Einst Gymnasium, heute Mittel-, Förder- & Grundschule

Bayern schult junge Lehrer um: Eine sinnvolle Maßnahme? – Teil 2

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Die Ausbildung für Zweitqualifikanten läuft an einer Förderschule ganz anders ab als an einer Mittelschule.

Mit der sogenannten „Sondermaßnahme“ qualifiziert der bayerische Staat seit drei Jahren bereits ausgebildete Gymnasial- und Realschullehrer für die Mittel-, Grund- und Förderschule, wo Kräfte dringend gebraucht werden.

VON SUSANNE KUSTERMANN

Fortsetzung von Dienstag, 2. Oktober

Während sich an den Realschulen und Gymnasien seit Jahren vor allem in den gesellschaftswissenschaftlichen und sprachlichen Bereichen mehr Lehrer bewerben, als Stellen zur Verfügung stehen, fehlt an den Mittel-, Grund- und Förderschulen Personal. Das Kultusministerium spricht in seiner Prognose von „Bewerberengpässen“ und Nachholbedarf bei den Einstellungszahlen. Und der Bedarf wächst, die Schülerzahlen steigen. Bis 2030 könnten die jährlichen Lehrer-Einstellungen an der Mittelschule von derzeit 890 auf 1430 anwachsen. Ist die Sondermaßnahme, an der in diesem Schuljahr rund 860 Lehrer neu teilnehmen, der richtige Weg, dem Mangel zu begegnen? Worin liegt überhaupt der Grund für das Missverhältnis? Wie könnte in Zukunft gewährleistet werden, dass sich Lehrer-Bedarf und Angebot decken? – Eine Nahaufnahme.

Die Sondermaßnahme sei aber nur ein Instrument, um dem hohen Bedarf zu begegnen, erklärt Kreuzer: 4300 Lehrkräfte seien in diesem Schuljahr auf eine Planstelle eingestellt worden. Wie die Pressestelle des Kultusministeriums präzisiert, seien dadurch „im Gegensatz zu anderen Bundesländern alle staatlichen Lehrerstellen mit ausgebildetem Personal ausgestattet worden“. „Wenn alle Lehrer ihre Arbeit antreten, sind im neuen Schuljahr alle Stellen besetzt“, sagt Thomas Kreuzer. 850 von den 4300 Stellen seien neu hinzugekommen (siehe Kasten).

Kultusministerium rüstet auf

Wie die Verteilung zeigt, sind von der Reserve einmal abgesehen, auf die Mittel- und Grundschulen keine zusätzlichen Planstellen entfallen, auch wenn für diese beiden Schularten bereits 840 Zweitqualifikanten auf dem Markt sind. Auch diesmal sind Stellen dabei, bei denen man nicht im eigentlichen Sinn von „Lehrerstellen“ sprechen kann. 65 Stellen sind an Hochschulen für die Einrichtung neuer Grundschulstudienplätze vorgesehen, und dann noch nicht genau bezifferte Stellen für die Lehrerfortbildung im Digitalen. Aber auch wenn 92 Prozent aller bayerischen Lehrer verbeamtet seien, und nur fünf Prozent befristet angestellt, möchte Kultusminister Bernd Sibler eine weitere Sondermaßnahme auf den Weg bringen: zur Verbeamtung von „langfristig befristet angestellten Lehrkräften“, die sich bewährt haben. Neben 700 neuen Studienplätzen für Grundschullehrer hat die Regierung auch die Studienkapazitäten für Sonderpädagogik erhöht. Die Absolventen sind freilich erst in sechs bis acht Jahren auf dem Markt.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) begrüßt den Vorstoß in seiner jüngsten Pressemitteilung. Denn bisher sei es noch so, dass auch ungelernte Kräfte, Pensionisten und Studierende eingesetzt würden, um den Unterricht zu gewährleisten. Auch Förderlehrer würden als Vertretung von Fachlehrern eingesetzt und Teilzeitkräfte dazu aufgefordert, ihre Stundenzahl zu erhöhen. Vor den Ferien hatte der BLLV vor Unterrichtsausfällen gewarnt. Im angefangenen Schuljahr möchte der Lehrerverband die Situation neu bewerten und das Ergebnis in einer Pressekonferenz am 24. Oktober veröffentlichen.

Wunderlich kommt bei all den Anstrengungen des Ministeriums mehr verbeamtete Lehrer einzustellen, die Geschichte von Paula Rosemann daher (Name von der Redaktion geändert). Sie war zwölf Jahre als Fachlehrerin für Englisch an der Hauptschule tätig, bevor sie mehrere Jahre ins Ausland ging. Als mit den zunehmenden Zahlen an Flüchtlingen mehr Personal für die Integration benötigt wurde, nahm sie einen mit E9 vergüteten Halbjahresvertrag für Deutsch als Zweitsprache an einer Mittelschule an. „Übermorgen können Sie anfangen, hieß es zum damaligen Halbjahreszeitpunkt zu mir“, erzählt Rosemann, „und: Sie sind Gold wert für uns!“. In Kleingruppen unterrichtete sie also zwölf Stunden pro Woche Anfänger und Schüler mit Vorkenntnissen, darunter viele, die mit Traumata nach Deutschland gekommen waren. Rosemann besuchte Fortbildungen für ihr neues Fach und bekam einen einjährigen Anschlussvertrag bis September 2017. „Alle waren sich ziemlich sicher, dass es so weitergeht“, sagt die Lehrerin, „sie brauchten mich ja so dringend.“ Kurz vor Schuljahresbeginn stellte sich heraus, der Vertrag wurde nicht verlängert. Nach einigen Telefonaten und weiterem Hin und Her bekam Rosemann schließlich einen Vertrag als so­genannte „Drittkraft“. Diese arbeiten vor allem in der Integration und Förderung von schulpflichtigen Flüchtlings- bzw. Asylbewerberkindern. Die Drittkräfte sind bei unterrichtsbegleitenden Sprachkursen im Einsatz und halten keinen regulären Unterricht. „Ich machte mit dem neuen Jahresvertrag die gleiche Arbeit wie vorher, sogar eine Stunde mehr pro Woche und verdiente nur die Hälfte.“

Um den Vertrag überhaupt zu bekommen, sei viel Bürokratieaufwand nötig gewesen. Bis Dezember arbeitete Rosemann unentgeltlich, als das Schreiben und der Lohn dann rückwirkend ins Haus flatterten. Vor Beginn dieses Schuljahres sei fast gar keine Info mehr zu bekommen gewesen. Nun hat ihr ein Mitarbeiter der Regierung von Schwaben mitgeteilt, dass überhaupt nur noch bis Dezember Mittel für Drittkräfte zu bekommen seien. „Ende des Jahres wird es vorbei sein“, ist sich die Lehrerin sicher. Ihr drängt sich der Verdacht auf, dass die Regierung Integrationsmaßnahmen eindämmen möchte und daher einspart.

„Ganz im Gegenteil“, lautet die Antwort der Pressestelle des Kultusministeriums. Es seien die Schulen, die Fördermittel für die „Drittkräfte“ beantragen könnten. Der Freistaat Bayern habe zur Beschulung von Flüchtlingen und Asylbewerbern allein für ihren Unterricht für das Jahr 2016 insgesamt einen Betrag von rund 232 Millionen Euro aufgewandt. Mit dem Geld seien 1079 Lehrer-Planstellen sowie mehrere hundert Beschäftigungsmöglichkeiten für Lehrkräfte geschaffen worden. 415 zusätzliche Lehrerstellen seien 2017 dazugekommen. Im Jahr 2018 habe man rund 332 Millionen Euro für die Integration aufgewendet, unter anderem für 530 zusätzliche Lehrerstellen. „Dies auch vor dem Hintergrund der Weiterentwicklung der Übergangs- und Sprachintensivklassen zu Deutschklassen“, so die Pressestelle. In diesen werden die Kinder mit speziellem Sprachförderbedarf ganztags beschult. Auch ein Werteunterricht kommt hier hinzu.

Ausgleich schaffen, aber wie?

Und die Zukunft? Auf die Frage, wie man das Lehrer-Angebot an den Bedarf anpassen kann, wissen nicht alle Gesprächspartner sofort eine Antwort. Für Förderschullehrer Helm ist aber ganz klar eine ausgeglichenere Bezahlung ein Ansatzpunkt. Er kann nicht verstehen, dass die Besoldung sich zwischen den einzelnen Schularten dermaßen unterscheidet. „Ich bekomme monatlich 700 Euro mehr heraus als eine Grundschullehrkraft, in deren 30-köpfiger Klasse sich bestimmt auch fünf bis sechs Schüler mit Förderbedarf befinden – mit dem Unterschied, dass ich den Lehrplan anpassen darf.“ Auch die Klientele der Förder- und Mittelschule haben sich nach Helms Meinung sehr angenähert. Die Forderung nach „gerechterer“ Bezahlung teilt der BLLV.

Thomas Kreuzer rechtfertigt die Gehaltsunterschiede zum Berufseinstieg mit einer „graduell unterschiedlichen Wertigkeit der Lehramtsbefähigung“ durch höhere fachwissenschaftliche Ansprüche im Studium und einer längeren Ausbildungsdauer. Im Vergleich zu anderen Bundesländern sei das Gehaltsniveau sehr gut. Ein lediger Berufseinsteiger ohne Kinder an der Grund- oder Mittelschule verdiene im Jahr 2650 mehr Euro als in Brandenburg, rund 2000 Euro mehr als in Nordrhein-Westfalen und 5200 Euro mehr als in Rheinland-Pfalz. „Außerdem gibt es in der Gehaltsstufe A12 und A13 jetzt die Möglichkeit, funktionslos befördert zu werden“, sprich mehr zu verdienen.

Musterschüler Finnland kein Vorbild

Die Idee, bereits den Zugang zum Studium mit einer pädagogischen Eignungsprüfung nach finnischem Modell strenger zu limitieren, weist Kreuzer mit dem Hinweis auf die „Berufswahlfreiheit“ zurück, die in der Verfassung gesichert ist. „Auch die DDR hat bei einem Bedarf von 1000 nur 1500 Leute zum Studium zugelassen, das geht bei uns nicht“, erklärt er und macht auf die jährliche Lehrerbedarfsprognose des Kultusministeriums aufmerksam. Die Prognose müsse den Abiturjahrgängen zwingend vorgelegt werden, damit die zukünftigen Studenten über die Chancen im Lehrerberuf Bescheid wissen.

Davon hält Förderlehrer Helm allerdings nichts. „Als ich Referendar war, hieß es bis zuletzt, die Mathe- und Physik-Referendare bekämen durchwegs eine Planstelle – alle Referendare mit diesen Fächern meines Seminars standen am Ende mit nichts da.“ Aber die Religionslehrer, deren Prognosen sehr schlecht waren, seien plötzlich alle untergekommen. Helm wünscht sich, „die würden einmal richtig rechnen“. Für ihn ist es keine Überraschung, dass Förder- und Mittelschullehrer gebraucht werden, und spricht von einer „geburtenfreundlichen sozialen Schicht“. Ärzte oder andere Studienabsolventen würden seiner Meinung nach, wenn überhaupt, oft erst mit Mitte 30 Kinder bekommen. Von seiner letzten Förderschul-Abschlussklasse, seien dagegen bereits drei Mädchen schwanger. Auch dass lange Zeit davon die Rede war, die Förderzentren seien eine Übergangslösung, habe dazu geführt, dass wenige Abiturienten den Studiengang gewählt hätten.

Ein Auf und Ab: Der Schweinezyklus

Noch problematischer stellt sich das „Lehrer-Überangebot“ dar, wenn man sieht, dass die Lehrkräfte, die keine Planstelle oder eine Stelle an einer privaten oder kirchlichen Schule erhalten, oft ihr Glück in anderen Bundesländern suchen oder in die freie Wirtschaft wechseln. Wenn dann der Bedarf kurzfristig oder unerwartet steigt, stehen diese Lehrer dem Staat nicht Gewehr bei Fuß und sind meist verloren. Im Lehrerjargon und Wirtschaftsjargon: Der Schweinezyklus. Der Begriff wird immer dann verwendet, wenn Angebot und Nachfrage in periodischen Abständen schwanken – und zwar zeitversetzt, sodass sie nie zusammenpassen. Der Name stammt aus einer Dissertation aus dem Jahr 1927, in der es um Schweinepreise ging.

Mit dem guten Wirtschaftswachstum hätten die Demographen und Statistiker den Zuzug nach Bayern unterschätzt, so Kreuzer. Hinzugekommen sind die Asylsuchenden und der unerwartete Geburtenanstieg, „bis zu dem wahrscheinlich viele Interessierte von einem Grundschulstudium abgeschreckt waren“, weil der Lehrermarkt zuvor gesättigt war. Beim Geburtenanstieg könnte man den Politikern allerdings vorwerfen, nicht genügend die Werbetrommel für das Studium Grundschullehramt gerührt zu haben. Denn ein Kind kommt nicht von der Wiege in die Schule. Sechs Jahre sind Zeit bis zur Einschulung und somit für eine Reaktion.

Den Bedarf realistisch abzubilden, ist aber angesichts von Schwangerschaften, immer früheren Krankschreibungen von schwangeren Lehrerinnen und Krankheitsausfällen trotzdem keine leichte Sache. Sowohl für den Schweinezyklus als auch für diese kurzfristigen Ausfälle eine Abhilfe könnte die Idee der SPD und der Grünen sorgen. Sie plädieren, zehn Prozent der Lehrer über Budget einzustellen, damit die Schulen kurzfristig reagieren können und „damit die Schulen handlungsfähig bleiben“, wie Ilona Deckwerth, Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion für Menschen mit Behinderung und Inklusion erklärt.

Als Antwort weist CSU-Mann Thomas Kreuzer auf die mobilen Reserven an den Grund- und Mittelschulen hin und nennt die „integrierte Lehrerreserve“ an den Realschulen und Gymnasien, die beide dieses Jahr aufgestockt wurden. Nach einem weiteren geplanten Ausbau soll zum Beispiel jede Realschule mit etwa einer vollen Lehrerstelle als Reserve ausgestattet sein. Im Schuljahr 2016/2017 seien durch diesen Puffer über alle Schularten hinweg nur 1,6 Prozent des Unterrichts ersatzlos ausgefallen. Um den Forderungen der beiden Oppositionsparteien zu genügen, müsste aber eine Realschule mit 30 Lehrkräften insgesamt drei volle Stellen als Reserve bekommen.

Nicht zuletzt steht die Idee von den Grünen im Raum, die Lehrerausbildung zu Beginn zu vereinheitlichen, sodass alle Studenten zunächst in Pädagogik und Didaktik ihren Bachelor machen, anschließend den Master, auf eine von drei Altersstufen oder Förderpädagogik spezialisiert. So könnten Studenten kurzfristiger auf den aktuellen Bedarf der einzelnen Altersstufen reagieren und die unterschiedliche Wertigkeit der einzelnen Studiengänge wäre aufgehoben, die pädagogische Ausbildung bei allen gleich gut. Die Staatsregierung möchte allerdings am dreigliedrigen Schulsystem festhalten, wie Kreuzer erklärt. Sie ist der Überzeugung, Kinder sind unterschiedlich und haben unterschiedliche Bedürfnisse, für die die Lehrer auch unterschiedlich ausgebildet sein müssen.

Die Regierung möchte für einen attraktiveren Lehrerberuf bei ihrem alten Rezept von Verbeamtungen und einer „guten Bezahlung“ festhalten, ohne mehr Geld zu versprechen. Die Bedingungen seien besser geworden durch insgesamt rund 15.000 neue Planstellen seit 2008, wodurch auch Inklusion gestemmt werden könne. Die Kommunen würden mit einem Finanzierungsanteil bei der Digitalisierung von 90 Prozent vom Freistaat unterstützt. Die Gebäude seien in einem guten baulichen Zustand, erklärt CSU-Fraktionsvorsitzender Thomas Kreuzer.

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