Einzigartige Erfahrungen

Angeregt wurden meine Überlegungen in erster Linie durch das fünftägige Nachbereitungsseminar, das vergangene Woche von meiner Organisation veranstaltet wurde. Im Mittelpunkt des Seminars stand insbesondere der Erfahrungsaustausch mit den anderen Freiwilligen. Aber auch die Reflexion über die Kultur der jeweiligen Gastländer und ein Vortrag zum politischen Engagement in Deutschland, standen auf dem Programm. Grundsätzlich ist mir vor allem klar geworden, dass man durch die Besonderheiten und Eigenarten einer „fremden“ Kultur in jedem Fall sehr stark geprägt wird. Dies war auch bei mir der Fall, wenn auch nicht in so starkem Maße, wie es beispielsweise andere Freiwillige bei ihren Aufenthalten in China oder Israel erlebt haben. Nicht nur im Bezug auf Italien sondern auch auf andere Länder, habe ich festgestellt, dass es nicht möglich ist eine Kultur auf wenige, allgemeingültige Eigenschaften zu reduzieren. Darüber hinaus ist mir auch bewusst geworden, dass nicht nur ich sondern auch viele andere Menschen leider oft dazu neigen, andere Menschen mit Hilfe von vorschnellen Urteilen oder Vorurteilen in Schubladen zu stecken. Durch diese Denkweise konnte ich mir zwar früher viel Zeit sparen, da ich mich nicht ausführlich mit der jeweiligen Person auseinandersetzen musste. Jedoch habe ich durch das Jahr im Ausland die Erkenntnis gewonnen, das jeder Mensch immer mehr als nur eine Geschichte zu erzählen hat und ich ihn deshalb nicht sofort in eine bestimmte Ecke stellen sollte. Auch wenn die Italiener, mit denen ich zu tun hatte, häufig gerne Pizza aßen und einen, für deutsche Verhältnisse, eher gewöhnungsbedürftigen Fahrstil pflegten, habe ich „den“ Italiener letztendlich nicht getroffen. Dafür aber jede Menge Menschen, die mich durch ihre herzliche und offene Art beeindruckt haben. Zusätzlich wurde ich allerdings auch noch durch einen anderen Faktor geprägt. Dadurch, dass es sich bei meinem Arbeitsplatz um eine Waldorfschule handelte, kam ich gleichzeitig mit einer mir bis dahin unbekannten Art und Weise der Wissensvermittlung in Kontakt. Die Weltanschauung, die Rudolf Steiner vor rund 100 Jahren begründete, ist ausgesprochen umfangreich. Nicht zuletzt deshalb, weil sie von der Pädagogik und Medizin über die Landwirtschaft und Religion auf sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens Einfluss ausübt. Dies ist auch der Grund dafür, dass ich im Folgenden nicht weiter auf Einzelheiten eingehen kann, da ich selbst in diesen elf Monaten nur einen winzigen Bruchteil dessen erfahren habe, was es eigentlich über die Anthroposophie zu wissen gibt. Wenn überhaupt kann ich also lediglich im Bezug auf die Pädagogik auf meine persönlichen Erfahrungen zurückgreifen. Obwohl ich zwar während meiner Arbeit nicht häufig mit den Schülern selbst zu tun hatte, konnte ich auch so eine Menge Eindrücke über das Leben der Kinder in der Waldorfschule gewinnen. Engere Bindung Besonders beeindruckt hat mich der sehr persönliche Umgang der Lehrer mit den Schülern. So stand beispielsweise jeden Morgen ein Lehrer vor der Schule, der den ankommenden Schülerinnen und Schüler die Hand schüttelte und sie dabei begrüßte. Das gleiche Bild beobachtete ich auch nach Schulschluss, als die Kinder wieder nach Hause gingen und von ihren Klassenlehrern einzeln verabschiedet wurden. Die Bindung zwischen den Kindern und ihren Lehrern schien mir im Allgemeinen viel enger und herzlicher zu sein, als ich es in den meisten Fällen während meiner Schulzeit in Deutschland erlebt habe. Den großen Unterschied, den ich im Gegensatz zur Lehre an einer öffentlichen Schule festgestellt habe ist, dass die Kinder sich nicht an den Lehrplan anpassen müssen. Die Lehrer geben dem Kind die Zeit, die es braucht um seine persönlichen Lernerfolge zu erreichen. Nach wie vor ist es dabei umstritten, inwiefern so sichergestellt wird, dass das Kind eine ausreichende Bildung erhält aber eine ausführliche Diskussion darüber würde hier den Rahmen sprengen. Abschließend kann ich sagen, dass ich durch mein Auslandsjahr in Italien in persönlicher und sozialer Hinsicht gewachsen bin und die Entscheidung, diesen Schritt gemacht zu haben, in keinem Fall bereue. Deshalb möchte ich auch jedem anderen Jugendlichen ans Herz legen, den Schritt ins Ausland zu wagen und für sich selbst einzigartige Erfahrungen zu sammeln.

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