"In einer aufregenden Zeit"

Rupert Ebbers, Leiter der Pfarreiengemeinschaft Kempten-West, informiert die Gemeindemitglieder über die mögliche Fusion von St.-Michael und St.-Hedwig. Foto: Kampfrath

Die katholische Kirche befindet sich derzeit in einem strukturellen Wandel. Wegen des Priestermangels gründen sich immer mehr Pfarreiengemeinschaften. In manchen Fällen kommt es sogar zur Zusammenlegung von Pfarreien. Vor wenigen Monaten gab das Bistum Augsburg den Anstoß, in Kempten St.-Michael und St.-Hedwig zu fusionieren. Am Donnerstagabend fand dazu eine Pfarrversammlung im Pfarrsaal von St. Michael statt. Eine Entscheidung fiel jedoch vorerst nicht.

Rund 90 vorwiegend ältere Zuhörer saßen an den Tischen. Es sei ein besonderer Abend mit besonderem Thema, sagte der Moderator Ludwig Hörmann, Referent für Gemeindeentwicklung in der Region. „Wir leben kirchlich gesehen in einer aufregenden Zeit.“ Als ein Beispiel nannte er das Schlagwort Raumplanung 2025, wo es um den Zusammenschluss von Pfarreien geht. „Was uns alle antreibt, ist die Sorge um unsere Gemeinden, unsere Diözese und letztlich unsere Kirche“, verkündete Hörmann. Man werde an dem Abend keine Entscheidung treffen, ob die Fusion demnächst stattfinde oder nicht. Die beiden Gemeinden St.-Michael und St.-Hedwig gehören zur Pfarreiengemeinschaft Kempten-West. Deren Leiter, Pfarrer Rupert Ebbers, informierte über die bisherigen Schritte. So gab es am 16. Februar dieses Jahres ein Gespräch mit dem Generalvikar, Domkapitular und anderen führenden Personen in Augsburg zur Klärung vieler Fragen und Punkte. „Der Abend lag mir zuvor im ganzen Urlaub im Magen“, offenbarte der Geistliche. Die vier Gemeindemitglieder, die mitgefahren waren, schilderten ihre Erfahrungen. „Ich war positiv überrascht, dass es ein Gespräch auf Augenhöhe war. Ich verspürte keinen Zwang“, meinte Monika Schiller, Vorsitzende des Pfarrgemeinderats von St.-Hedwig. „Ich war erfreut, dass das Gespräch in einen offenen Dialog gemündet ist“, so Herbert Kesel, Kirchenpfleger von St.-Michael. „Es war ein offenes Gespräch möglich“, berichtete Peter Henze, Kirchepfleger von St.-Hedwig. „Es freute mich, dass sie uns nicht drängten, sondern dass es uns offen steht, wie wir es gestalten“, erklärte Rudi Daltrozzo, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats von St.-Michael. „Die beiden Gemeinden, die fusionieren sollen, sind sich nicht fremd, sondern gehören seit zehn Jahren zu einer Pfarreiengemeinschaft“, betonte Ebbers. Wegen der gleichen Größe von je knapp 2100 Mitgliedern seien die Pfarreien kompatibel zueinander. Beide hätten mit der Nordschule dieselbe Grundschule. „St.-Hedwig und St.-Michael verbindet auch eine ähnliche soziale Struktur. Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund beträgt jeweils 70 Prozent.“ Fehler nicht wiederholen Darüber hinaus seien die Pfarreigrenzen verzahnt und die Kassen ähnlich knapp. Fusionierung sei vielleicht ein nicht sehr passendes Wort. „Wir haben vor unserer Haustür schlechte Erfahrungen gemacht, als am 1. September 2011 Christi Himmelfahrt mit St.-Lorenz fusionierte“, verdeutlichte Ebbers. Dabei habe man auf beiden Seiten Fehler begangen. „So wollen wir es nicht.“ Im Unterschied dazu gingen St.-Hedwig und St.-Michael heute schon einen gemeinsamen Weg. So feiere man beispielsweise zusammen Osternacht, Erstkommunion und Firmung. „Nach einer Fusion wird keine Kirche abgerissen“, versprach der Pfarrer. „Im Anschluss an die Fusionierung wählen wir eine gemeinsame Kirchenverwaltung.“ Die Gemeindemitglieder würden noch enger zusammenwachsen. Fusionierung sei der Zusammenschluss zweier Stiftungen zu einer Stiftung durch Zulegung. Letzteres heiße, dass eine Stiftung in die andere integriert werde. Für eine Fusion spreche die Vereinfachung des Verwaltungsaufwandes. Durch den Wegfall einer Kirchenverwaltung würde er als Pfarrer entlastet. Ein weiterer Grund für eine Zusammenlegung sei, dass sie mittelfristig notwendige Einsparungen ermögliche. Denn eine Reduzierung der laufenden Kosten sei nötig. „Wir werden in 20 Jahren wahrscheinlich nicht mehr die bauliche und personelle Situation wie heute haben“, mutmaßte Ebbers. Gegen eine Fusionierung spräche, wenn St.-Hedwig und St.-Michael in absehbarer Zeit wieder je einen eigenen Pfarrer hätten oder wenn sich beide Stiftungen aus ihren Erträgen selbst finanzieren könnten. „Die Fusion muss auch ein geistlicher Weg sein, den wir zusammen als Schwestern und Brüder im Glauben gehen“, meinte Rupert Ebbers. Herbert Kesel befürwortet eine Zusammenlegung der beiden Pfarreien: „Die Fusion stellt eine Chance dar, die Probleme, die Gegenwart und Zukunft bringen, gemeinsam zu bewältigen.“ Einige der Zuhörer schlossen sich seiner Ansicht an. Doch nicht alle begrüßten eine mögliche Fusionierung. „Ich bin für die Beibehaltung der bisherigen Strukturen“, sagte Anton Böck, Diakon im Ruhestand. Für ihn werde bei der Großraumplanung alles anonymer. „Die Unruhe bei der Umstrukturierung ist im Bistum Augsburg am größten“, erklärte Böck und ernte dafür viel Applaus. „Wir brauchen die Kirche vor Ort“, bekannte Hans Fasser, Vorsitzender des Fördervereins St. Michael. Er könne sich nicht vorstellen, dass sich die Leute aus seinem Förderverein für eine gemeinsame Stiftung aussprechen. „Eine Fusionierung ist möglicherweise ein Schritt ins Ungewisse. Wenn man den Pfarrgarten verkaufen würde, könnte St.-Michael weiter 20 Jahre alleine existieren“, erklärte Alfred Stutz, der seit 40 Jahren ehrenamtlich für St.-Michael arbeitet. „Über die Fusionierung wird nicht der Pfarrer entscheiden, sondern die Kirchenverwaltungen und Pfarrgemeinderäte beider Gemeinden“, bekräftigte Ebbers gegen Ende der Veranstaltung.

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