heimat Allgäu veröffentlicht worden war. Darin weist auch der Stadtarchivar darauf hin, dass es schlichweg falsch sei, dass der Heimatbund heuer 125 Jahre alt werde. Verwirrende Situation Nach Ansicht der Zweifler ist der Heimatbund erst 1948 als Dachorganisation mit dem Namen Heimatdienst Allgäu gegründet worden, nicht schon 1884 wie der Heimatverein. Das würden die Akten im Stadtarchiv zweifelsfrei belegen. Alledings sei die Gemengelage auch schwierig, da sich der heutige Heimatverein ab 1938 auch Heimatdienst Allgäu genannt habe. Ergebnis: Es gab zwei gleichnamige Organisationen, die bis 1956 parallel zueinander existierten. Karl Stiefenhofer, Vorsitzender des Heimatbundes, zeigte gegenüber dem KREISBOTE allerdings wenig Verständnis für diese Interpretation der Geschichte. „Das ist Auslegungssache“, sagte er. Heimatbund und Heimatverein hätten die gleichen Wurzeln. „Das sind zwei Stämme, die sich daraus entwickelt haben“, erklärte er. Außerdem sei es bei dem Jubiläum insbesondere darum gegangen, den 125 Jahre alten Gedanken der Heimatpflege im Allgäu als solchen zu feiern. "Siamesische Zwillinge" In seiner Jubiläumsansprache in Immenstadt Ende August hatte Stiefenhofer erklärt, dass der Heimatbund aus dem heutigen Heimatverein, der 1884 zunächst Altertumsverein hieß, hervorgegangen sei. Denn auf Betreiben des Kemptener Bürgermeister Dr. Otto Merkt hätten sich beide Vereine gewollt auseinander dividiert. „Nach dem alle Vereine 1945 ausgeschaltet waren, ist es 1948 zu Neugründungen und zur Trennung der siamesischen Zwillinge gekommen: Heimatdienst Allgäu, später zwangsweise Heimatbund auf der einen Seite, und Heimatverein Kempten als der Ortsverein, welcher auch Mitglied im Heimatdienst wurde, auf der anderen Seite“, so Vorsitzender Stiefenhofer weiter. Als weiteren Beleg für das Jubiläum führte er an, dass der heutige Heimatbund bereits 1954 unter Alfred Weitnauer das 70-jährige Bestehen und 1984 das 100-jährige Jubiläum gefeiert habe. „Für die damaligen Verantwortlichen gab es keinen Zweifel, dass der Heimatbund Allgäu dieses auch zurecht feiert“, erläuterte Stiefenhofer. Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck wertet diesen Vorgang allerdings anders: Weitnauer habe bereits 1954 als Rechtfertigung für die 70-Jahr-Feier die Gründung des heutigen Heimatvereins in 1884 angeführt. Der heutige Heimatbund sei hingegen „eigentlich erst vor sechs Jahren“ als Dachorganisation gegründet worden, soll Weitnauer gesagt haben. Bleibt abzuwarten, wie sich die Debatte weiter entwickelt. Pläne zum Aufstellen einer Gedenktafel scheinen derzeit zumindest vom Tisch zu sein.

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