Im Wandel der Zeit

Geschichte(n) vom ehemaligen Hotel Post

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Ansicht Hotel Post in den 1920er/1930er Jahren.

Kempten – An der Ecke Poststraße/Salzstraße steht noch heute eines jener Kemptener Anwesen, das nach außen hin auch dem ungeübten Auge vermittelt, dass sich hinter diesen Mauern nicht nur Ge-schichte, sondern auch Geschichten verbergen.

Es beginnt damit, dass es einer archäologischen Grabungsarbeit in den Aktenbergen von Archiven bedarf, um allein das genaue Datum seiner Erbauung zu ermitteln.

Eine Probegrabung führte Georg Nagel 1942 in den stiftskemptischen Akten im Auftrag des damaligen Kreisheimatpflegers Dr. Dr. Alfred Weitnauer durch. Nagel fand die erste urkundliche Erwähnung des Wirts „zum Straussen“; aber nicht des Baujahres des Gebäudes selbst. Mit dem genauen Wortlaut der Akte wandte sich Nagel nun aber an den damaligen Besitzer Karl Nägele. In der Akte Nr. 5092 sei zu lesen: „27. Oktober 1622. Christian Bufler zu Leutenhofen, Waltenhofer Pfarr, verkauft ein lehensfreies, eingezäuntes Baindlein daselbst um 19 fl an Balthaus Harscher. (Dabei Michael Gehrer, Wirt zum „Straussen“ beim Stift Kempten.)“

Damit handele es sich laut Nagel und dem amtierenden Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt eindeutig um das Anwesen Nägeles, das „Hotel Post“. Er betont die lokalgeschichtliche Bedeutung des nun nachweislich über 300 Jahre alten Gebäudes, das schon im 18. und 19. Jahrhundert zu den „hiesigen bessern Gaststätten“ gezählt habe. Dies entnimmt er den alten „Kemptner Zeitungen“ aus dieser Zeit, die „die Personen mit Namen und Stand veröffentlichet(en)“, zu denen „Fürstlichkeiten, Angehörige des Adels, Diplomaten, Kaufleute des In- und Auslands“ gehörten. Er bot dem Besitzer für 25 Mark die Erstellung einer Liste der in der „Post“ Abgestiegenen an, die er für Werbezwecke in einem eigens verfassten Gästebuch verwenden könne, in dem er die lokalpolitische Bedeutung seines Haus herausstellt. Genau diese war nun auch das Hauptanliegen seines Briefes an den Besitzer, dem gleichzeitig auch die Brauerei des „Bayerischen Hofs“ gehörte, denn er wollte ihn zur Anbringung einer „Haustafel“ mit dem Wortlaut „Ehemals Wirtschaft z. „Straussen“. Bereits 1622 urkundlich erwähnt.“ an der Westseite beim Haupteingang bewegen.

Diese Tafel scheint nicht oder nicht lang existiert zu haben, denn in einer Chronik aus einer der letzten Speisekarten des „Hotel Post“ wird die erste urkundliche Erwähnung des „Gasthauses zum Goldenen Straußen“ in das Jahr 1712 datiert. Leider ist keine Quelle für diese Datierung angegeben. Es ist durchaus denkbar, dass es sich hier nur um die erste Nennung des „Goldenen“, also eine kleine Namensänderung, handelte, denn der Schwerpunkt dieser kleinen Hausgeschichte liegt darauf, wie das „ Hotel Post“ zu seinem Namen kam.

Das begann mit dem Fürst von Taxis, der 1743 im Haus ein Taxis’sches Postamt mit Ausspannstelle einrichtet, dem zehn Jahre später die vorderösterreichische Poststelle angegliedert wurde. Mit dem Ausbau des Streckennetzes gewann auch der gastronomische Teil des Anwesens zunehmend an Bedeutung. Zunächst wurde die Posthalterei jedoch 1770 in das Gebäude gegenüber mit der heutigen Anschrift Poststraße 11 verlegt. Die Stallungen blieben jedoch weiterhin erhalten und der Eigentümer bekam das Amt des kaiserlichen Poststallmeisters verliehen. Er stellt schließlich nicht nur den Platz, sondern auch die Pferde und ihre Verpflegung. Die Fürsten von Thurn und Taxis waren selbst Anfang des 17. Jahrhunderts vom Kaiser mit dem Erblehen als kaiserliche Generalpostmeister belohnt worden. 1778 wurde das Gebäude in der Poststraße 11 von Johann Georg Specht neue errichtet. Besonders markant ist die konkave Fassade mit dem Volutengiebel und dem breiten Eingangstor für die Postkutschen. Nach den Koalitionskriegen entstand das bayerische Königreich in dem die Familie von Thurn und Taxis sich weiter um das Postwesen kümmerten, nun aber als Privatunternehmen mit dem Namen Thurn-und-Taxis-Post. 1806 erhielten sie die Bayerische Post als Thronlehen. Es dauerte von da an nochmal knapp 25 Jahre bis nicht nur das ehemalige „Hotel zum Goldenen Straußen“, sondern auch die davor von der Hofmühle zum Hildegardplatz führende Straße in Poststraße umbenannt wurde; ab welchem Zeitpunkt das Hotel unter den Hausnummern 7-9 adressiert wurde. Noch auf einer Karte von 1826 ist die Straße aufgeteilt; der westliche Teil hieß weiterhin Mühlgasse, während der Teil, an dem das Hotel lag, Kirchgasse genannt wurde. Daraus lässt sich schließen, dass die Errichtung des Bayerischen Postwesens mit seiner Repräsentanz in der späteren Poststraße 11 die Umbenennung des „Hotels zum Straußen“ und der neue Straßenname Poststraße zeitlich eng miteinander verknüpft waren.

Skandalöser Gast

Kaum hatte sich „die Post“ als Absteigequartier und Gasthaus der gehoben Klasse etabliert, stand sie im Mittelpunkt eines sich in Südbayern rasant verbreitenden Skandals: Am 13. Februar 1848 um 11.30 Uhr hielt die Postkutsche in der Salzstraße vor dem Hotel zum Umspannen. In der Kutsche saß Lola Montez. Die Ankunft der „spanischen Tänzerin“ wurde schnell bekannt und einige Neugierige waren zusammen gelaufen. Die kleine Menge „zischt, pfeift und schreit“, berichtet der Chronist Dr. Dr. Alfred Weitnauer in seiner „Allgäu Chronik“ über den Vorfall. Was war vorgefallen?

Die gebürtig aus Großbritannien stammende Elizabeth Rosanna Gilbert sorgte schon seit 1843 in ganz Europa mit Affären und Skandalen für Unruhe. Der vorläufige Höhepunkt war ihre Affäre mit dem bayerischen König Ludwig I. Nicht nur finanziell war er ihr gegenüber äußerst großzügig. Sein Wunsch ihr die bayerische Staatsbürgerschaft zu verleihen, führte im März 1848 zum Rücktritt des gesamten Kabinetts und die schlussendliche Verleihung führte zu einem Tumult vor ihrem Wohnhaus in der Theresienstraße. Am 25. August 1847 wurde sie zudem als Gräfin von Landsfeld in den Adelstand erhoben, was ihre extreme Unbeliebtheit noch verstärkte.

Ein halbes Jahr später, sie hatte inzwischen Gefallen an einer eigenen studentischen Leibgarde gefunden, sorgte eine Affäre mit einem Studenten für einen weiteren Skandal, in dessen Verlauf Professoren und hohe Beamte entlassen und schließlich die Universität geschlossen wurde. Protesten gegen die Schließung wurde am folgenden Tag nachgegeben und die Gräfin nach Befehl aus der Stadt gejagt, was sie schließlich über Schloss Blutenburg, Augsburg und Kaufbeuren nach Kempten brachte. Die Nachricht ihres Rauswurfs aus München war ihr vorausgeeilt, so dass der kurze Aufenthalt genügte, dass eine Menge während des Umspannens den Wagen umringte, in dem eine „etwas angegriffen“ wirkende Gräfin Schutz suchte. Aus Weitnauers Chronik geht nun weiter hervor, dass die Gräfin ohne in der Kemptener „Nobelherberge“ abzusteigen ihre Fahrt gen Lindau fortsetzte.

Die Wende zum 20. Jahrhundert brachte nochmals eine starken Belebung des Tourismus. Aus diesem Grund wurde Ende der 1920er Jahre das Gasthaus um- und ausgebaut. In diesem Zusammenhang muss der bekannteste Architekt des Allgäus genannt werde: Andor Ákos. Auch wenn er am „Hotel Post“ nicht so weitreichend architektonisch Hand angelegt hat, ist sie ein gutes Beispiel für seine Begabung als Künstler. In dem kleinen Büchlein über sein Wirken im Allgäu im Allgemeinen und in Kempten im Besonderen wird der besondere Anspruch Ákos neben architektonischem Können auch ein guter Künstler zu sein deutlich gemacht. Daraus resultierte auch sein Anspruch an die jeweiligen Kunsthandwerker, mit denen er zusammenarbeitete. Eben so ein Kunstwerk zierte die Bierstube der „Hotel Post“. Für sie entwarf er 1936 eine Intarsientür, die von Franz Xaver Unterseher ausgeführt wurde. Sie kann gleichsam als krönender Abschluss verstanden werden. Neben der Bierstube beherbergte das Hotel auch den Odeonssaal, der neben dem Kornhaus die zweitgrößte Räumlichkeit für Feiern und Feste aller Art war.

Albert Schöchle

Zum Abschluss soll hier noch eine Persönlichkeit vorgestellt werden, nämlich Albert Schöchle, der vor allem als Direktor der „Wilhelma“ in Stuttgart von 1936 bis 1970 und als Schöpfer „Blühenden Barocks“ 1954 in Ludwigsburg über den Süden der Republik hinaus Bekannt wurde. Das „Hotel Post“ wurde am 13. März 1905 sein Geburtshaus, denn sein Vater war von 1903 bis zum Umzug der Familie nach Isny 1919 der Inhaber dieses renommierten Anwesens. Nach einem erfolgreichen Berufsleben, in dem er seine Leidenschaft für die Natur und die Tierwelt zum Beruf machte, kehrte er im Ruhestand wieder in seine Heimat zurück; zunächst zur Blautannenzucht an den Buchenberg und dann für den Lebens- abend in die Seniorenresidenz im Höfelmayr-Park.

In seinen Lebenserinnerungen „Das Schlitzohr – Bekenntnisse eines leidenschaftlichen Gärtners und Tierfreundes“ überschreibt er das erste Kapitel als kleine Hommage an seine Heimat, aber auch sein Geburtshaus mit „Das Glück beginnt mit einem alten Haus“. Hier erzählt er von seinem Schulweg vom Hotel in der Postgasse hinunter in die Schule in der Sutt und von seiner Lieblingsblumen, den Schneeglöckchen und dass er auf dem Dachboden immer „Räuber und Gendarm“ gespielt hat.

Yvonne Hettich

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