Landwirtschaft im Wandel

Zwischen Romantik und Realität – 1. Teil

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Franz Mayrhörmann mit seiner Tochter Veronika. Bewusst hat er sich gegen eine Betriebserweiterung entschieden. 30 Kühe stehen in seinem Stall. Auch Veronika möchte den Hof so weiterführen.

Die Ställe werden größer, die Kühe haben Nummern statt Namen, es melkt der Roboter, die Fahrzeuge und Anhänger gleichen UFOS; die Traktoren fahren bis tief in die Nacht. Den Bauernhof aus dem Bilderbuch scheint es nur noch selten zu geben. 

Stattdessen Industrialisierung auch im nördlichen Oberallgäu und im Westallgäu, und das, wo doch die Milchpreise so schlecht sind. Warum ist das so? Was sind die Folgen? Und was haben wir Verbraucher damit zu tun? Eine Spurensuche in der Region.

Die Sonne streckt ihre ersten Strahlen hinter dem Hügel hervor. Die saftigen Wiesen sind in ein sanftes Licht getaucht. Tautropfen glitzern an den Grashalmen. Auf der Kreisstraße LI7 zwischen Meckatz und Wombrechts hat sich eine lange Autoschlange gebildet. Ein Auto hupt. Der Grund: Die 28 Braunviehkühe der Familie Bechteler queren die Straße. Ein Autofenster senkt sich: „Ihr könnt doch nicht immer da hinstehen, ich muss zur Arbeit!“, sagt der Fahrer zu dem Mann mit der Warnweste, der die Straße sperrt.

Ottmar Bechteler bewirtschaftet seinen kleinen Hof mit seiner Frau Anita im Nebenerwerb, wie mittlerweile zwei Drittel der Landwirte ihrer Gemeinde. Hier in Heimenkirch in der Urlaubsregion Westallgäu ist der Strukturwandel stark zu spüren – gerade in letzter Zeit. Im Jahr 2000 gab es bei rund 3600 Einwohnern noch gut 60 landwirtschaftliche Betriebe. 2016 waren es noch 38. Im Jahr 2000 hatte ein Betrieb dort im Schnitt circa 22 Kühe. 2016 lag die durchschnittliche Kuhzahl mit 39 Kühen pro Betrieb gut doppelt so hoch, sagt Bechteler, der Vorstand des Bayerischen Bauernverbandes ist. Die drei größten Höfe haben circa 75 Kühe. In der Nachbargemeinde Hergatz gibt es schon drei Betriebe mit über 100 Kühen.

Bechteler ist hauptberuflich Maler. Vor und nach der Arbeit versorgt er noch das Vieh. Sein Arbeitstag beginnt um fünf Uhr und endet um 21 Uhr. Ein großer Teil der Arbeit wird von seiner Frau erledigt. „Die Bäuerinnen sind das Rückgrat der Betriebe“, sagt Anita Bechteler und lacht. Im Moment gibt es in Heimenkirch noch ein paar kleinere Höfe, die bald aufgegeben werden, weil die Landwirte in Rente gehen.

Auch die Söhne der Bechtelers gehen wahrscheinlich nicht in die Landwirtschaft. Sie studieren Forstwissenschaften und Elek- tronik. Das Interesse am Hof wäre schon da, wie Anita Bechteler sagt, aber mit ihrem Studium müssen die Jungen wahrscheinlich in einer größeren Stadt arbeiten und können sich dann nicht um den Hof kümmern. Von 28 Kühen kann man nicht leben, sagt sie: „So wie wir wirtschaften, macht das noch unsere Generation. Dann ist Schluss.“

Im Gemeindeleben ist die geringere Zahl an Landwirten bereits zu spüren. Wenn es unter tags brennt, können noch etwa fünf Feuerwehrleute zum Löschen kommen, der Rest arbeitet in Lindau oder weiter weg. Auch der ein oder andere Urlauber fragt, warum die Landwirte so große Ställe bauen.

Zu Gast bei Markus Böckler aus Binzenried. Ein Hof mit Geranien, Gemüsegarten und Kapelle im Norden von Kempten. Hinter dem Wohnhaus steht der im Jahr 2006 gebaute Stall. Dort sind 100 Kühe mit Nachzucht untergebracht. Das Jungvieh verbringt den Sommer auf der Alpe, die Kühe grasen auf den Flächen in der Nähe des Hofes. „Man muss bedenken, dass die Ställe heutzutage aus Gründen des Tierwohls viel großzügiger und höher gebaut werden als früher“, gibt der Landwirt an, „die Tiere haben mehr Platz, die Luft ist besser.“

Bauern sterben

durch Preisdruck

Aber es geht auch um wirtschaftliche Zwänge. „Ganz klar: Preisdruck führt zu Strukturwandel“, sagt Böckler. Der Milchpreis ist niedrig, die Landwirte müssen so effektiv sein wie möglich. Böckler nennt ein Beispiel: Um eiweißreiches Futter zu ernten, das für eine gute Milchleistung sorgt, muss das Gras zu einem bestimmten Zeitpunkt gemäht werden. Regnen darf es in der Erntezeit nicht, weil das Futter sonst verdirbt. Man kann weniger gut planen als in der Industrie. Das übt Druck aus. Mit einem entsprechend leistungsstarken Maschinenpark können die Schön-Wetter-Fenster genutzt und die Ernte gesichert werden. Das Gleiche beim Stallbau. Wird für mehr Kühe gebaut, sinken die Kosten pro Kuhplatz, weil einige Investitionen auch bei kleinen Bauten anfallen: Erschließung, Strom, Güllegrube; auch kleine Melkanlagen sind verhältnismäßig teuer. Mit einer größeren Kuhzahl sind die Investitionskosten schneller wieder hereingemolken. Bis zu einer gewissen Grenze ist größer wirtschaftlicher, erklärt Böckler. „Vor allem vor 30 Jahren galt: Wer dabei bleiben wollte, musste effizienter und somit größer werden.“ Und es geht um den Lebensstandard, sagt er: „Ich will auch ein Stück weit mit dem mithalten, was meine Freunde in der Industrie verdienen.“

Aber das Wachstum birgt auch Gefahren. In der Branche ist es üblich, Investitionskredite über 20 bis 30 Jahre zurückzuzahlen, oft bis in die nächste Generation. In der Krise 2015/16 ist der Milchpreis teils auf 20 Cent pro Liter gefallen. Eine Katastrophe für viele Landwirte; vor allem für jene, die gerade in einen größeren Stall investiert hatten. Sie standen vor dem Ruin. Um die Kredite zurückzahlen zu können, brauchten sie je nach Finanzierungsmodell 25 bis 35 Cent pro Liter. Als Ausgleich produzierten sie noch mehr. So war aber wieder mehr Milch auf dem Markt und der Preis wurde wiederum gedrückt. Inzwischen ist der Kreislauf durchbrochen und der Preis hat sich etwas erholt.

Ein Problem bleibt aber, sagt Tobias Willburger, der gerade die Technikerschule in Triesdorf besucht. Er bewirtschaftet mit seinen Eltern den Alexanderhof in Leutkirch-Ausnang. Mit 83 Kühen produzieren sie Biomilch. „Das größte Problem in Deutschland ist, dass der Milchpreis in keinster Weise von den Produktionskosten abhängt, sondern einzig von der Akzeptanz der Verbraucher.“ Es brauche mehr einzigartige Markenprodukte, denn sonst sei die Milch austauschbar und die vielen Anbieter stehen weiterhin in großer Konkurrenz zueinander. Mit Markenprodukten müsse man auch nicht für die Discounter produzieren, sondern könne sich selbst am Markt positionieren. Bei den Discounter-Hausmarken sei es egal, welche Molkerei oder welcher Bauer hinter dem Label produziere. Die Molkereien sind auswechselbar, auch innerhalb der EU.

Böckler hat inzwischen in eine Milchtankstelle investiert. An der Kemptener Ausfallstraße können Kunden ihre Milch selbst zapfen. Die Auflagen für Direktvermarktung seien hoch, aber ihm gefällt, dass er den Preis für seine Milch selbst ausloten und festlegen kann und im kleinen Rahmen eine höhere Wertschöpfung erzielt

"Konsum ist nicht alles"

Eine andere Philosophie hat Karl Mayrhörmann. Er bewirtschaftet einen Betrieb mit rund 30 Fleckviehkühen im Ostallgäuer Obergünzburg. Seine Meinung: „30 Kühe sind die Grenze“, sagt er. „Wird man größer, bewältigt man die Arbeit nicht mehr mit kleinen, einfachen Geräten. Dann bietet die Industrie tolle Maschinen, die die Arbeit erleichtern, aber teuer sind.“ Und dann gehe der Kreislauf aus Investitionen in größere Gerätschaften und Aufstockung der Kuhzahlen und Stallbau los. „Und dann ist man sein eigener Sklave und der der Bank. Ein Teufelskreis.“

Mayrhörman hat Anfang der 1980er Jahre einen maroden Hof mit Schulden von seinen Eltern übernommen. Damalige Berater meinten, es sei besser, sofort aufzuhören. Er würde mit dieser Betriebsgröße nicht überleben können. „Ich wollte mir aber noch zwei Jahre geben und schauen, ob ich es schaffe“, sagt er.

Mitte der 1980er Jahre hat Mayrhörmann dann aufgehört seinen Kühen Kraftfutter zu geben und die Felder mineralisch, das heißt mit Kunstdünger zu düngen. „Ab da ist es aufwärts gegangen“, sagt er. So groß waren die Einsparungen, die er erzielte. Zehn Jahre lang hat sich der Landwirt an die biologische Wirtschaftsweise herangetastet und dann umgestellt.

Seine Kühe, die auf die Wiesen um den Hof ausgetrieben werden, werden im Durchschnitt 9,5 Jahre alt und erreichen eine Lebensleistung von 30.000 Kilogramm Milch. Die deutsche Durchschnittskuh schafft vier bis fünf Jahre. Durch die älteren Kühe muss Mayrhörmann wenig Jungvieh nachziehen und hat somit geringere Tierarztkosten; es wird billiger, den Bestand zu ergänzen. Die Devise des Landwirts: „Wenn der Betrieb klein bleibt und die Maschinen nicht hoch technisiert, können diese leichter bedient und repariert werden. Und die Kühe können besser auf die Weide, weil kleinere Herden nicht so viel Gras niedertrampeln; der Bauer kann leichter zäunen.“

1996 wurde ein Laufstall gebaut – ohne Vergrößerung. Auf einen Teil der staatlichen Förderung hat Mayrhörmann verzichtet, weil er als Voraussetzung dafür auf 60 Kühe erweitern hätte müssen. Kürzlich hat er einen Traktor angeschafft – ohne Schulden, wie er anmerkt.

Günther Rehm ist Bildungsberater am Amt für Ernährung und Landwirtschaft (AELF) Kempten. Früher war er mit der Bau- und Finanzierungsberatung und der Investitionsförderung im Bereich des Laufstallbaus betraut.

„Die Entscheidung, wie groß ein neuer Laufstall gebaut werden soll, liegt voll und ganz beim Betriebsleiter und seiner Familie“, sagt er. Auch wenn eine Investitionsförderung in Anspruch genommen wird, gebe es von Seiten der Richtlinien keine Vorgabe, dass der Betrieb wachsen und sich vergrößern muss. Um eine Investition finanzieren zu können und wirtschaftlich zu gestalten, ergeben sich aber gewisse Zwänge, erklärt Rehm. Die höheren Festkosten müssten mit einem höheren Umsatz ausgeglichen werden. Und für diesen höheren Umsatz sei eine gesteigerte Produktion notwendig. So hätten die meisten Landwirtsfamilien mit der Laufstallbaumaßnahme ein gewisses Wachstum vollzogen.

Rehm erklärt, dass es ihm in seiner Tätigkeit als Berater immer ein großes Anliegen war, dass der mit der Laufstallbaumaßnahme verbundene Wachstumsschritt mit Maß und Ziel erfolgt, dass die Finanzierbarkeit auch bei rückläufigen Milchpreisen weiterhin gesichert und die Arbeitsbelastung für die Familie künftig tragbar war: „Man muss auch nach einer Investition noch ruhig schlafen können und auch ein Urlaub mit der Familie muss weiter drin sein!“

Unter diesen Voraussetzungen habe die Investitionsförderung vielen Familien geholfen, ihrem landwirtschaftlichen Betrieb für die nächsten 20 bis 30 Jahre eine Perspektive zu geben.

Eine ganze Reihe von Laufstallbaumaßnahmen seien auch getätigt worden von bereits aktiven Biobetrieben beziehungsweise Betrieben, bei denen eine Umstellung geplant war. Bei diesen Betrieben seien als Beweggründe für den Laufstallbau die artgerechte Tierhaltung sowie die Erfüllung der Biovorgaben im Vordergrund gestanden und weniger ein betriebliches Wachstum.

Kann eine

Förderung helfen?

Der Staat hat jetzt Fördermöglichkeiten für kleine zusätzliche Standbeine geschaffen. So liest man auf den Seiten des Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF): Es gibt beispielsweise eine Weideprämie. Über das Vertragsnaturschutzprogramm wird die schonende Bewirtschaftung von ökologisch wertvollen Wiesen, Weiden, Äckern und Teichen gefördert; über das Kulturlandschaftsprogramm Maßnahmen für den Erhalt der Biodiversität wie Hecken und Blühstreifen. Und die ersten 30 Hektare eines Betriebes erhalten einen größeren Zuschlag zur Betriebsprämie als die folgenden Hektare, womit kleinere etwas bevorteilt sind. Seit Neuestem gibt es eine Stallbauförderung für kleine Betriebe im bayerischen Sonderprogramm Landwirtschaft. Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner hat dazu eine Pressemitteilung herausgegeben. Ausdrücklich will er mit der Maßnahme kleinere Höfe fördern, die von Anbindehaltung auf Haltung im Laufstall umstellen oder Heutrocknungsanlagen auf Basis regenerativer Energien installieren möchten.

Verbände und Politik diskutieren gerade stark über ein Verbot der Anbindehaltung und eine nötige Übergangsfrist. Vor allem Bayern, wo 50 Prozent der Kühe noch angebunden gehalten werden (newsletter agrarheute), wären dadurch viele vor allem kleine Betriebe bedroht, für die die Investition in einen Neubau zu groß wäre. Vielleicht kann das Sonderprogramm des bayerischen Landwirtschaftsministers Brunner den Effekt abmildern – ein Wermutstropfen: Für geförderte Bauvorhaben können kein eigenes Holz oder gebrauchte Baumaterialien verwendet werden.

Mayrhörmann ist nun im Ruhestand. Tochter Veronika steigt jetzt in die Landwirtschaft ein. Sie hat zuerst eine Ausbildung zur Holzmechanikerin gemacht und dann als Sachbearbeiterin in einer Softwarefirma gearbeitet. Sie wird den Hof im Vollerwerb in seiner jetzigen Form weiterführen. „Für mich ist wichtig, in der Natur und bei den Tieren zu sein“, erklärt sie, „in meinem vorigen Job war der Zeitdruck enorm. Ich möchte die Sachen aber lieber richtig machen, statt nur schnell. Auf dem Hof arbeite ich für mich und kann meine eigenen Entscheidungen treffen.“ Muss sie auf etwas verzichten? Finanziell nicht. „Konsum ist nicht alles“, sagt sie. Aber freie Wochenenden wird es nur noch selten geben. Die Erfahrung hat sie schon zu Schulzeiten gemacht, als ihre Freundinnen beim Baden waren und sie bei der Heuernte. Vergrößern will Mayrhörmann erst einmal nicht. Aber ihr fällt auf, dass vor allem die jungen Hofnachfolger, die gerade von der Landwirtschaftsschule kommen, „erst einmal groß Stall bauen und investieren“.

Im März dieses Jahres lief der Film „Bauer unser“ in den Kinos. Dort ging es um die Misere der Landwirte in Österreich und die Zwänge, die von Industrie, Politik und Verbrauchern ausgeübt werden. Eine Botschaft des Films: Auch in den Schulen würde vermittelt, dass das betriebliche Wachstum das Mittel der Wahl sei. Lernmaterial der Dünge- und Futtermittelindustrie würden in den Lehranstalten verwendet. Hat also die landwirtschaftliche Aus- und Weiterbildung mit dem immer schnelleren Wachstum der Betriebe zu tun?

Fortsetzung folgt auf der nächsten Grünen Seite am 26. Juli 2017.  Susanne Kustermann

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