Shadowing-Projekt 

Auf einen Kaffee mit den Schattenfrauen

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„Diese Aktion war eine super Sache. Hier konnte ich in die Kommunalpolitik unverbindlich rein schnuppern und für mich feststellen: ich möchte mich einbringen und mit gestalten“, sagt Cornelia Rohloff.
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„Ich finde es immer blöd, nebendran zu stehen und sich zu ärgern, statt irgendetwas zu machen. Schließlich steht es jedem offen in die Politik zu gehen“, sagt Anja Zengerle.
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„Für mich war das Projekt echt ermutigend, so dass ich sage, ich kann das auch“, sagt Sabine Herz aus Kempten.

Kempten – Gegen 16 Uhr zieht bereits der Nebel in der Stadt auf, draußen wird es unangenehm kühl und langsam dunkel. Genau die richtige Zeit, sich gemütlich in ein Café zu setzen und zu plaudern.

Der Kreisbote hat sich mit drei Frauen getroffen, die bei dem Shadowing-Projekt der Stadt Kempten teilgenommen haben. Ein Projekt, dass die Frauenbeauftragte Katharina Simon zusammen mit aktuellen Stadträtinnen ins Leben gerufen hatte. Ziel dieser Aktion war es, Frauen mit Interesse an kommunalpolitischen Themen zu gewinnen, die sich auch vorstellen könnten, aktiv im Stadtrat mitzuarbeiten. Drei Monate lang hatten die Frauen Gelegenheit zusammen mit ihren Rätinnen Ausschüsse und Stadtratssitzungen zu besuchen. Insgesamt haben seit September 15 Frauen am „Shadowing-Projekt“ teilgenommen, drei davon standen uns Rede und Antwort.

Zufällig entdeckt Anja Zengerle (32) den Aufruf für das Stadträtinnen Shadowing Projekt als Post auf ihrer Facebook-Seite. Die gebürtige Kemptenerin hatte schon immer Interesse am kommunalpolitischen Stadtgeschehen und hatte deshalb die Beiträge der Stadt auf Facebook abonniert. Obwohl ihr erster innerer Beweggrund anfangs eher nicht von politischer Natur war. Denn seit einiger Zeit beschäftigt sich die junge Frau mit dem Feminismus und der Rolle der Frau. „Ich war einfach interessiert daran, taffe Frauen kennenzulernen“, so Zengerle. 

Auch „Shadowing“ ist für die Projektmanagerin kein Fremdwort, schließlich kennt sie solche Methoden von ihrer Arbeit. Seit zwei Jahren behauptet sich die 32-jährige Hochschulabsolventin in der Nähe von Landsberg bei einem großen Automobilzulieferer. Sie ist es gewohnt, sich in einer von Männern dominierten Arbeitswelt zurechtzufinden und auch durchzusetzen. Über den Kontakt der Frauenbeauftragten bekommt Zengerle die Stadträtinnen, Katharina Schrader und Ingrid Vornberger der SPD vermittelt, die sie über einen Zeitraum von etwa drei Monaten zu Ausschüssen und Stadtratssitzungen begleiten darf. 

Schon nach den ersten Treffen stellt Zengerle fest: „Die beiden sind echte Powerfrauen.“ So sei für die Arbeit als Stadträtin nicht nur der Zeitaufwand enorm, auch das Zeitmanagement sei nicht zu unterschätzen. Trotzdem zögert Zengerle nicht, als ihr bereits in den ersten Wochen nach ein paar Treffen ein freier Platz auf der SPD-Liste angeboten wird. Kurzerhand lässt sie sich zur Stadtratswahl im kommenden März aufstellen. „Ich weiß, es ist viel Verantwortung und ich würde das nicht auf die leichte Schulter nehmen“, sagt sie. 

Besonders liegen der jungen Frau Gleichstellungsthemen und der Umweltschutz am Herzen. Unterstützung bekommt Zengerle von der Familie und aus dem Freundeskreis. 

So war letztendlich die Unterstützung der Familie der Beweggrund, warum sich die 54-jährige Sabine Herz dazu entschlossen hatte, beim Shadowing Projekt der Stadt mitzumachen. Erfahren hatte die Fachlehrerin für Hauswirtschaft und Ernährung davon durch einen Bekannten. „Mach es doch endlich!“, sagten ihre beiden Töchter unisono, als sie diesen Vorschlag in den Familienrat einbrachte. 

An den kommunalpolitischen Themen der Stadt hatte die 54-jährige Kemptenerin schon immer ein großes Interesse. Das Shadowing-Projekt erschien ihr genau richtig, um einmal das Aufgabengebiet einer Stadträtin zu „beschnuppern“. 

Seit Ende Oktober begleitete sie Erna-Kathrein Groll (Bündnis `90/die Grünen) als Schattenfrau in Ausschüsse und zu Stadtratssitzungen. Bereits nach den ersten Haushaltsverhandlungen, war sie „total geflasht“ von den millionenhohen Summen, über die verhandelt und die in die Haushalte eingestellt wurden. „Das war alles so megaspannend“, gibt sie zu. 

Die Arbeit der Stadträtin Groll beeindruckte die 54-Jährige sehr. So hätte sich die Rätin bereits im Vorfeld mit den anstehenden Themen beschäftigt, recherchiert und konnte auch mit Alternativen aufwarten. Allerdings musste Herz auch feststellen, dass dieses ehrenamtliche Engagement mit einem hohen zeitlichen Aufwand verbunden ist, der nicht zu unterschätzen ist – gerade mit Familie. Doch die Möglichkeit aktiv an der Stadtpolitik mit zu gestalten, war für Herz so „inspirierend“, dass sie sich entschied, sich als Stadtratskandidatin der Grünen für die nächste Wahl aufstellen zu lassen. Gerade mit ihrer Teilzeitstelle sei ein solches Ehrenamt sehr gut kombinierbar, sagt sie. 

Dass nur wenige Frauen im Kemptener Stadtrat sind, liege ihrer Meinung nach an der falschen Bescheidenheit der Frauen, denn diese hindere sie oft, solche Positionen überhaupt in Betracht zu ziehen. Als Kemptenerin und Mutter von zwei Töchtern liegen ihr Themen wie Kinder, Schule und Senioren besonders am Herzen aber auch das Thema ÖPNV „brenne ihr auf den Nägeln“. Außerdem strebt sie die Erhaltung des Stadtbildes und die Ausweitung der damit verbundenen Grünflächen an. 

Auch die 51-jährige Cornelia Rohloff fühlt sich verwurzelt mit der Stadt Kempten, „besonders mit dem Norden“, wie sie betont. Rohloff ist verheiratet und lebt schon immer im Kemptener Norden. Als sie dort eher zufällig den Kreisbote in die Hände bekommt und darin den Aufruf zum Shadowing Projekt der Stadt Kempten entdeckt, zögert die Steuerfachgehilfin nicht lange und meldet sich. Nachdem ihr die letzten Jahre einfach die Zeit gefehlt hatte, da die Pflege ihrer Eltern viel Zeit in Anspruch genommen hatte, entschied sie sich im September für dieses Projekt. „Einfach immer nur mosern und kritisieren ist keine Lösung und Protestwählen schon gar nicht“, sagt Rohloff. V

on Oktober an begleitete sie Birigt Geppert (CSU) als Schattenfrau in verschiedene Ausschuss-Sitzungen u.a. in den Umweltausschuss, Kulturausschuss und in den Ausschuss für soziale Fragen. Von der Vielfältigkeit der Themen war Cornelia Rohloff stark beeindruckt. „Toll, war auch zu sehen, dass man sich auch für die Belange der Bürger einbringen kann“, erklärt sie. Gerade für Rohloff ist die Bürgernähe ein wichtiges Anliegen, denn auch sie erinnert sich an ein Projekt, gegen das sie selbst als Anwohnerin gekämpft hatte. Da sei es eben schön, wenn man jemanden habe, an den man sich wenden kann. 

So liegen der Kemptenerin gerade die Verbesserung der Radwege und der Übergänge am Herzen. Die Themen wurden im Stadtrat immer sachlich diskutiert und man konnte auch Fragen stellen, sagt Rohloff. Auch die Möglichkeit andere Aspekte oder Denkweisen in die Sitzung einzubringen, fand die 51-Jährige bei den Sitzungen wichtig. So hat sich Rohloff inzwischen entschieden, sich weiterhin für ein wirtschaftlich starkes Kempten einzusetzen und lässt sich für die kommende Wahl im März als Stadtratskandidatin für die CSU aufstellen. Dass dafür ein perfektes Zeitmanagement nötig ist, weiß die Accounting-Angestellte, „aber mit einer Teilzeitstelle lässt sich das Ganze gut vereinbaren.“ 

Für unsere interviewten Schattenfrauen war das Shadowing-Projekt der Stadt Kempten ein Erfolg. Schließlich hat es ihnen geholfen den ersten Schritt zu wagen und sich zu melden. Alle drei Frauen können dieses Projekt nur empfehlen und halten eine Fortführung für sinnvoll.

Tamara Lehmann

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