Wie sich das Leben verändert hat

In einem Brief an den unsichtbaren Feind -  das Coronavirus 

+

Liebes Coronavirus!

Ich wollte mich schon lange einmal persönlich bei Dir melden. Jetzt, wo Du seit geraumer Zeit derart stark unser Leben bestimmst. Wie aus dem Nichts, zumindest gefühlt, warst du plötzlich da, und seitdem ist nichts mehr wie zuvor.

Du hast mit deinen Superkräften für lange Zeit alles komplett lahmgelegt. Unseren Alltag, unsere Gewohnheiten, unsere Träume und unsere Routine. Ein unbeschwertes Leben wie früher wird es wohl so schnell nicht mehr geben: Corona ist das neue Normal. Ich habe immer wieder versucht, mich gedanklich nicht mit Dir anzulegen. Nicht böse oder sauer zu sein, dass Du ungefragt und tsunamiartig über uns hereingebrochen bist. 

Ich wollte das Beste aus der dramatischen Situation machen. Dann eben nur noch mit Maske unter Leute, wenn es sein muss. Jawohl! Der geplante Urlaub lässt sich doch nachholen. Das Geld gibt es als Gutschein zurück. Mit meinen Eltern oder Freunden konnte ich ja telefonieren oder bei visuellem Entzug einfach den Videochat nutzen. Kein Thema! Ich kann auch auf Kinobesuche, ausgiebigen Kaffeeklatsch mit meinen Freundinnen und Feste verzichten, vorerst. Ich habe durch das Ausmisten meines Kleiderschranks außerdem feststellen dürfen, dass ich gar nicht so viele neue Klamotten für den kommenden Sommer brauche. 

Die letzten Wochen habe ich tatsächlich erstaunliche Sachen wiederentdeckt. Teilweise noch ungetragen und wie neu. Danke dafür! Auch der Schulunterricht hat digital ganz passabel funktioniert und läuft nun sukzessive wieder an. Arbeiten im Homeoffice ist mittlerweile gang und gäbe. Die Absagen der Allgäuer Festwoche, des Jazz-Frühling und des Stadtfests tun zwar ziemlich weh, aber okay: dann eben doppelt und dreifach aufs nächste Jahr freuen! Wäre doch gelacht! Aber ehrlich gesagt, liebes Coronavirus, langsam gehst du mir schon auf die Nerven. Und zwar massiv! Ich könnte mich jetzt zusammenreißen und weiter versuchen, nur das scheinbar Gute an Dir zu sehen. Aber das will ich gerade nicht mehr! 

Ich finde Dich anstrengend. Echt anstrengend! Und hartnäckig bist du. Du hast schlagartig dafür gesorgt, dass wir nun fast überall und mühelos mit der EC-Karte bezahlen können. Bargeldlos ist hip! Selbst bei Mini-Beträgen. Da schaut einen keiner mehr mit hoch gezogener Augenbraue an der Kasse an, wenn man verlegen seine Karte herauskramt. Bei 3,89 Euro. Genau das Gegenteil ist der Fall. Fast schon Erleichterung, dass keine Scheine oder keine Münzen mehr angefasst werden müssen. Das wäre vor drei Monaten noch undenkbar gewesen! Das Bargeld hast du definitiv auf deinem Gewissen. Lass Dir das gesagt sein! 

Die Sache mit dem Mindestabstand & der Maskenpflicht 

Räumliches Vorstellungsvermögen war noch nie eines meiner Kernkompetenzen. Aber Du hast es geschafft, dass ich mir zumindest 1 Meter 50 jederzeit vorstellen kann. Aufkleber auf dem Fußboden der Supermärkte, Drogerien und Arztpraxen erleichtern mir das tägliche Einüben des Mindestabstands seit Wochen erheblich. Notfalls werde ich durch einen scharfzüngigen Hinweis meiner Mitmenschen daran erinnert: „Bitte halten Sie Abstand. Das sind noch keine 1 Meter 50!“ Ups, Entschuldigung. Ich war kurzzeitig unaufmerksam und habe mich zu altem Verhalten hinreißen lassen. Im Zeitalter vor Corona. Einfach nicht gedanklich das Maßband zücken und Distanzen einschätzen. Kommt nicht wieder vor! Wäre ja noch schöner, wenn mich meine Träumereien am Ende zu allem Überfluss 150 Euro Bußgeld kosten würden. 

Schlimm genug, dass ich schon angepflaumt wurde, weil ich instinktiv ein paar Äpfel im Supermarkt aufheben wollte, die einer älteren Dame aus der Einkaufstasche gekullert waren. Da war mein Anstand leider schneller und der Mindestabstand aus erziehungstechnischen Gründen mit einem Mal dahin. Mist! Ich gelobe Besserung. Dass ich neuerdings nur noch vermummt mit Maske einkaufen gehen darf, kann ich Dir auch noch nicht ganz verzeihen. Das macht nämlich überhaupt keinen Spaß. Entweder ich sehe kaum etwas, weil meine Brille durch den Mund-Nasen-Schutz fast minütlich beschlägt, oder aber ich bin kurz vorm Erstickungsanfall, weil ich unter der Maske keine Luft mehr bekomme, wenn ich in einer Endlosschlange stehe. Hatte ich schon erwähnt, dass eine Bestellung an der Wursttheke zu einer wahren Schreiorgie ausartet, weil sich zwei Menschen mit Mundschutz und im schlimmsten Fall noch einer Plexiglaswand dazwischen verhältnismäßig schlecht verständigen können?! Nein?! 

Dann habe ich es hiermit getan. Du bringst mich, liebes Coronravirus, allerdings nicht nur erbarmungslos an meine eigenen Grenzen, sondern hast auch paradoxe Verhaltensweisen zutage gefördert. Als du kamst, hast du einen regelrechten Toilettenpapier-Run, eine Hefe-Hysterie und eine Nudel-Sammelleidenschaft ausgelöst. Zumindest bei uns in Deutschland. Bei unseren Nachbarn waren es dafür Rotwein und Kondome. Das alles war nämlich wegen Dir nur noch äußerst schwer zu bekommen. Da musste man früh dran sein im Supermarkt und die neue Warenlieferung abpassen. Oder in fünf verschiedenen Läden nachschauen und nachfragen. Oder aber beim Nachbarn telefonisch um Hilfe bitten und dann wurde das Objekt der Begierde an der Haustüre deponiert. Kurz klingen und dann schnell weg wie früher beim Klingelstreich! 

Bitte kein sozialer Kontakt und keine Berührungen. Wie im Film! Nur, dass eben keiner filmt. Das Drehbuch hast sowieso Du seit Wochen in der Hand. Die zwangsweise verordnete Freizeit und das permanente Aufeinanderhocken gingen ehrlich gesagt gehörig an die Substanz. Bei allem guten Willen und aller Mühe. Es köchelt teilweise verdächtig in den Familien und Lebensgemeinschaften. Kein Wunder, denn die Zeit heilt eben in erster Linie Wunden und hat nur bedingt geholfen, die drastischen Einschränkungen und Auflagen über Wochen zu ertragen. Gelassenheit ist ein endliches Gut, wie ich bei mir selbst immer öfter feststellen muss. Die Kids sind Dir allerdings sehr dankbar, dass Eltern die sonst so streng geregelten Internetnutzungszeiten unvermittelt über Bord geworfen haben. Tablets, Smartphones und auch der Fernseher dürfen bis auf Weiteres ohne vorausgegangene Grundsatzdiskussionen benutzt werden und gerne auch mal länger. An manchen Kriegsschauplätzen fehlt durch Dich einfach die nötige Energie. Sei´s drum! 

Bevor ich es vergesse… 

Ich habe mich doch tatsächlich dabei erwischt, wie ich kurzzeitig erschrocken bin, als meine Schulfreundin Corinna unverhofft angerufen hat. Als ihr Name auf meinem Smartphone erschien, habe ich versehentlich Dich dahinter vermutet. Corona ruft an?!? Der unsichtbare Feind? Um Gottes willen, was soll das denn? Ich geh da nicht dran! So weit ist es schon gekommen. Aber man soll den Virologen bekanntlich im Dorf lassen. Oder wie heißt das der Ausdruck nochmal?! Nun gut, wir allen wollen das Beste aus dem „neuen“ Leben mit Dir machen. Immerhin gibt es nun Perspektiven. Für den Einzelhandel, die Schulen, die Gastronomie und den Tourismus. Aber du solltest wenigstens ein schlechtes Gewissen haben. 

Und zwar ein großes. Ich frage mich manchmal wirklich verzweifelt, wie kaputt ist unsere Wirtschaft am Ende, wenn dein Höhepunkt vorbei ist oder ein Impfstoff entwickelt wurde? Werden wir jemals wieder einen Alltag ohne Schutzmasken und Plexiglaswände erleben? Leute spontan umarmen? Okay, ich will jetzt wieder mutig nach vorne schauen. Wenn auch nur dünn optimistisch. Irgendwie geht es schließlich immer weiter. Das habe ich von meiner Großmutter gelernt und die hat bereits den zweiten Weltkrieg mit mehreren Bombenangriffen überlebt. Wir lassen uns nicht unterkriegen, liebes Coronavirus! Mit Sicherheit nicht. 

Viele Grüße Kathrin Dorsch

Auch interessant

Meistgelesen

Die Allgäuhalle (Tierzuchthalle) in Kempten 
Die Allgäuhalle (Tierzuchthalle) in Kempten 
Fahrradfreundlichkeit und Verkehrssicherheit wurden im Verkehrsausschuss groß geschrieben
Fahrradfreundlichkeit und Verkehrssicherheit wurden im Verkehrsausschuss groß geschrieben
Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz: Alte Linde bleibt erhalten
Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz: Alte Linde bleibt erhalten
Diebstahl in Baustellengelände
Diebstahl in Baustellengelände

Kommentare